Q_A_Live_Session_mit_Tilo_2_Februar_2017

Im Namen der Desinteressierten: @TiloJung fragt naiv und neugierig

YouTube kills the TV-Star? Vielleicht. Definitiv ist die Webvideoplattform mittlerweile eine eigene Welt. Das Netzwerk hat neue Formate hervorgebracht und neue Stars: Sie sind Moderatoren, Talkshow-Hosts, Unterhalter, Journalisten. Und sie begeistern Millionen – vor allem junge Menschen, aber auch Erwachsene. In dieser Serie portraitiert der Jahrgang 2016 der Kölner Journalistenschule YouTube-Stars und ihre Arbeit. Dazu schauen sich die Journalistenschüler das Publikum der Kanäle an, die Aktivität der Stars in sozialen Netzwerken und natürlich vor allem: ihre Videos. Für den elften Teil der Serie hat Naomi Bader sich die Clips von Youtuber Tilo Jung angesehen.

Sahra Wagenknecht & die isländische Lösung - Jung & Naiv: Folge 28a

Mit dem Ziel Desinteressierten Politik näher zu bringen stellt Tilo Jung seit vier Jahren naive Fragen. Für seine Interviews mit Politikern, Experten und Pressesprechern schlüpft der 31-jährige in die Rolle eines 14-jährigen, der absolut keine Ahnung von Politik hat. Er duzt seine Interviewpartner, ignoriert formelle Distanzen und verlangt, dass Fremdwörter und Fachbegriffe erklärt werden. Für Jung ist das sein Traumberuf, wie er kürzlich in einer Q&A-Session auf Youtube erklärt hat.

https://www.youtube.com/watch?v=-pitc_FWm2Q
Naive Fragen bei der Bundespressekonferenz

Sein Youtube-Debüt machte Jung im Februar 2013: Mit seiner Handy-Kamera begann er seine Interviews zu filmen und stellte die Clips ungekürzt auf seinen Kanal. Seitdem hat sich einiges geändert. Mithilfe von Crowdfunding sammelte Jung Geld für besseres Equipment. Sein Format ist gewachsen, bekannt und beliebt geworden und mittlerweile lassen sich zahlreiche bekannte Politiker von Jung interviewen, etwa Heiko Mass, Peer Steinbrück, Frauke Petry oder Erika Steinbach. Jungs Leitlinie bleibt dabei stets die Naivität. Egal ob Fraktionsvorsitzende der Linken oder Bundesjustizminister, jeden seiner Interviewpartner duzt Jung. Warum? Seine Antwort: Warum nicht?

Markus Lanz (vom 17. Juli 2013) - ZDF (3/5) (511. Sendung)

Und noch etwas macht Jung anders: Seine Interviews veröffentlicht er in voller Länge. Zu Beginn, weil dem YouTuber das Geld für ein Bearbeitungsprogramm fehlte. Heute steht dahinter ein Ideal: Transparenz.

„Wer bin ich, zu entscheiden, was interessant ist und was nicht“, sagte er der FAZ.

Aber wie finanziert der selbstständige Journalist seine Arbeit? In seinen Anfängen musste Jung nebenher für RadioEins arbeiten und modeln. Während einer Kooperation von 2013 bis 2014 mit dem Jugendfernsehsender Joiz konnte Jung erstmals von seiner naiven Fragerei leben. Für seine Berichterstattung der Bundestagswahl 2013 erhielt er zudem ein Stipendium von Google. Und bei einer Crowdfunding-Aktion sammelte er mehr als 15.000 Euro für eine Europareise anlässlich der Europawahl 2014. Mittlerweile können sich Jung und seine drei Kollegen ganz durch die Spenden von Fans finanzieren. Zwischen 4000 und 10000 Euro pro Monat kommen zusammen. Jung zeigt damit, dass Menschen bereit sind, für Online-Journalismus zu zahlen.

Besonders beliebt bei Jungs fast 100.000 Abonnenten ist die Berichterstattung zu den Bundespressekonferenzen. Oft sorgen die Regierungssprecher mit ihren Antworten auf Jungs naive Fragen unfreiwillig für Komik. Und auch wenn Tilo Jung es noch nicht ins öffentlich-rechtliche Fernsehen geschafft hat (vielleicht auch gar nicht schaffen will) seine Mitschnitte sind schon dort: Der Heute-Show und Extra3 sind sie willkommenes Material für Satire.

Natürlich erntet Jung für seine Arbeit bei der Bundespressekonferenz auch Kritik. Etwas naiv fragen manche: Ist das noch Journalismus oder erhofft sich Jung anhand des Comedy-Faktors größere Zuschauerzahlen? Er selbst sagte dazu der Rheinischen Post:

„(…)ich kann nicht kontrollieren, was in der BPK gesagt wird. Wenn es Szenen gibt, in der die Regierung gut reagiert, dann zeige ich die auch. Es kommt nur seltener vor.“

Viele von Jungs Kollegen bei der Bundespressekonferenz sind mittlerweile manchmal genervt von seinen Fragen, die sich nicht immer am aktuellen Tagesgeschehen orientieren. Ihm darf das egal sein. Denn im Gegensatz zu den anderen Journalisten ist Jung sein eigener Chef und kann veröffentlichen wann er will. Ein großer Vorteil seines YouTube-Journalismus.

Trotzdem möchte Jung auch ins Fernsehen, er hat größere Ideen, wie er selbst sagt. Nur Einschränken will er sich dafür nicht. Verhandlungen mit dem Fernsehsender n-tv scheiterten laut Jung, weil er sein Material weiterhin in voller Länge auf YouTube veröffentlichen möchte. Jung ist sich sicher, dass die Fernsehsender langfristig ohnehin keine Chance gegen den Journalismus im Internet haben. Sein Modell, so glaubt Jung, ist die Zukunft.

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