Kuscheln am Lagerfeuer: @Der711er über Gruppenzwang und Anonymität auf Twitter

Wer ist das wirklich? Bei Twitter entsteht ein virtuelles Netzwerk aus Menschen, die sich originell und interessant finden, aber persönlich noch nie getroffen haben. Der Jahrgang 2014 der Kölner Journalistenschule hilft nach und stellt die Twitterer einander vor. Ein Twitterer wird portraitiert und nominiert dann den nächsten. In Teil 13 porträtiert Sarah Gerlach Der711er vor, den ManuelaSchmermi für die Twittererkette nominiert hat. (Nachtrag: In der urpsünglichen Version hatten wir geschrieben, @Sparschaeler habe @ManuelaSchmermi vorgeschlagen – es war aber @Der711er. Pardon!)

Was ihn am meisten an Twitter reizt? Er selbst. Wofür er steht? Sport und TV. Er will sich selbst ausdrücken, mit Wörtern spielen, kommentieren. Sei es über den geliebten FC-Bayern oder die neue Folge vom Dschungelcamp – @Der711er hat zu allem eine Meinung. Seit Sommer 2013 ist er auf Twitter unterwegs. Ergebnis bisher: Mehr als 23.000 Tweets, etwa 1060 Follower.

Viel von sich preisgeben möchte er trotzdem nicht. Er sei Mitte 40, die Anfangsbuchstaben seines Namens: O.G. Er selbst beschreibt sich in drei Wörtern als „viel zu lieb“. Sein Profilbild zeigt ihn zwar, ist aber schwarz-weiß und verpixelt. Er äußere sich auf Twitter authentisch, aber vorsichtig. Er weiß: “Das Internet vergisst nichts.”

Vielleicht braucht Der711er diese Anonymität, um den trockenen Humor auszuleben, den seine Follower schätzen an ihm schätzen:

Politische Diskussionen möchte er auf Twitter vermeiden. Er hält nicht viel von Menschen, die mit „missionarischen Eifer versuchen, ihre Gesinnung öffentlich zu machen.“ Das Netzwerk sei viel mehr dazu gemacht, Themen zu überspitzen. Außerdem könne man mit 140 Zeichen gar nicht reflektiert genug diskutieren. Für ihn sei die Gefahr zu groß, in einen Shitstorm zu geraten.

Es herrscht ein gewisser Konformitätsdruck. Wer den Common Sense verletzt, kann damit rechnen, beschimpft und geblockt zu werden.

Das wolle er nicht – und schwimme deshalb auch oft mit dem Strom. Selbst wenn das bedeute, sich seine eigene Meinung verkneifen zu müssen. Dafür biete ihm Twitter dort eine Gemeinschaft, wo eigentlich keine sei. Zum Beispiel, wenn man abends alleine auf der Couch sitzt:

Gemeinsam zu meckern oder übers Fernsehen zu spotten, schafft eine heimelige Lagerfeueratmosphäre. Der „second screen“ ist oft interessanter als der TV-Inhalt.

Was er sich im Fernsehen anschaut, das kommentiert Der711er gerne. Die liebste Sendung neben Fußball: „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“, auf twitterneudeutsch kurz: #ibes. Dabei sei das Dschungelcamp dieses Jahr zu langweilig gewesen: zu wenig Prominenz. Der Reiz von #ibes bestehe für ihn darin, die Konflikte und Entgleisungen der Darsteller zu verfolgen. Ob die gespielt oder echt sind, ist dabei zweitrangig.

Mit satirischen Tweets mischt er sich von der Seitenlinie ins Geschehen ein:

Ob jeder diesen Humor versteht? Zweitrangig. Ihm gefalle es, seine Gedanken mit 50 bis 100 Leuten zu teilen, die so ähnlich tickten wie er, sagt Der711er. Das ersetze den Kreis der Ansprechpartner, die im realen Leben zeitweise oder gar nicht existierten. Persönlich treffen müsse er sie dafür nicht. Die Tweets würden ein ausreichendes Bild der Menschen abgeben.

Sein erfolgreichster Tweet stammt aus dem vergangenen Jahr, als sich die Schweiz bei der Fußball-Weltmeisterschaft mit Frankeich messen musste:

Später wurde der Spruch sogar in einem Buch veröffentlicht.

Den Reiz an Twitter sieht @Der711er in der Begrenzung auf 140 Zeichen. Sie zwinge ihn, Gedanken auf den Punkt zu bringen. Wie viel Zeit er dafür am Tag verwendet, kann er nicht sagen. Zwischen 7 und 22 Uhr sei er immer mal wieder damit beschäftigt. Sein Beruf, „eine herausragende Stellung im Kultusministerium von Baden-Württemberg“, gehe aber vor. Was genau er da tut? Das behält er für sich. Seine Privatphäre will er eben vom Internet trennen. Twitter einmal ganz aufgeben? Wohl kein Problem:

„Ich habe mich zwar sehr daran gewöhnt, könnte aber auch aufhören. Im Herbsturlaub muss ich das auch – da hab ich kein Netz.“

Auf Empfehlung von @Der711er stellen wir als nächste Twitter-Persönlichkeit @MarionTreu vor.

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