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Wissen wie Musik geht – Wie YouTube-Star @TheClavinover bald auch in den Öffentlich-Rechtlichen den Ton angibt

YouTube kills the TV-Star? Vielleicht. Definitiv ist die Webvideoplattform mittlerweile eine eigene Welt. Das Netzwerk hat neue Formate hervorgebracht und neue Stars: Sie sind Moderatoren, Talkshow-Hosts, Unterhalter, Journalisten. Und sie begeistern Millionen – vor allem junge Menschen, aber auch Erwachsene. In dieser Serie portraitiert der Jahrgang 2016 der Kölner Journalistenschule YouTube-Stars und ihre Arbeit. Dazu schauen sich die Journalistenschüler das Publikum der Kanäle an, die Aktivität der Stars in sozialen Netzwerken und natürlich vor allem: ihre Videos. Im ersten Teil der Serie geht Judith Henke dem Erfolg von theclavinover nach.

„Chabos wissen wer der Babo ist“ hat das Potenzial zum Lieblingssong deiner Oma. Jedenfalls dann, wenn es statt von Rapper Haftbefehl von diesem netten jungen Herrn vorgetragen wird:

Dieser Möchtegern-Max Raabe ist der YouTuber Marti Fischer und dessen Songparodie auf Haftbefehls erfolgreichsten Hit ist mit fast sechs Millionen Klicks zugleich auch das beliebteste Video auf seinem Kanal „theclavinover.“ Sogar Haftbefehl höchstpersönlich hat den Clip mit einer Empfehlung geadelt.

Warum Marti Fischers Interpretation funktioniert? Weil sie das Beste an seinem YouTube-Kanal vereint: Musik, Promi-Imitationen und – vor allem – Humor.

Humor, der weit entfernt ist von dem, was einige seiner YouTube-Kollegen witzig finden. Selbstironie statt selbstverliebter Pranks. Information statt Schleichwerbung.

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YouTube Kanal TheClavinover. Die wohl beste Reihe ist „Wie geht eigentlich Musik?“ (Bildquelle: YouTube)

So etwa in seiner wohl besten Reihe „Wie geht eigentlich Musik?“ Ob Punk, Schlager oder Blues – nahezu jedes Genre nimmt Fischer auseinander. Dafür braucht er nur wenig: Seine Stimme, ein Keyboard und eine Loop-Maschine.

Setting für den nächsten Loop steht. #DannKannsJaLosgehen 😀

Ein von Marti Fischer (@theclavinover) gepostetes Foto am

Mit der kann er Tonsequenzen endlos wiederholen – das ermöglicht ihm, einen Song schichtweise übereinanderzusetzen. Und was er dabei erklärt, ist überraschend eloquent und gut recherchiert. Schlagzeug, Bass, Gitarre – was auf einer musikalischen Ebene passiert, stellt Fischer direkt an seinem Keyboard nach – ohne viel Fachchinesisch zu benutzen. So versteht selbst ein Laie, wie ein Musikgenre aufgebaut ist – oder auch ein berühmter Song. Etwa:

Damit wird Marti Fischer zu dem Musiklehrer, den sich jeder wünscht. Das hat dem 27-Jährigen nicht nur knapp eine halbe Million Abonnenten gebracht, sondern letztes Jahr auch die Auszeichnung mit dem Deutschen Webvideopreis. Anlass war dieses Video.

Nicht der erste Erfolg für Fischer. Schon als er 19 Jahre alt war, gewann er den YouTuber-Preis Secret Talents Award. Überzeugt hatte er mit einem eigentlich ziemlich simplen Video: Im Kapuzenpulli steht Marti Fischer in seinem Kinderzimmer und imitiert Prominente.

Danach wurde Marti Fischer selbst zu einem kleinen Prominenten – zumindest in der YouTube-Welt. Dort wollte der Abiturient fortan Karriere machen – und verwarf seine Pläne für ein Musik-Studium. Mit Erfolg: Fischer kann laut eigenen Aussagen von YouTube leben. Und mittlerweile sind sogar die Öffentlich-Rechtlichen auf ihn aufmerksam geworden. Seit Ende Oktober hat Marti Fischer nun eine eigene Sendung auf KiKa.

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„Leider Lustig“ ist das neue KiKa-Format mit Marti Fischer. (Bildquelle www.kika.de)

„Leider Lustig“ heißt sie und ist wohl das, was sich das Fernsehen unter YouTube vorstellt. Keine Jump Cuts, mit denen Versprecher kaschiert werden sollen. Stattdessen durchgestylte Sketch-Clips, in denen Fischer in verschiedene Rollen schlüpft. Vermischt ist das mit ein paar Talkshow-Elementen, musikalischen Einlagen – und vielen Albernheiten. Natürlich alles auf die sehr junge Zielgruppe zugeschnitten.

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Auch beim Jugendnetzwerk „Funk“ wird Marti Fischer mitmachen. (Bildquelle: www.funk.net)

Keine Frage, dass Fischer auch in einem anderen öffentlich-rechtlichen Nachwuchs-Projekt mitmischen wird:„Bongo Boulevard“ wird seine neue Reihe auf dem Sendungs-Netzwerk „Funk“ heißen. Inhaltlich ist noch wenig bekannt. Ein kryptischer Teaser, ein paar Videoblogs, die gleichzeitig ironische Anspielungen auf TV-Reportagen sind. Klar ist nur: Musik wird wie immer eine große Rolle spielen.

Den Ton angeben, laut aufdrehen – das will Marti Fischer nun auch in den Öffentlich-Rechtlichen. Dabei hatte er diese und ihr Medium – das Fernsehen – noch wenige Monate zuvor für tot erklärt.

Natürlich ist das genauso wenig ein Angriff auf Böhmermann wie es eine Lobeshymne auf YouTube ist. Das beweisen Verse wie „Internet darf Produktplatzierung machen/ Kinder abzocken, über Fernsehfressen lachen.“

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Promo muss auch mal sein: Marti Fischer lobt 301Plus-Mitglieder in Friedrich Liechtenstein – Manier

Dass YouTube seine Schattenseiten hat, weiß Marti Fischer: Früher war er beim umstrittenen YouTuber-Netzwerk „Mediakraft“, heute hat Fischer sich davon distanziert. Gemeinsam mit einem guten Dutzend anderer YouTuber hat er sein eigenes Netzwerk gegründet: 301 plus. Mit einigen Mitgliedern zeigt er sich häufig in Videos, mit ein paar wohnt er sogar zusammen in einer WG in Berlin. Das gemeinsame Ziel: Qualität statt Kommerz.

Produktplatzierung gibt es in Fischers Videos tatsächlich eher selten. Dafür geht der YouTuber überraschend oft auf Zuschauerwünsche ein. Publikumsnähe – die leicht fällt: Ausfallende Kommentare von YouTube-Usern gibt es nur selten, stattdessen viel Lob. Dasselbe übrigens auch auf seinen zahlreichen Social Media – Profilen, in denen er seine Videos promotet.

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Nettes Publikum: Wenig Pöbeleien, dafür viel Lob.

Nun gilt es abzuwarten, ob Marti Fischer die Wünsche seines Publikums auch in den öffentlich-rechtlichen Medien noch erfüllen kann –  wenn es heißt: GEZ statt Klicks.

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