Was die Transsib für Irkutsk und seine Bewohner @p_selbst und Jack Sheremetoff bedeutet

In der Serie „on the road“ stellen Journalistenschüler des Jahrgangs 2012 berühmte Routen auf der ganzen Welt vor – mit Hilfe von Internet und Social Media. Über Twitter, Facebook und co. finden wir Menschen, die an den Wegen leben und erzählen ihre Geschichten. Wir zeigen Bilder von den Handels- oder Reiserouten und mit Hilfe von Google Maps ihren Verlauf – um sie mit all dem zum Leben zu erwecken. In Teil 4 schreibt Kristina Wollseifen über die Transsibirische Eisenbahn, die längste durchgehende Eisenbahnverbindung der Welt.

9288 Kilometer. Soweit ist Wladiwostok, eine russische Hafenstadt am Pazifik, von der Hauptstadt Moskau im westlichen Teil des Landes entfernt. Zwischen den beiden Städten liegen sieben Zeitzonen. Und eine sechstägige Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn, kurz „Transsib“, der längsten durchgehenden Eisenbahnverbindung der Welt. Unterwegs gibt es keine Hochgeschwindigkeitsabschnitte, schneller als 70 Stundenkilometer fahren die Züge selten.  Nicht nur Fern- und Regionalzüge, sondern auch Güterzüge sind hier unterwegs.

Auf halber Strecke liegt Irkutsk, die 32. Station von insgesamt 80. Irkutsk ist eine Großstadt mit mehr als einer halbe Million Einwohnern. Nicht nur historische Bauten, sondern auch der nah gelegene Baikalsee ziehen scharenweise Touristen nach Irkutsk. Und dass sie hierher finden, ins weite Sibirien, hat die Stadt der Transsib zu verdanken. Mit der Anbindung an die legendäre Eisenbahnverbindung 1898 errang überhaupt erst wirtschaftliche Bedeutung, denn von da an konnten Bodenschätze wie Gold und Öl abtransportiert werden.

An dieser Straße liegt das Hostel von Jack Sheremetoff. Foto: Jack Sheremetoff

Der Zug ist für uns eine Verbindung zum Rest des Landes

Wer wissen will, wie wichtig die Transsib heute für die Stadt in Sibierien ist, muss nur mal Jack Sheremetoff fragen, der an der Ecke Lenin-Straße/ Karl-Marx-Straße seit etwas mehr als zehn Jahren ein kleines Hostel betreibt. 90 Prozent der Touristen, die Irkutsk besuchen, reisen mit dem Zug an, schätzt Sheremetoff. „Der Zug ist für uns eine Verbindung zum Rest des Landes, eine wichtige Hautverkehrsader“, erklärt der studierte Ökonom. Er selbst fährt allerdings nicht mehr mit der  Transsib: „Es ist immer so heiß, dauert lange und ist langweilig.“

Sheremetoff und sein Team beherbergen Gäste aus aller Welt und gehen mit ihnen auf Tour: Mehrtägige Trips in entlegene sibirische Dörfer, Fahrradfahren auf dem Eis oder Wanderungen entlang der historischen Strecke der Transsib um den nördlichen Teil des Baikalsees unternimmt Jack jährlich mit mehreren hundert Touristen.

Das Örtchen Listvyanka gehört auch zu den beliebten Ausflugszielen, da man dort tauchen, reiten oder Kajak fahren kann. Kein Wunder, dass Jack Sheremetoff sein zweites Hostel im Eco-Stil aus Holz und mit Energiespeicherung in ebendiesen Ort gebaut hat.

Jack Sheremetoff. Foto: Sheremetoff

Ganz billig ist die Reise nach Irkutsk und zu Jack Sheremetopffs Hostel nicht: Momentan kosten Tickets von Moskau bis Wladiwostok bei der staatlichen Russischen Bahn (RZD) zwischen 243 und 922 Euro. Die verschiedenen Abteilarten machen den Unterschied aus: In der 1. Klasse, genannt „Lux“, gibt es Doppelbetten – in der dritten Klasse 27 Hochbetten je Großraumabteil.

