Wüste Geschichten am #IsraelNationalTrail: Von blauem Gold und Engeln am Wegesrand

In der Serie „on the road“ stellen Journalistenschüler des Jahrgangs 2012 berühmte Routen auf der ganzen Welt vor – mit Hilfe von Internet und Social Media. Über Twitter, Facebook und co. finden wir Menschen, die an den Wegen leben und erzählen ihre Geschichten. Wir zeigen Bilder von den Handels- oder Reiserouten und mit Hilfe von Google Maps ihren Verlauf – um sie mit all dem zum Leben zu erwecken. In Teil 11 schreibt Victor Gojdka über den Israel National Trail, der einmal durch die Negevwüste führt.
Verwüstetes Land: Die Negevwüste macht etwa 60 Prozent der Fläche Israels aus. Auch der Israel National Trail führt durch die Kraterlandschaften. (brewbooks/flickr)

 

Die Luft flimmert, es ist heiß und trocken. Bis an den Horizont erstreckt sich die Kraterlandschaft aus Gestein, unerbittlich prallt die Sonne auf den sandigen Wüstenboden. Knorrige Sträucher strecken ihre verkrüppelten Äste gen Himmel, am Horizont tapern einige Kamele. „Zeit ist hier nicht gleich Zeit“, erzählt der Beduine Muhammad Zanoon. Auf eine Stunde kommt es in der Negevwüste nicht an. Hier ist das Leben entschleunigt, hier verstummt das hektische Grundrauschen der großen israelischen Metropolen. Zanoon schenkt Kaffee aus einer orientalischen Kanne ein. Erst nach der dritten Runde Kaffee weiß ein Beduine, dass sein Gegenüber kein Feind ist, erzählt er. Das kann lange dauern. So lange, bis zwischen Felskuppen und toten Bäumen die Luft verschwimmt und die Zeit stehenbleibt.

Der Weg durch den Negev ist Teil des Israel National Trail. Ein Wanderweg, der sich seit 1995 gut 1000 Kilometer durch Israel schlängelt. Von Süd nach Nord, von den Urlaubsresorts in Eilat am Roten Meer quer durch die Wüste. Vorbei an den Metropolen Jerusalem und Tel Aviv, dann weiter bis hinauf in die grünen Hügel Galiläas.

Das blaue Gold – Wasser in die Wüste

Die erste Runde Tee mit Muhammad Zanoon.

Muhammad Zanoon hat den Wanderweg zum Geschäft gemacht: Er versteckt Wasser. Seit mehr als 30 Jahren lebt der Araber mitten in der israelischen Wüste. Er kennt sich aus zwischen Klippen, Hügeln, Kratern und weiß: Wasser ist das wichtigste Lebenselixier in der Wüste. Auf den Landkarten ist der Negev zwar gleich von einem ganzen Netz an kleinen Wasseradern durchzogen, doch im Sommer versiegen diese Ströme. Fast die Hälfte des Israel National Trail führt durch die Wüste, entlang von fünf Tagesabschnitten gibt es keine einzige Wasserquelle. Keinen Fluss, keinen Supermarkt, nichts. Bevor die Wanderer sich also an diesen Teil des Weges trauen, unternimmt Zanoon mit ihnen eine dreitägige Tour durch den Negev: Von Eilat am Südrand der Wüste bis hinauf nach Arad am nördlichen Ende. Mit seinem weißen Jeep rumpelt der Beduine dann über das Geröll, hinter seinem Wagen zieht der Wüstenstaub orangene Schlieren durch die Luft. Alle 20 Kilometer gräbt Zanoon eine Ladung Wasser für seine Kunden ein. Sechs Liter Wasser braucht jeder Wanderer am Tag, dazu kommt noch einer für die Nacht – mindestens. „Auf der sicheren Seite ist man erst mit zehn Litern“, erklärt der Beduine. Zanoon schaufelt dann ein Loch in den Boden, legt die Wasserflaschen hinein, bedeckt sie mit Erde und häuft ein paar Steine darauf – damit seine Kunden die Flaschen später wiederfinden. Danach fährt er mit den Wanderern wieder an den Startpunkt des Wüstenabschnitts. Jetzt müssen sie der Wüste selbst Herr werden.

