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Bauen, basteln, musizieren: Wenn @FynnKliemann loslegt, wird es unterhaltsam

YouTube kills the TV-Star? Vielleicht. Definitiv ist die Webvideoplattform mittlerweile eine eigene Welt. Das Netzwerk hat neue Formate hervorgebracht und neue Stars: Sie sind Moderatoren, Talkshow-Hosts, Unterhalter, Journalisten. Und sie begeistern Millionen – vor allem junge Menschen, aber auch Erwachsene. In dieser Serie portraitiert der Jahrgang 2016 der Kölner Journalistenschule YouTube-Stars und ihre Arbeit. Dazu schauen sich die Journalistenschüler das Publikum der Kanäle an, die Aktivität der Stars in sozialen Netzwerken und natürlich vor allem: ihre Videos. Im vierten Teil der Serie beschreibt Julius Fiedler, wie Fynn Kliemann auf verschiedenen Kanälen werkelt.

Ein Mann, eine Kamera, ein Projekt – so simpel sind die YouTube-Videos von Fynn Kliemann aufgebaut.  Mehr braucht der selbsternannte „Heimwerkerking“ auch nicht, um knapp 300.000 Abonnenten zum Zuschauen zu bringen.

Der 28-Jährige produziert Bau-Videos. Einen Teich, Gartenmöbel, ein Tonstudio, einen Grill – „Was ich brauche, baue ich mir einfach“, sagte Kliemann auf der Tincon, der Teenage-Internetwork-Convention. Zum Nachbauen sind seine Projekte meist kaum geeignet, er betreibt keinen Tutorial-Kanal. Vielmehr müsste er mit seinen, sagen wir, unkonventionellen Methoden eigentlich ein Dorn im Auge jedes rechtschaffenen Handwerkers sein. Material, Werkzeug, Schutzmaßnahmen: Kliemann ist nicht pingelig. Er nutzt, was gerade rumliegt und werkelt wild drauf los. So entsteht dann zum Beispiel ein Hühnerstall:

 

Das Video hat fast 700.000 Aufrufe, andere von Kliemanns Videos haben noch mehr. Warum wollen eine Million Menschen sehen, wie dieser Typ mehr schlecht als recht eine Mauer baut? Die Antwort ist: Fynn Kliemann. Mit seinem schnodderigen norddeutschen Slang, dem inflationären Gebrauch des Wortes „Fuck!“ und seiner geradezu kindlichen Begeisterung ist der Mann einfach authentisch. Irgendwie glaubt man ihm, dass ihm sein Lebensstil Freude bereitet – auch wenn er anstrengend ist: Kliemann betreibt eine Werbeagentur, die Arbeit an seinen YouTube-Videos ist für ihn nur ein intensives Hobby.

Seine Videos sind nicht besonders aufwendig produziert. „Im Grunde benutze ich nur eine GoPro-Kamera in verschiedenen Positionen und schneide die Szenen, in denen ich nichts sage, heraus“, sagte Kliemann auf der Tincon. Angefangen habe alles damit, dass er nützliche Gimmicks für sein Zuhause baute. „Ich wollte das eigentlich nur mit meinen Kumpels zeigen und hab YouTube dafür genutzt. Die fanden das geil und haben das immer weiter geschickt. Ich dachte dann, ich baue sowieso so viel Zeug und filme das dann einfach, ist ja kein Stress.“ Inzwischen sind auf seinem YouTube-Kanal mehr als 40 Videos zu finden.

Und tatsächlich sehen die wenigsten Zuschauer Kliemanns Videos als Anleitung. Sicher, es gibt einige Kommentare von Handwerkern, die Kliemanns Bauwerke für Pfusch halten. „Von Sicherheit und Umweltschutz hast du auch noch nie gehört. Mach erstmal eine Lehre!“ schreibt der Nutzer „SwitchLike“ beispielsweise. Aber das sind Einzelstimmen – die meisten Kommentatoren zollen dem Bastler Respekt, dass seine Pläne am Ende doch immer irgendwie aufgehen.

Oder sie finden es einfach witzig. Seine Zuschauer zitieren in den Kommentaren seine Sprüche, feiern die besten Szenen und blödeln im Kliemann-Stil weiter: Unter dem Mauer-Bau-Video schlägt einer vor „Du kannst dich ja bei Trump bewerben“. Eine Anspielung auf die Ankündigung des amerikanischen Präsidentschaftskandidaten (und jetzt gewählten Präsidenten) Donald Trump, eine „großartige“ Mauer an die US-mexikanische Grenze zu setzen.

Mit seiner jungen YouTube-Community, der Authentizität und den handwerklichen Themen seiner Videos ist es kein Wunder, dass Baumärkte Schlange stehen, um Kliemann als multimediales Werbegesicht zu bekommen. Kliemann hat nach eigenen Angaben keines der Werbeangebote angenommen, er schaltet keine Werbung und verdient auch kein Geld mit YouTube, sagt er. Eine Werbekampagne von Hornbach, die seinen Stil nachahmte, parodiert er sogar in einem Video.

Das Original von Hornbach:

 

Und so reagierte Kliemann:

Wenn er Projekte wie “Viva con Agua”, das sich für die weltweite Trinkwasserversorgung einsetzt, promotet, bekommt er dafür laut eigenen Angaben nichts. „Ich mach das halt, um coolen Leuten zu helfen“, sagte Kliemann auf der Tincon. Ein bisschen Geld verdient er dann aber doch: Mit oderso.cool hat Kliemann einen eigenen Merchandising-Shop, wo er eine Mütze, T-Shirts, einen Bleistift und einen Zollstock im Fynn-Kliemann-Design verkauft.

Regelmäßiger Bestandteil der Videos sind von Kliemann selbst produzierte Songs, meistens Deutschrap, stilistisch irgendwo zwischen den „Beginnern“ und den 257ers. Musik ist tatsächlch auch der Ursprung des Wirken Kliemanns auf YouTube. Das älteste verfügbare Video auf Kliemanns Kanal ist ein unkommentiertes Gitarrenspiel auf einen Beat:

Auf seinem separaten Kanal „fimbim“ stellt Kliemann nach wie vor seine musikalischen Experimente online.

Wem Bau-Videos und Musik noch nicht genug sind, dem zeigt Kliemann auf Facebook, Instagram, Twitter und Snapchat auch noch alles mögliche andere: Wie er seine Videos dreht, was er in der Agentur macht, wie seine Wohnung aussieht:

Gut Morning. Mit Kaffee. Mit Sonne. Mit Code. Ein von Fynn Kliemann (@fimbim) gepostetes Foto am

  Auf Twitter kommentiert er auch hin und wieder Entwicklungen auf YouTube:

Mehr als 36.000 Follower hat Kliemann auf Instagram, auf Twitter folgen über 21.000 Personen. 38.000 Nutzer haben ihn auf Facebook abonniert. Eines steht fest: Fynn Kliemann wird in den sozialen Netzwerken gehört.

Inzwischen sind auch die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender auf Kliemann aufmerksam geworden. Für das Jugendprogramm „Funk“ von ARD und ZDF startete Kliemann das interaktive Projekt „Kliemannsland“. Es ist eine Art Videoblog über einen „Staat“ mit „Bürgern“, die daran mit ihren eigenen Talenten tatsächlich mitwirken und bauen können. Zwischenzeitlich litt Fynn Kliemanns eigener Account darunter, mehrere Monate erschien dort kein Video. Erst vor kurzem hat Kliemann wieder etwas hochgeladen, verknüpft mit einem Kliemannsland-Projekt.

Für Kliemann-Puristen wird sein Heimatkanal weiter das Maß aller Dinge auf YouTube bleiben: Ein Mann, eine Kamera, ein Projekt – und gute Unterhaltung.

 

Quelle Titelbild: „Mauer bauen“ von Fynn Kliemann

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