GIF Cybermobbing Amanda Todd

Die Hölle, das sind die anderen User: #Cybermobbing und die Folgen

Mal trifft es Privatpersonen, mal Unternehmen, mal Parteien: Shitstorms sind fast so alt wie das Internet. Und sie helfen dabei, es zu verstehen: Die entfesselte virtuelle Massenerregung zeigt die Macht und die Möglichkeiten sozialer Netzwerke und offenbart gleichzeitig einen Einblick in die Abgründe des Internets. Deshalb beschäftigt sich der Jahrgang 2016 in einer Serie genauer mit dem Phänomen Shitstorm. In Teil drei beschreibt Jerome Busch, wie junge Menschen darunter leiden, wenn sie Opfer von Cybermobbing werden.

Eine 15-Jährige hält im Youtube-Video beschriftete Karteikärtchen in die Kamera. Es ist die Abschiedsbotschaft der Kanadierin Amanda Todd. Ein Kärtchen nach dem anderen wandert durch das Video. In acht Minuten erzählt Todd mithilfe der beschriebenen Kärtchen ihre Mobbing-Geschichte. Sie hatte in der siebten Klasse mit Männern gechattet. Diese imponierten Todd und forderten sie auf, ihnen Bilder von ihren Brüsten zu schicken. Sie kam der Forderung nach, die Täter veröffentlichten allerdings die Fotos auf Facebook und machten sie an Todds Schule publik. Die Folge: Amanda Todd wurde depressiv und nahm sich 2012 das Leben. Bis heute haben ihr Video über zwölf Millionen Menschen gesehen. Amanda Todd wurde zur weltweit zur Symbolfigur, ihr tragischer Fall machte aufmerksam auf das Thema Cybermobbing.

Bei weitem nicht alle Cybermobbing-Fälle sind so drastisch – aber es werden immer mehr: Aktuellen Hochrechnungen zufolge sind in Deutschland über 1,4 Millionen Jugendliche vom Cybermobbing betroffen  – Tendenz steigend. Während in der Kriminalstatistik der Polizei die Zahlen von Gewaltopfern zurückgehen, nimmt die Zahl der Mobbingopfer im Netz stetig zu.

Cybermobbing und Shitstorms sind ähnliche Phänomene. Eine Gruppe Internetnutzer verbündet sich gegen eine Person, es wird beleidigt, beschimpft, gedroht. Der Unterschied: Cybermobbing ist persönlicher, privater, weniger öffentlich. Es ist dadurch zeitlich auch weniger begrenzt. Ein Shitstorm ebbt ab, mancher Schüler wird über Jahre gemobbt. Oft geht es um die Fortsetzung des realen Mobbings in Schulen mit digitalen Mitteln. Jugendliche lästern über Mitschüler in WhatsApp-Gruppen, verschicken Gerüchte, heimlich aufgenommen Bilder oder peinliche Videos, die sich rasend schnell weiterverbreiten.

Die Folgen sind zum Teil gravierend: Britische Forscher veröffentlichten 2015 eine Studie in der Fachzeitschrift „The BMJ Journal“, in der sie feststellten, dass jeder dritter britische Erwachsene, der im Kindes-und Jugendalter gemobbt wurde, Formen von Depressionen zeigt.

Von 683 der Befragten, die im Alter von 13 Jahren angegeben hatten, mindestens einmal wöchentlich Schikanen ausgesetzt zu sein, hatten fast 15 Prozent mit 18 Jahren Depressionen. Dieser Anteil war drei Mal so hoch wie bei den anderen 18-Jährigen, die als Kinder keine Mobbing-Erfahrungen machen mussten. Als Mobbing-Opfer galten Kinder, die von Gleichaltrigen ausgeschlossen, verleumdet, bestohlen, bedroht, erpresst oder gar geschlagen wurden.

Das Problem lässt sich nicht nur in Großbritannien feststellen. Eine gemeinsame Studie von Vodafone und YouGov in Deutschland mit 5000 Jugendlichen zeigte 2015, wer von Cybermobbing betroffen ist und welche Folgen bei den Jugendlichen entstehen.

Doch nicht nur bei groß angelegten Studien werden die Probleme deutlich. Werner Ebner betreibt im Internet die Plattform „schueler-mobbing“. Er startete eine Onlineumfrage mit 17 Fragen zum Thema Mobbing, 3000 Menschen nahmen teil. In den Freiantworten der Umfrage schildern einige Opfer ihre Probleme, vor allem die Spätfolgen werden erkennbar. Ein Teilnehmer schreibt:

„Ich war lange das Opfer von Mobbing. Ich bin mittlerweile 25, und hab oft noch das Gefühl Opfer zu sein. Man kann das in keine spezielle Altersgruppe einstufen. Auch Erwachsene haben oft das Problem bei der Arbeit gemobbt zu werden. Ist man ein bisschen anders, wird man gleich mal das Opfer. Will man sich nicht unterordnen, oder alles tun was andere sagen – ist man das Opfer. So lang ich denken kann, bin ich anders… Ich trinke nicht, rauche nicht… Ich brauchs nicht, und das hat halt manche Leute gestört. Willst dazu gehören tu dies, tu das. Das war halt nix für mich. Ich mach mich gerade Selbstständig, weil ich auch bei der Arbeit das Gefühl gehabt hab, einfach nicht dazugehört zu haben, oder das ständig über mich geredet wurde.

