Wie @gglnx und die Twitter-Gemeinde der @spdde mit #diespdwars alles Unglück der Welt anlasten

In der Serie „Mem der Woche“ stellen der Jahrgang 2012 der Kölner Journalistenschule Fotos, Videos, Tweets oder andere kleine Inhalte vor, die nicht von Medien-Profis erstellt wurden, aber über das Internet schnell zu sehr großer Bekanntheit gekommen sind. Wir wollen die Geschichten hinter diesen „Mems“ und ihrer Verbreitung zu erzählen.

Sie sei unschuldig, sagte Annette Schavan zu den Vorwürfen, sie habe bei ihrer Doktorarbeit bewusst getäuscht. Recht hat sie, sagt Welt-Redakteur Tilman Krause. Und nicht nur das: Schuld ist nach Krauses Ansicht die SPD – ausgerechnet jene Partei also, die lautstark den Rücktritt der Bildungsministerin forderte, nachdem Schavan der Doktortitel aberkannt worden war. Eine These, die steil genug war, um ein kurzes, aber heftiges Mem im deutschen Internet auszulösen.

Schavan sei ein Opfer der sozialdemokratischen Bildungspolitik in den Siebziger Jahren und ihrer Wahnvorstellungen, schreibt Krause in seinem Artikel, der am vergangenen Donnerstag auf welt.de erschien. Als Annette Schavan 1980 im Fach Erziehungswissenschaften promovierte, waren die Pädagogischen Hochschulen gerade zu Universitäten erklärt worden. Die SPD-Regierung hatte auch die pädagogische Hochschule Neuss mitsamt ihrer Professoren in die Universität Düsseldorf eingegliedert, an der Annette Schavan kurze Zeit später ihre Doktorarbeit schrieb. Damals hätten die Sozialdemokraten den Glauben verbreitet, jeder könne ein Intellektueller sein und der Aufstieg ins Bildungsbürgertum lasse sich in zwei, drei Jahren bewältigen, argumentiert Krause. Menschen wie Schavan, die aus einfachen Verhältnissen kamen, hätten Bildung als Werkzeug verstanden, andere zu überholen. Hinzu kam, dass die Universität Düsseldorf aus Krauses Sicht eine der schlechtesten Universitäten Nordrhein-Westfalens war:

„Wer aus Nordrhein-Westfalen stammte und auf sich hielt, schickte seine Kinder doch nicht nach Düsseldorf! Bonn, Münster, Köln waren die renommierten Ausbildungsstätten, Bochum galt als interessante Reformuniversität, aber Düsseldorf, 1965 gegründet, stand nun wirklich für gar nichts – außer für den sozialdemokratischen Traum von der Hochschulreife für alle.”

Ohne diese Reformen der SPD wäre es gar nicht erst zu einer unsauberen Doktorarbeit gekommen, so Krauses These.

Nur wenige Leser pflichteten dem 53-jährigen Literaturkritiker bei:

 

 

Doch die meisten zeigten Unverständnis:

 

 

Ähnlich sah es auch Dennis Morhardt. Der 21-jährige Webentwickler startete deshalb als @gglnx auf Twitter den Hashtag #diespdwars. “Das Fehlverhalten von Frau Schavan der SPD-Bildungspolitik anzulasten, ist ziemlich weit hergeholt und Bullshit”, sagt er 140z.de. Der Artikel zeige nur, dass jemand nicht akzeptieren wolle, dass jeder ein Recht zu höherer Bildung habe. „Ständedenken wie im 18. Jahrhundert ist auch für ein konservatives Blatt ziemlich unwürdig“, kritisierte er „Die Welt“.

Deshalb habe er den Artikel ins Lächerliche ziehen wollen. Und das funktionierte. Sein erster Tweet mit dem hashtag:

  Hunderte sprangen auf die Idee an, und wenige Minuten später war die SPD schon Schuld an der Ermordung John F. Kennedys und etlichen anderen Unglücksfällen und Verbrechen. Manche machten die Partei auch für persönliche Probleme, wie zum Beispiel einen leeren Kühlschrank, verantwortlich. Dass seine Idee so gut ankommt, überrascht aber auch Morhardt, der früher selbst SPD-Mitglied war. “Ich habe damit gerechnet, dass der Hashtag bei den SPD-Mitgliedern, die ich kenne, ein Erfolg wird, aber dass es auch darüber hinaus gezündet hat, hat mich doch überrascht.” Doch ganz neu ist Morhardts Idee nicht. Einigen Twitter-Nutzern fiel auf, dass Rudi Carell die SPD bereits 1983 verdächtigte.    

2 Gedanken zu “Wie @gglnx und die Twitter-Gemeinde der @spdde mit #diespdwars alles Unglück der Welt anlasten

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *