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Kein Klischee: @Tourettikette ist der etwas andere Benimm-Ratgeber

YouTube kills the TV-Star? Vielleicht. Definitiv ist die Webvideoplattform mittlerweile eine eigene Welt. Das Netzwerk hat neue Formate hervorgebracht und neue Stars: Sie sind Moderatoren, Talkshow-Hosts, Unterhalter, Journalisten. Und sie begeistern Millionen – vor allem junge Menschen, aber auch Erwachsene. In dieser Serie portraitiert der Jahrgang 2016 der Kölner Journalistenschule YouTube-Stars und ihre Arbeit. Dazu schauen sich die Journalistenschüler das Publikum der Kanäle an, die Aktivität der Stars in sozialen Netzwerken und natürlich vor allem: ihre Videos. Im elften Teil der Serie beschreibt Maximilian Hübner den Kanal Tourettikette.

Adrett gekleidet mit Anzug, Krawatte und Lederschuhen sitzt Bijan Kaffenberger in seinem pompösen Ledersessel. Auf dem Tisch neben ihm steht ein klobiger Aschenbecher, eine Flasche Whiskey und eine Büste von Goethe. An der mit blumigen Ornamenten verzierten Wand hängt ein Porträt von Thomas Jefferson. Der junge Mann im Sessel blickt aufrecht und mit einem breiten Lächeln aus seinem Zimmer in die Kamera. Plötzlich beginnt er unkontrolliert zu zucken. Ruckartig schlägt sein Kopf mehrmals nach hinten und seine Arme jagen in verschiedene Richtungen. Immer wieder stößt er quietschende Laute aus. Das herrschaftliche Bild wird gestört durch einen Tourette-Anfall. Genau diesen Effekt will Bijan erzielen. Er hat aus seiner Tourette Erkrankung ein YouTube-Konzept gemacht.

Tourettikette heißt das Ratgeberformat, in welchem Bijan die Fragen seiner Community humorvoll – nicht immer ganz ernst gemeint – im Sinne des guten Stils und der Etikette beantwortet. Zusammen mit der Grimme-Preis-prämierten Agentur Hyperbole produziert Bijan seine Videos für YouTube. Ihr Auftraggeber ist Funk – das junge Angebot der ARD und des ZDF.

Begonnen hat alles mit Bijans Bekannten Alisa. „Ich kam durch Zufall zu YouTube. Alisa hatte bereits bei Hyperbole gearbeitet. Irgendwann fragte sie mich, ob ich nicht Lust hätte bei der Serie „Frag ein Klischee“ mitzumachen“, sagt der 27-Jährige im Gespräch.

Bijans Videos liefen super und wurden überdurchschnittlich oft geklickt. Irgendwann habe sich dann alles verselbstständigt, erzählt er heute. Immer wieder kursierten bereits damals Gerüchte über das neue Jugendangebot von ARD und ZDF. Schließlich kam Hyperbole auf Bijan zu – gemeinsam entwickelten sie ein neues Konzept, das schließlich von Funk eingekauft wurde. Die Tourettikette war geboren.

Anders als bei „Frag ein Klischee“ soll Tourette hier nicht mehr so stark im Vordergrund stehen. „Wir versuchten uns an einer Persiflage der bürgerlichen Etikette“, sagt Bijan. Eine Idee, die ankommt. Seit rund acht Monaten beantwortet Bijan nun schon in seinen 80- bis 100-sekündigen Videos Fragen wie: „Hipster oder Terrorist? Mein Mitbewohner skypt jede Nacht mit einem Freund in Mossul“.

Oder: „Wie sage ich meinem Vater, dass ich auf meine Stiefschwester stehe?“

Bijan ist nicht unbedingt der typische Youtuber. Er selbst sagt, er sei für vieles auf YouTube wohl einfach ein bisschen zu alt. Er sehe sich auf der Plattform auch nichts an, nicht einmal seine eigenen Videos. Den Trend vieler junger Menschen hin zu den sozialen Medien sieht er sogar eher kritisch: „Früher wollten alle Fußballer oder Modell werden. Heute will jeder Youtuber oder Instagram-Sternchen sein“, sagt er. „Der Witz ist ja, dass bei YouTube nur die wenigsten davon leben können. Die meisten sitzen dann doch bei REWE an der Kasse oder studieren nebenbei.“

Nicht so bei Bijan: Mit seiner Bahncard 100 pendelt er Woche für Woche durch ganz Deutschland. Von seiner Uni in Frankfurt geht es nach Erfurt ins Thüringer Wirtschaftsministerium, wo er als Referent arbeitet. Die Aufzeichnungen für Tourettikette finden in Berlin statt, und dann geht es wieder zurück ins heimische Roßdorf in Hessen. Hier sitzt er für die SPD in der Gemeindevertretung. „Mein größter Vorteil ist, dass ich nicht muss, sondern will! Ich habe einen Job, und ich habe zwar Bock auf YouTube, aber ich sehe meine Zukunft nicht dort“, sagt er. „Es ist eine gute Möglichkeit, sich kreativ auszutoben, aber am liebsten würde ich Politik machen.“ Ganz unpolitisch geht es auch bei Tourettikette nicht zu, wie dieser Clip zeigt:

Bei Funk fühlt sich Bijan gut aufgehoben: „Funk hat sich etwas aus dem Fenster gelehnt, das fand ich spannend. Damit sind sie den privaten Sendern zurzeit voraus.“ Vor allem sei es schön, dass bei Funk nicht versucht wird, ein neues YouTube zu bauen, sondern das Vorhandene genutzt wird. „Wir machen nicht mehr Rundfunk, wir produzieren Content“, sagt Bijan.

Damit sieht er das Netzwerk der Öffentlich-Rechtlichen auf dem richtigen Weg. Für das lineare Fernsehen werde es in Zukunft schwer sein zu bestehen, glaubt er. Keiner würde mehr darauf warten, den neuen Bond bei RTL oder in der ARD zu sehen. Für die privaten Sender sieht Bijan kaum noch eine Zukunft: „DVBT 2 kann der Anfang vom Ende sein. Fünf Euro für privates Fernsehen klappt nicht, wenn es für zehn Euro Netflix gibt.“

Aber auch YouTube wird sich verändern, meint er: „Mit der Zeit differenziert sich jedes Programm aus. Je mehr Generationen von Digital Natives entstehen, desto vielfältiger wird auch das Angebot sein.“

Zu dieser Vielfalt trägt Bijan mit seinem Format schon jetzt bei. Und er wird auch weiterhin Zigarre rauchend und Whiskey trinkend alle Fragen zur Etikette des Lebens beantworten. Solange es ihm Spaß macht.

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