Das Problem: In Schulen wird Cybermobbing häufig nicht erkannt, spielt sich ohne Wissen von Lehrern und Sozialpädagogen in Klassenzimmern und Schulhöfen ab. Und selbst wenn Fälle von Cybermobbing erkannt werden, fehlt Eltern und Lehrern oft das nötige Fachwissen, um dagegen vorzugehen. Vereinigungen und Initiativen versuchen deswegen seit Jahren, über Cybermobbing aufzuklären und die Problematik für die Gesellschaft zu öffnen. Der deutsche Ableger der EU-Initiative „klicksafe“ veröffentlichte 2017 die Youtube-Serie #ichwars, in der fünf deutsche Youtuber über ihre Erfahrungen mit Cybermobbing berichten – als Opfer, Täter oder Zuschauer. So will die Initiative das Problem Cybermobbing offen ansprechen. Auch am „Safer Internet Day“, der jedes Jahr Anfang Februar stattfindet, thematisiert klicksafe das Thema Cybermobbing besonders: So rief die Initiative dieses Jahr vom 7.-14. Februar zur „STOP MOBBINGWOCHE“ auf. Viele Experten sind mittlerweile ebenfalls aktiv geworden und versuchen präventiv, gegen Cybermobbing vorzugehen. Benjamin Gust vom Bundesverband Community Management, der die Interessen in der digitalen Kommunikation vertritt, gab beispielsweise im Interview mit der „Augsburger Allgemeinen“ Hinweise an Opfer und Außenstehende:

Wichtig ist, in sozialen Netzwerken nicht alles zu „posten“, was einem gerade durch den Kopf geht. Man sollte vorher noch einmal darüber nachdenken, was man preisgibt – denn das Internet vergisst nie. Und nicht alles ist für alle bestimmt. Bei Facebook gibt ein einfaches Mittel, Beiträge für bestimmte Zielgruppen einzugrenzen: Der Nutzer kann zum Beispiel Freundeslisten anlegen, um seine Beiträge dann später nur den gewünschten Freunden zugänglich zu machen. Das beste Mittel gegen Cyber-Mobbing ist aber die Prävention. Schon zum Start ihrer Internet-Erfahrung sollten Kinder an das Thema Cyber-Mobbing herangeführt werden. Das gilt für das Elternhaus genauso wie für den Schulunterricht und die Vereinsarbeit. Verbieten sollten die Eltern ihren Kindern das Internet und die sozialen Netzwerke aber auf keinen Fall. Denn es gehört ab einem gewissen Alter einfach dazu, auf Facebook und Co. angemeldet zu sein. Wer das nicht ist, kann schnell zum Außenseiter werden – und gleichzeitig auch nicht kontrollieren, ob jemand etwas Beleidigendes über ihn ins Netz stellt.

Immer populärer wird auch die Idee, dem Hass im Netz etwas positives entgegenzusetzen. Das ist etwa der Grundgedanke der Facebook-Initiative #Ichbinhier und es ist wohl auch die Idee der Amerikanerin Kat Thek. Sie verwandelt Hasskommentare in süße Kuchen. Für 35 Dollar kann man ihr erhaltene Hasskommentare mit dem jeweiligen Autor schicken. Theks „Troll Cakes“ werden mit dem jeweiligen Kommentar verziert und an den Übeltäter zurückgeschickt. Das Problem wird so zwar nicht gelöst – der Täter wird aber auf humorvolle Art und Weise bloßgestellt.

  Trollcakes.com #donkeywitch #trollcakes   Ein Beitrag geteilt von Kat Thek (@kat_thek) am


Dem Experten Benjamin Gust zufolge haben Aufklärung, Medienbeiträge und einzelne Filme mittlerweile dafür gesorgt, dass die Gesellschaft heute sensibler auf das Thema reagiert. Und auch die Hilfe für Cybermobbing im Internet ist mittlerweile sichtbar geworden. Wer heute nach dem Video von Amanda Todd aus Kanada sucht, stößt unter der Suchzeile bei Youtube auf eine besondere Infoleiste: Neben einem roten Telefon prangt die Nummer der deutschen Telefonseelsorge (siehe unten).

Sofortige Hilfe bei Suizidgedanken erhalten Sie rund um die Uhr bei der Telefonseelsorge unter der bundeseinheitlichen kostenlosen Rufnummer 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 und im Internet unter www.telefonseelsorge.de

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