„Mit der Transsib zu fahren ist, als wäre man weg aus der Welt.“

Sascha Preiß ist auf seiner dreitägigen Fahrt von Cabarowsk bis Irkutsk in der 1. Klasse gefahren, damit die Reise für seine schwangere Frau ruhiger ist. Seit Herbst 2008 lebt er mit seiner Familie in Irkutsk, wo er an der Technischen Universität mit Hilfe des Deutschen Akademischen Auslandsdient (DAAD) eine Stelle als Lektor und Deutschlehrer angenommen hat. „Mit der Transsib zu fahren ist, als wäre man weg aus der Welt“, erinnert sich der gebürtige Erfurter im Skype-Gespräch. Bis die nächste Stadt am Horizont auftaucht, können bis zu zehn Stunden vergehen – solange sieht man nur Birkenwälder, kleine Dörfer, Seen und Flüsse vorbeiziehen.

Diese Gleise führen aus dem Bahnhof von Irkutsk hinaus. Foto: Sascha Preiß

Von der Romantik und dem Fernweh, mit der so manches westliches Reisebüro gerne eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn anpreist, hält Preiß aber genauso wenig wie die Einheimischen. Über 90 Prozent der Passagiere sind russische Bürger, die mit der Transsib zwischen Wohnort und Arbeitsstelle pendeln, die Oma besuchen fahren oder als Soldat zum neuen Stützpunkt gebracht werden. Kleinere Städte sind abhängig von der Bahn, für viele ist das Verkaufen von Speisen oder Souvenirs an Reisende in den Bahnhöfen die einzige Einnahmequelle. „Wenn es diese transsibirische Verbindung nicht mehr gäbe, würde eine Lebensader fehlen“, sagt der 36-Jährige.

Die vielen Eindrücke und Erlebnisse von seinem Leben in Russland hat er in einem Blog festgehalten. Darin erzählt er zum Beispiel von der Schaffnerin, die freie Plätze unter der Hand verbilligt an arme Leute verkaufte. Und den Zugbegleiter, der plötzlich seinem Anti-Amerikanismus freien Lauf ließ und alle Pässe einsammeln wollte.

Preiß macht aber auch seinen Alltag in Irkutsk zum Thema. „Es ist aber auch befreiend zu erleben, wie unreglementiert und unangestrengt das Leben sein kann“, meint er. Auch wenn die politische Stabilität und das Einkommen in Europa besser seien, sei die Freiheit in Russland größer. „In Deutschland bricht mancher Betrieb unter der Last der Vorschriften zusammen.“

Allerdings gibt es in Irkutsk auch größe Probleme. Das Verkehrsnetz ist marode, die Drogenabhängigenrate ist in der Stadt mehr als doppelt so hoch wie der gesamtrussische Durchschnitt. Und viele der traditionellen sibirischen Holzhäuser, verfallen oder müssen modernen Komplexen weichen. Dazwischen Arbeitslosigkeit und Armut.

Wer dem entgehen will, macht Ausflüge in die Umgebung – etwa zum Baikalsee oder in Baikal-Dörfern – oder unternimmt eine Fahrt mit der Baikal-Bahn. „In Russland“, sagt Preiß, „kann man in der Natur sehr frei atmen.“


Übrigens: Wem die Reise nach Irkutsk zu weit oder teuer ist, der kann auch ganz bequem von zu Hause aus via Internet auf große Fahrt gehen. Im Rahmen eines Google-Projekts sind 150 Stunden Filmmaterial entstanden, sodass die Strecke in „Echtzeit“ nachgefahren werden kann. Auch Irkutsk lässt sich so virtuell erkunden:


Auch die Deutsche Maike Carstensen lebt momentan in Russland. Noch bis Juli wird die 25-Jährige in Omsk bei der sibirischen Carits ihr FSJ absolvieren:

„Letzten Winter bin ich zweieinhalb Tage lang durch die verschneite Landschaft von Omsk nach Irkutsk gefahren. Die endlose Landschaft zwingt einen förmlich dazu, sich zu entspannen. Ich bin in der 3.Klasse gereist, denn dort kommt man am besten, und besonders leicht übers Kartenspielen, mit neuen Menschen in Kontakt.“

In Wladiwostok lebt Roman Popivichev (26) schon sein ganz Leben lang. Der freiberufliche Architekt ist schon einige Male mit der Transsibirischen Eisenbahn gereist:

„An Wladiwostok liebe ich die Nähe zum Meer und zu Asien und die Aufgeschlossenheit der Menschen. Die Transsib ist wichtig für Wladiwostok, weil sie uns mit Zentral-Russland verbindet. Und auch bei vielen Studenten als Job beliebt, weil der Verdienst als Zugbegleiter nicht schlecht ist. Auf einer Fahrt kann man schon mal in einem Zugteil voller Soldaten landen, die dann die ganze Nacht das Ende ihrer Dienstzeit feiern. Ich merke dabei immer, wie groß Russland doch ist!“

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