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Liebe statt #Shitstorm – Wie @Volker_Beck für Claudia #Roth den #Candystorm erfand

Mal trifft es Privatpersonen, mal Unternehmen, mal Parteien: Shitstorms sind fast so alt wie das Internet. Und sie helfen dabei, es zu verstehen: Die entfesselte virtuelle Massenerregung zeigt die Macht und die Möglichkeiten sozialer Netzwerke und offenbart gleichzeitig einen Einblick in die Abgründe des Internets. Deshalb beschäftigt sich der Jahrgang 2016 in einer Serie genauer mit dem Phänomen Shitstorm. Den Anfang mach Maik Mosheim – mit dem Gegenteil eines Shitstorms.

Dass Volker Beck ein besonderes Verhältnis zum Thema Liebe hat, bewies nicht erst seine nachdrückliche Forderung, die Ehe für alle sofort einzuführen. Bereits im Jahr 2012 entschied sich der Grünen-Politiker aus damals aktuellem Anlass statt „Shit“ Candy, statt Hass, Liebe zu verbreiten.

Als die Grünen im November 2012 mittels Urwahl ihre Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl 2013 wählten, belegte Claudia Roth mit einem enttäuschenden Stimmenanteil von 26,2 Prozent nur den internen vierten Platz. Öffentlich sowie innerparteilich wurde über ihren Rückzug aus dem Parteivorsitz diskutiert.

Für ihren Parteigenossen Volker Beck nicht hinnehmbar. Auf Twitter rief er die Menschen zu einer Zuspruchswelle für Claudia Roth („ein candystorm für Claudia“) auf. Als Gegensatz zum „Shitstorm“ wollte Beck eine Flut an positiven anstatt negativen Reaktionen provozieren. Mit Erfolg.

Nur einem Tag nach Becks Twitteraufruf, am 12.11.2012, erklärte Roth, sie werde doch wieder antreten. Mit gutem Recht, denn fünf Tage später wurde sie mit starken 88,5 Prozent in ihrem Amt bestätigt. Dass sie bei ihrer Bewerbungsrede zuvor mit Bonbons als Anspielung auf den „Candystorm“ beworfen wurde, war das Highlight des Abends. Roth selber erwähnte den „Candystorm“ daraufhin besonders lobend. So etwas habe sie noch nie erlebt, sagte sie in ihrer Rede.

Und es war in der Tat ein ganz neues Phänomen, das Volker Beck mit seinem Tweet ins Leben rief. Plötzlich gab es in Deutschland einen Namen für größere Zuspruchswellen, eine neue Qualität, die sich vornehmlich auf Twitter anfing zu verbreiten. Es zeigte sich, dass die Menschen im Internet nicht nur zu kollektiven Hasstiraden (Shitstorms) in der Lage sind, sondern auch gesammelt positive Stimmung verbreiten können.

Der Begriff des Candystorm fand vielleicht auch deshalb sehr schnell Verwendung in der deutschen Medienlandschaft. „Die Zeit“ bezeichnete den Zuspruch für den damaligen SPD-Spitzenkandidaten Peer Steinbrück beim Juso-Kongress in Magdeburg im November 2012 als „Candystorm“. Und auch außerhalb der Politik tauchte der Begriff plötzlich auf: Als Til Schweigers Wohnhaus im März 2013 von zwei Linksradikalen mit Marmeladengläsern beworfen und das Auto seiner Freundin angezündet wurde erreichte den Schauspieler eine riesige Flut an positiven Facebookposts. Verschiedene Medien berichteten und bezeichnete die Unterstützung als „Candystorm“.

Selbst eine der bekanntesten Figuren des Internets bekam einen eigenen Zuspruchs-Sturm: Im Juni 2013 reichten Unterstützer von Whistleblower Edward Snowden eine Petition im Weißen Haus ein, die garantieren sollte, dass Snowden wieder ungehindert in sein Heimatland einreisen darf. Innerhalb von drei Wochen hatte die Petition bereits über 100.000 Unterschriften. Auf Twitter entstand daraufhin der Hashtag #snowstorm22, der darauf abzielte, dass Snowden in Deutschland Asyl gewährt werden könnte. Außerdem wurden mehrere Petitionen beim Deutschen Bundestag eingereicht, die Snowden auch offiziell Asyl gewähren sollten, die jedoch abgelehnt wurden.

Das Jahr 2017 lieferte ebenfalls einige Kuscheleinheiten.

Auch Unternehmen profitieren ab und an von der „Kuschelwelle“. Die Walter Niemetz Süßwarenfabrik in Österreich geriet im Jahr 2013 in finanzielle Schwierigkeiten. Rund 41.000 Menschen unterstützten damals die Rettung der Fabrik auf Facebook in der Gruppe „Rettet die Niemetz Schwedenbomben“. Auch das österreichische Kulteis „Tschisi“ der Marke Unilever wurde dank damals 90.000 Unterstützern in der Gruppe „Wir wollen das Tschisi-Eis zurück“ nochmal neu produziert.

Bevor Volker Beck 2012 den Begriff des positiven Shitstorms prägte, gab es jedoch schon andere Versuche, Kuscheleinheiten via Internet zu verbreiten. Die Piratenpartei beispielsweise nannte ihre Idee „Flauschstorm“, allerdings konnte sich dieses Schlagwort höchstens parteiintern durchsetzen.

In den sozialen Netzwerken ist der Begriff Candystorm nichtsdestotrotz deutlich weniger präsent als sein Gegenentwurf.

Obwohl die Tabelle nur einen Querschnitt darstellt, zeigt sie doch, dass die Reichweite des Candystorms deutlich begrenzter ist als die des Shitstorms. Die positiven Effekte, die der Candystorm seit nunmehr fünf Jahren verbreitet, kann man jedoch nicht leugnen. Davon kann nicht zuletzt Claudia Roth ein Lied singen.

Bildnachweis Titelbild (CC0 1.0) 

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