Sturmgewehr #G36 neben Besenstielen: Ein Blick in den Schrank der Bundeswehr

Animierte Gifs erleben einen zweiten (dritten?) Frühling. Wir erzählen mit Hilfe der animierten Grafiken aktuelle Debatten nach. In Teil 3 wirft Sabrina Wildhagen einen Blick in den (Waffen-)Schrank der Bundeswehr.

Das Sturmgewehr G36 ist ein Stubenhocker. Es liegt nicht gerne in der Sonne und bei längerem Gebrauch hat es innere Hitzewallungen. Es verbiegt sich bei hohen Temperaturen, selbst bei Temperaturschwankungen. Präzise treffen kann ein Soldat damit nicht mehr – das ist bekannt. Dem Verteidigungsministerium vermutlich schon seit mehreren Jahre, dem interessierten Bürger spätestens seit vergangenem Juni, als der Bundesrechnungshof dem G36 deutliche Mängel nachsagt.

Zunächst sei die Munition im Verdacht gewesen, die Treffgenauigkeit des G36 zu beeinflussen. Nachfolgende Untersuchungen des Ernst-Mach-Instituts in Freiburg bestätigen allerdings Mängel am Gewehr selbst. Anfang diesen Jahres geht dann alles ganz schnell. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen mustert das Sturmgewehr aus:

Und den Schluss, den  ich aus diesem Abschlussbericht ziehe, ist, dass das G36, so wie es heute konstruiert ist, keine Zukunft in der Bundeswehr hat. Wir werden jetzt mit Hochdruck unsere Energie darauf verwenden, dass wir eine gute Lösung für die Soldatinnen und Soldaten finden mit Blick auf das Sturmgewehr. – Ursula von der Leyen

Aber die Zukunft des G36 ist noch nicht ganz verloren: Zum Braten von Speck wäre es eventuell noch geeignet:

Quelle: http://giphy.com

Doch die Affäre nimmt kein Ende: Jetzt will ein Beamter für Wehrtechnik-und Beschaffung schon 2006 von den Mängeln gewusst haben. Er sei deshalb mehrmals versetzt worden, außerdem wurden zwei psychiatrische Untersuchungen des Mitarbeiters angeordnet, berichtet die Bild am Sonntag.

Das G36 ordnet sich ein in die Reihe der zahlreichen Sorgenkinder der Bundeswehr ein. Rüstungsmängel dominieren in regelmäßigen Abständen die Schlagzeilen, und allein die Abbestellung von 37 Kampfjets kostete die Regierung den Medien zufolge einen dreistelligen Millionenbetrag.  Aber keine Sorge: Zu Not rüsten die Soldaten mit bemalten Besenstielen auf. Besenstiele? Tatsächlich gesehen! Vergangenes Jahr bei einer NATO-Übung in Finnland. Rüstungsteile fehlten und so ersetzten die Soldaten sie durch Besenstiele an ihren Gefechtsfahrzeugen.

So in etwa könnte also in Zukunft die Ausbildung eines Soldaten bei der Bundeswehr aussehen:

Quelle: giphy.com

Über die kleinen und großen Skandale der Bundeswehr kann man sich sicherlich lustig machen. Allerdings rollen bei Affären auch verlässlich einige Köpfe: Wenig zu lachen hat demnach in diesen Tagen der ehemalige Rüstungsdirektor Detlef Selhausen. Zusammen mit dem Waffenhersteller Heckler&Koch plante er mit Hilfe des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) kritische Berichterstattung über das Sturmgewehr abzuwürgen.

Heckler&Koch scheint des Öfteren den offiziellen Weg zu umgehen: Nach Berichten des NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung habe das Unternehmen zwischen 2003 und 2011 9472 G36-Gewähre nach Mexiko exportiert. Mehr als die Hälfte von ihnen schickte die Firma in Gebiete, in denen Korruption und Bandenkriminalität herrscht – alles fern ab von den Exportauflagen der Bundesregierung.

Doch die Frage ist jetzt: Wie geht es mit dem Sorgenkind G36 weiter? War die konsequente Ausmusterung ein Schnellschuss? Heckler&Koch beanstandet nach Medienberichten „laienhafte“ Tests am Sturmgewehr und Rufschädigung. In nächster Zeit sollen weitere Tests Aufschluss darüber geben, ob das G36 komplett ausgetauscht oder nachgerüstet werden soll. Ganz so konsequent, wie es schien, hat Ursula von der Leyen das G36 also noch nicht ausgemustert. So wie es heute konstruiert sei, habe es keine Zukunft in der Bundeswehr. Konstruktionsverbesserungen schließt sie damit nicht aus.

Fern ab vom Blitzlichtgewitter und Pressekonferenzen: die eigentlichen Experten. Diejenigen, die nicht nur vor der Kamera posieren, sondern das Gewehr auch tatsächlich in der Hand halten. Sie haben ganz eigene Ansichten zum Thema:

Ein weiterer Twitterer beteiligt sich nicht an der großen Debatte, ob und wann und wie überhaupt wer von was wusste – sondern sieht die Sache ganz nüchtern:

Oberstleutnant André Wüstner, Chef des Deutschen Bundeswehrverbandes, kennt die Praxis und sagt Ende April in einem Interview mit tagesschau.de:

Ich war gerade im Irak und Afghanistan und habe mit vielen Soldaten gesprochen. Sie sehen die Diskussion rund um das Sturmgewehr sehr gelassen. Das hat verschiedene Gründe. Erstens verfügen die Soldaten bei ihrem Einsatz nicht nur über das G36, sondern sie haben verschiedene Waffen. Zweitens ist das G36 nach wie vor handhabungssicher. Und drittens sind die Soldaten natürlich realistisch: Von heute auf morgen wird es keine schnelle Lösung geben. – André Wüstner

Zudem soll ein Untersuchungsausschuss nun die ganze Affäre durchleuchten und zur vollständigen Klärung beitragen. Besonders Grüne und SPD nutzen die Gunst der Stunde, fordern Aufklärung und verwandeln die Debatte in eine politische Bühne. Der Fall des Beamten, der schon 2006 das Sturmgewehr kritisierte, wird nun erneut geprüft, kündigte Ursula von der Leyen an.

Auch wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht direkt in die Affäre verstrickt ist, so gibt auch sie wenigstens gestische Statements:

Quelle: giphy.com

Wie gesagt, das Sturmgewehr G36 ist keinesfalls ein Sonnenanbeter. Vielleicht sollte es dann einfach neben den Besenstielen im Schrank der Bundeswehr  verharren.  Friedlich und gewaltfrei lässt sich der Sommer eh viel besser genießen.

Quelle: giphy.com

 

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