Fotokollektion

Einmalkamerafotos auf Instagram: @lalegohr startet die analoge Revolution

Auf Instagram ist die Welt noch in Ordnung. In warmen Farben ausgeleuchtet, schön arrangiert und sorgfältig ausgewählt zeigen die Nutzer auf der Foto-Plattform ihr Leben in von der schönen Seite. Unter den beliebtesten Motiven waren schon akribisch angerichtete Frühstücksteller mit Teelichtern und Blümchen, Kaffee Kreationen, natürlich Selfies und seit einiger Zeit: Bilder, die beweisen, dass der Fotograf etwas erlebt. Exotische Landschaften, Bungeesprünge oder Fotos aus den Metropolen der Welt. Mit dem passenden Filter und Effekten kreiert man den Gesamtlook für sein Leben in Bildern. Für manchen ist Instagram die Visitenkarte, die sagt: Ich bin unterwegs, mache was aus meinem Leben, die Welt ist mein zu Hause, ich bin glücklich und authentisch.
Um in Instagram Aufmerksamkeit zu erregen, habe ich Fotos von Einmalkameras entwickeln lassen, abfotografiert und dann gepostet. Ohne Filter, denn den Effekt haben die analog entwickelten Fotos ohnehin. Ich konnte mir vorstellen, dass diese Idee gut ankommt. Denn Einmalkamera-Fotos sind wirklich authentisch. Man kann nicht hundert Fotos aus einem anderen Winkel machen und dann das Beste aussuchen – wenn der Auslöser gedrückt ist, ist der Moment im Kasten. Analoge Fotos, auf die man keinen Einfluss nehmen kann, sind so ziemlich das Gegenteil von der bearbeiteten, digitalen Bilderwelt der Plattform und zumindest etwas Neues. Mein Ziel war dabei möglichst viele Likes und Follower zu ergattern.

Ich begann im Mai die ersten Bilder unter dem Hashtag #singleusecam hochzuladen. Vorher baute ich mein Profil für das Experiment um. Dass ich lediglich Einmalkameras benutze, habe ich auch in die Bio geschrieben. Außerdem habe ich meinen privaten Account, auf dem ich vorher etwa alle zwei Monate etwas gepostet habe, öffentlich gemacht. So wurde die Reichweite meiner Bilder größer.
Den Hastag #singleusecam habe ich benutzt, weil darunter wenige Beiträge verlinkt sind (#singleusecam: 20 Beiträge; #singleusecamera: 847 Beiträge). Dadurch waren meine Chancen größer unter all den Bildern in der Suchleiste aufzutauchen, falls jemand auf den Hashtag stößt.

Profil

Am 24. Mai habe ich ein Bild vom London Eye gepostet. Das Bild stammt aus einer Kamera, die ich vor drei Jahren bei einer Jugendreise dabei hatte. Das Gute an analogen Fotos ist ja, dass niemand verlangt, dass sie aktuell sind. In der Nacht habe ich drei neue Follower dazu bekommen, was ich mir mit dem internationalen Flair erklärte. London kann man schließlich nur gut finden, besonders auf Instagram. Einen Tag später hatte ich wieder drei Follower mehr und meinen ersten Kommentar unter dem Bild. Und zwar von einem Online-Marketing Account, dessen Besitzer so inspirierende Sprüche postet wie: Don’t build links, build Relationships!

🌃♠️👯👯 💫🚍 #1000years #ago #Fernweh #london #singleusecam #funfunfun

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Noch einen Tag später, am 27. Mai habe ich zum ersten Mal nach vier Monaten wieder ein Bild mit Menschen gepostet: Meine beste Freundin und ich auf einer Party. Verschwommen, lachend Arm in Arm, gelbe Lichter im Hintergrund. Klassischer Instagram-Post. Außer meiner Freunde, die das Bild mochten, haben es aber erstmal keine fremden Accounts geliked.

