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Simon Ruane filmt sich auf Drogen – und wirbt mit seinem Kanal OpenMind für das Recht auf Rausch

YouTube kills the TV-Star? Vielleicht. Definitiv ist die Webvideoplattform mittlerweile eine eigene Welt. Das Netzwerk hat neue Formate hervorgebracht und neue Stars: Sie sind Moderatoren, Talkshow-Hosts, Unterhalter, Journalisten. Und sie begeistern Millionen – vor allem junge Menschen, aber auch Erwachsene. In dieser Serie portraitiert der Jahrgang 2016 der Kölner Journalistenschule YouTube-Stars und ihre Arbeit. Dazu schauen sich die Journalistenschüler das Publikum der Kanäle an, die Aktivität der Stars in sozialen Netzwerken und natürlich vor allem: ihre Videos. Im achten Teil der Serie beschreibt Julian Wessel, warum Simon Ruane sich im Drogenrausch filmt.

Dem YouTuber OpenMind werden regelmäßig Drogen ins Wurstbrot gemischt. Das behauptet er zumindest am Anfang seiner Videos, in denen er sich unter dem Einfluss verschiedener Drogen filmt. Wohl, um sich rechtlich abzusichern. Die Dosis und die Art der Substanz kennt er nämlich immer sehr genau. Seine Drogentrips lädt er dann öffentlich auf seinem Kanal hoch. Die Erfahrungsberichte machen einen Teil seiner Videos aus, die sich allesamt mit dem Thema Drogen auseinandersetzen.

Mit gut 200.000 Abonnenten und rund 200 Videos, die insgesamt über 24 Millionen Mal geklickt wurden,  ist Simon Ruane der größte deutschsprachige Youtuber zum Thema Drogen. Er dreht Videos, in denen er Fakten zu bestimmten illegalen Drogen aufzählt oder in denen er argumentiert, warum Legalisierung von Drogen aus seiner Sicht sinnvoll wäre. Am Besten aber kommen bei seinen Zuschauern seine Erfahrungsberichte an. Die Videos, in denen er MDMA, den Hauptbestandteil von Ecstasy, und Kokain ausprobiert, wurden über 500.000 Mal geklickt. Im Vergleich: ungefähr 120 seiner Videos wurden nicht einmal 100.000 Mal aufgerufen.

Sein Erfolg kommt nicht von ungefähr: Mit seinen Inhalten trifft er den Nerv der Zeit. In immer mehr US-Bundesstaaten wird Cannabis legalisiert und auch in Deutschland wird immer wieder über eine liberalere Drogenpolitik diskutiert. Der Berliner Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain durfte seinen geplanten Modellversuch zur legalen Abgabe von Cannabis zwar nicht durchführen, aber immerhin beinahe 40 Prozent der Deutschen sind laut repräsentativen Umfragen für eine Legalisierung von Cannabis. Und bei weitem nicht alle lassen sich von Verboten abhalten, Drogen zu nehmen: Die nicht repräsentative Studie Global Drug Survey zeigt: Viele Menschen in Deutschland kiffen, koksen und werfen Pillen ein.

So auch Simon Ruane – mindestens in seinen Videos. Seit mehr als drei Jahren betreibt er mittlerweile den Kanal OpenMind. Auf YouTube aktiv war er schon vorher. Er betrieb bereits drei weitere Kanäle – mit mäßigem Erfolg. Angefangen hat es vor zehn Jahren mit dem Kanal „SimonRuane“, auf dem er Kurzfilme und Filmkritiken online stellte. Bei seinem zweiten Kanal „Simon und Tanzbär“, auf dem er gemeinsam mit einem Freund Comedy-Videos veröffentlichte, reichte es immerhin zu 25.000 Abonnenten. Auf seinem Technikkanal „Techburger“, der derzeit 2.500 Abonnenten hat, lädt er sehr unregelmäßig Videos hoch.

Als er dann Ende 2013 begann, ein generelles Interesse für Drogen zu entwickeln, wollte er einmal halluzinogene Pilze ausprobieren. Da er sich überhaupt nicht vorstellen konnte, wie man sich auf dieser Droge verhält, suchte er nach Videos von Leuten, die sich genau in diesem Zustand befinden. Seine Suche blieb jedoch erfolglos, sodass er kurzerhand selbst einen Aufklärungskanal über Drogen eröffnete.

Im vierten Anlauf hat er Erfolg: Mittlerweile kann sich Ruane laut eigenen Angaben Vollzeit auf YouTube konzentrieren. Dabei machen die Einnahmen durch die Videos selber nur einen kleinen Teil aus: Weil seine Inhalte zum Thema Drogen unattraktiv für Werbung sind, verdient er mit seinen Videos nach eigenen Angaben monatlich nur 100 Euro. Produktplatzierungen gibt es bei ihm keine – stattdessen verlinkt er unter den Videos seine Spendenaccounts bei Bitcoin und Patreon. Über Letzteres generiert er laut der Plattform 94 US-Dollar. Seine größte Einnahmequelle ist jedoch sein Onlineshop: Simon verkauft dort Vaporizer (Geräte, mit denen man Cannabis verdampft), Drogentests, eine eigene Kleidungs-Kollektion und weiteres Drogenzubehör.

 

Obwohl er sich für eine Legalisierung stark macht, sprechen sich einige Drogen-Befürworter in Drogenforen wie EvE&Rave gegen seinen Kanal aus. Sie werfen Ruane vor, nicht professionell genug an solch ein schwieriges Thema heranzugehen und Drogen zu verharmlosen. In seiner Community hingegen findet OpenMind für sein Projekt reichlich Unterstützung. Seine Videos haben in den meisten Fällen ein paar Tausend Likes bei meistens unter 100 Dislikes.

Er will aufklären, für eine liberalere Drogenpolitik kämpfen und zu einem risikoärmeren Drogenkonsum beitragen. Sein Publikum ist zwar durchschnittlich über 18 Jahre alt, dennoch hat er selbstverständlich auch einige minderjährige Zuschauer. Diese warnt er ausdrücklich vor Hirnschäden, die durch Konsum in jungen Jahren verstärkt auftreten.

In wie weit seine eigenen Experimente strafbar sein könnten, dazu äußert er sich nicht. Der Konsum von Drogen ist in Deutschland nicht strafbar. Laut §29 des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) steht aber auf Herstellung, Erwerb, Besitz und Handel Freiheits- oder Geldstrafe. Simon Ruane wirkt sicher, dass ihn das nicht betrifft. Wie auch – werden ihm seine Drogen doch ständig von einem mysteriösen Unbekannten ins Wurstbrot gemischt.

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