Eine Beduinin kocht in einem traditionellen Zelt. (israeltourism/flickr)

Die Herrschaft über diese Wüste ist ist in Israel seit jeher ein Politikum: Staatsgründer Ben-Gurion wollte das Gebiet ab 1948 begrünen und damit dringend benötigten Wohnraum für Tausende Israelis schaffen. „Ben-Gurion war ein Visionär“, sagt Yoram Zvik, der Tourismusverantwortliche der Wüstenstadt Yerucham. Die meisten Israelis leben jedoch immer noch gedrängt auf einem Haufen in der Mitte des Landes, in Tel Aviv steigen die Mietpreise mittlerweile ins Unermessliche. Das Land ist klein, kaum größer als Hessen. Ab in den Süden – 60 Jahre nach dem Appell Ben-Gurions wird dieser Slogan langsam en vogue bei vielen Israelis. Längst wurden in der Wüste Dörfer gebaut und Bewässerungsmethoden erfunden: Heute kommen weltweit führende Innovationen der Wassertechnik aus dem Süden des Landes. Viele Felder der Kibbuzim, der israelischen Siedlungen, leuchten in sattem Grün, Weinrebe reiht sich dort an Weinrebe. Die Felder sind von Anlagen zur Tröpfchenbewässerung durchzogen. Wenige Kilometer weiter kommt in den Beduinensiedlungen nicht ein einziger solcher Tropfen Wasser an. „Hier in Yerucham haben erst vor kurzem Bürger eine dünne Leitung zur illegalen Beduinensiedlung gelegt“, erzählt auch Yoram Zvik. Vom Staat ist das nicht zu erwarten: Er fürchtet ein Machtvakuum im Süden des Landes und will die Beduinen daher in feste Ortschaften umsiedeln lassen. Das widerspricht jedoch der jahrtausendealten Tradition dieser arabischen Nomadenstämme. Staatsgründer Ben-Gurion wollte durch einen Exodus in die Wüste dem Konflikt mit den Palästinensern entgehen – jetzt aber hat Israel dort neuen Streit mit den Beduinen geschaffen.

Wüstenengel mit Vollbart

Streit, mit dem Arthur du Mosch nichts zu tun hat. Der gebürtige Niederländer ist 2007 durch ein nur 54-sekündiges Video zu einer Kurzzeit-Internet-Berühmtheit geworden. Du Mosch hörte eines Nachts seine Hauskatze schnurren. Nicht ungewöhnlich. Als er die Augen aufschlug, schwenkte allerdings ein Leopard die Katze durch die Luft. Du Mosch sprang auf, warf sich auf den Leoparden, packte ihn beim Genick und schleifte das Tier auf sein Bett. Später transportierte ein staatlicher Ranger den schwächlichen Leoparden ab – in einer Mülltonne.  

Arthur du Mosch in der blühenden Wüste. (Privat)

An dieser Geschichte kommt man als Wanderer im Negev nicht vorbei, gerade weil die Wüste weit und leer ist. So leer, dass auf einigen Landkarten sogar einzelne Bäume verzeichnet sind, genauso wie du Moschs Haus. Inmitten dieser alttestamentarischen Ödnis wirkt Arthur du Mosch äußerlich fast wie ein Engel : Knubbelnase, wüstengezeichnet, blonder Vollbart und Cowboyhut.  Als sogenannter „Weges-Engel“ bietet du Mosch allen Trail-Wanderern einen Schlafplatz, eine Dusche und ein warmes Abendessen an. Kostenlos. Er ist damit nicht allein: Rund 200 Israelis am Wegesrand beteiligen sich an diesem Projekt. Der Wohnort des Touristenführers, Midreshet Ben-Gurion, hat israelweit die höchste Beteiligung auf Plattformen wie Couchsurfing, Hospitalityclub oder eben im Verzeichnis der Weges-Engel. „Man kann bei diesen Begegnungen ein Band zwischen verschiedenen Menschen schaffen, das ist ganz wunderbar“, erzählt du Mosch über seine Erfahrungen. Etwa zweimal pro Woche schauen bei ihm neue Wanderer vorbei, schon das dritte Gästebuch ist inzwischen randvoll mit kleinen Dankesnachrichten. „Die Leute werden für einen Tag Teil unserer Familie, die Begegnungen sind die Besonderheit des Weges.“

 


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