👻🍭 count on us to misbehave #never #enough #singleusecam #love Ein von Lara (@lalegohr) gepostetes Foto am

1. Juni: Ich habe ein Bild gepostet, von dem ich dachte, dass es immer geht. Kaffeebecher im Zug. Denn alle fahren Zug, weil sie beschäftigte Leute sind, und alle posten ihre Kaffeebecher dazu, weil Kaffee zum Instagram-Lifestyle gehört. Am ersten Tag hatte der Beitrag 13 Likes. Ich hatte mir mehr erhofft.

#zugfahren 👀 #hobbynummer1 #kaffee mit #tantchen #singleusecam

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Das nächste Foto ist aus meinem Praktikum in Starnberg. Der Starnberger See durch mein Autofenster fotografiert. Das Bild habe ich hauptsächlich genommen, weil ich Fernweh hatte und die Perspektive aus einem Auto heraus mich an Roadtrips erinnert. Das Reisen – ein Ding, das auf Instagram funktioniert. Tatsächlich haben nicht nur meine Bekannten das Foto geliked, sondern auch neue Follower, von denen in der letzten Zeit gut 10 Stück dazu gekommen sind.

#summernights #singleusecam #ontheroad #fernwehfoto 💭💗 Ein von Lara (@lalegohr) gepostetes Foto am

Mir ist aufgefallen: Je kürzer die Abstände sind, in denen ich etwas poste, desto weniger Leute liken die Beiträge durchgängig. Obwohl meine Follower-Zahl langsam wächst, bekommen die Fotos nicht mehr Likes oder Kommentare. Zwischenzeitlich habe ich sogar überlegt, ob ich meine Beiträge in Zukunft durch sentimentale Sprüche ergänze, die ich darunter schreiben würde. Mir ist nämlich auch aufgefallen, dass ich auf Instagram schnell mal ein Bild herze, wenn mir der Spruch darunter gefällt. Da ich unschlüssig war, hielt am Ende ein weiteres Kaffee Bild als Notlösung her. Zumindest „lisalagace“ kommentierte, das Bild sei „Beautiful…“

#guteAbsichten #coffeeagain #singleusecam #postkarten

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Später hatte ich eine naheliegende Idee: Etwas Zeit zu investieren und Bilder von Accounts zu liken, die meinem ähnlich sind. Ich habe zwei Tage lang morgens nach dem Aufstehen und Abends vor dem Einschlafen wahllos fünf oder sechs Bilder pro Account geliked. Dabei habe ich darauf geachtet, dass die Accounts nicht zu beliebt sind. Alles in der Hoffnung, dass die Menschen hinter den Smartphones dankbar für meine Herzen sind. Meistens hatten deren Bilder nämlich auch nur 15-20 Likes. Und siehe da, sie haben sich revanchiert: likes4 Likes3 Likes2 Likes1 Das vorerst letzte Bild zeigt wieder mich mit einer Freundin, abends auf einer Treppe vor einem Hauseingang. Das Foto hat von allen Beiträgen bisher am schnellsten Likes ergattert: 21 an einem Tag.

#oldbutgold #lovemyschlin #Hauseingang #gutealtezeiten ✨✨✨ Ein von Lara (@lalegohr) gepostetes Foto am

Bevor ich regelmäßig Bilder hochgeladen habe, folgten mir 85 Accounts und ich bekam pro Bild etwa acht Likes am ersten Tag. Nach dem Experiment waren es 109 Follower und mein letztes Foto innerhalb des Experiments bekam am ersten Tag 21 Herzen. Die meisten Likes bekam ich von Leuten, deren Fotos ich davor exzessiv geherzt hatte.

Mir gefallen die Einmalkamerafotos und ich denke, dass ich damit weiter machen werde. Manche meiner Bilder kamen gut an, obwohl (oder vielleicht weil?) es schon leicht ironisch ist, mit den entwickelten Fotos auf Analoge Revolution zu setzten, aber sie digital hochzuladen. Wahrscheinlich werde ich auch nicht immer 4,95 Euro für 27 Schnappschüsse ausgeben wollen – trotzdem habe ich die kleinen Plastik-Knipser lieb gewonnen. Allerdings weiß ich jetzt auch: Instagram-Fame muss man sich erarbeiten, bevor Accounts zum Selbstläufer werden. Und das ist mir zu viel Aufwand für ein paar Likes.

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