Neonfarben, Menschenmassen und ein treuer Hund: Einkaufen auf der Senta-gai in Tokio

In der Serie „on the road“ stellen Journalistenschüler des Jahrgangs 2012 berühmte Routen auf der ganzen Welt vor – mit Hilfe von Internet und Social Media. Über Twitter, Facebook und co. finden wir Menschen, die an den Wegen leben und erzählen ihre Geschichten. Wir zeigen Bilder von den Handels- oder Reiserouten und mit Hilfe von Google Maps ihren Verlauf – um sie mit all dem zum Leben zu erwecken. In Teil 15 schreibt Dominik Schneider über die beliebte Einkaufsstraße Senta-gai in Tokio und die Shibuya Crossing – eine der belebtesten Kreuzungen der Welt.

Die Ampel springt von rot auf grün. Die Motoren bleiben stehen, der Boden beginnt leicht zu zittern, als die Menschenmassen sich in Bewegung setzen. Mehrere tausend Paar Füße überqueren jetzt die breite Straße, gehetzt, nervös. Niemand beachtet den anderen. Aus der Gegenrichtung kommen nochmals mehrere Tausend Menschen. Man trifft aufeinander, es wird eng, aber alles bleibt japanisch diszipliniert. Die gedämpften Gespräche verschwimmen zu einem monotonen, beklemmenden Summen. Nach einer Minute springt die Ampel wieder um, die letzten Menschen hasten hinter den Massen her auf die Straße. Die Autos fahren wieder. Yasuko Oshima streicht sich die dichten, schwarzen Haare aus dem Gesicht und schaut auf ihren Einkaufszettel. Ganz oben steht: eine neue Hose für ihren Mann, Saburo.

Geht gerne shoppen: Yasuko Oshima aus Tokio. Das Bild stammt von einer selbst gestalteten Postkarte

Yasuko Oshima ist in Shibuya unterwegs, einem Stadtteil von Tokio, der Hauptstadt von Japan. Shibuya hat auf 15 Quadratkilometern über 200.000 Einwohner. Die Bevölkerungsdichte ist mehr als viermal so groß wie die von Köln. Shibuya gehört zu den beliebtesten und belebtesten Vierteln in Tokio. Besonders auf der Santa-gai, was übersetzt Zentrale Straße bedeutet, drängen sich die Menschen. Hier kann man vor allem das junge Tokio erleben. Hier schauen neonfarbene Mangapuppen mit großen Kulleraugen auf die Menge, die sich auf der Straße drängt.

Yasuko Oshima gehört mit ihren 65 Jahren eigentlich nicht mehr zur Zielgruppe der knallbunten Modeläden, in denen sich Mädchen und junge Frauen drängen. Trotzdem kommt sie reglmäßig zum Shoppen nach Shibuya. Der Stadtteil Sangenjaya, in dem sie lebt, ist keine fünf Minuten mit der Bahn entfernt. Oft kommt ihr Enkel mit, ihr Mann oder gleich die ganze Familie. Heute ist sie alleine zum Einkaufen unterwegs – sofern man auf der Senta-gai überhaupt alleine unterwegs sein kann.

Yasuko schlängelt sich durch die Menschenmassen, schnell und geschickt. Ein Tourist würde in der Menge stecken bleiben. „Das ist nichts Besonders. Wenn man in Tokio lebt, gewöhnt man sich an viele Menschen. Vor allem in Shibuya, vor allem auf der Senta-gai.“ Yasuko Oshima schiebt sich in das Kaufhaus Seibu und erledigt ihre Einkäufe, wie Tausende andere Menschen. Die Senta-gai zählt zu den größten Einkaufsstraßen der Region.

Die Senta-gai bei Nacht. Foto: Dank an Stéfan via Flick (CC-Lizenz)

Doch nachts wandelt sich ihr Bild. Statt in Modeläden und Kaufhäuser strömen die Menschen dann in die zahlreichen Kneipen, Karaokebars, Clubs oder die Lovehotels. Lovehotels sind Häuser, in denen Zimmer für einige Stunden von Paaren angemietet werden können, um sich näher zu kommen. Dies ist bei der beengten Wohnlage in Tokio nicht unüblich und wird vor allem von Studenten genutzt. Aber auch verheiratete Paare entgehen hier gerne der Enge ihrer Wohnung, in der oft mehrere Generationen zusammenleben.

Yasuko Oshima ist mit ihrem Einkauf fertig. Mit Plastiktüten bepackt spaziert sie zurück in Richtung Shibuya-Station, einem der größten Bahnhöfe in Tokio. Am Ende der Senta-gai befindet sich die berühmte Kreuzung Shibuya Crossing. Dort kreuzt sich die Senta-gai mit der Inokashira Dori. Es ist eine der belebtesten Kreuzungen der Welt: Zu Stoßzeiten überqueren bis zu 15.000 Menschen die Straßen pro Ampelphase.

Für Touristen ist es ein beeindruckender Anblick, wenn mehrere tausend Menschen auf eine Ampel starren, um sich dann schnell in Bewegung zu setzen. Shibuya Crossing wird oft als Symbol für die Hektik des modernen Japan benutzt. „Für uns Einheimische ist das aber ganz normal, eine Kreuzung wie alle anderen auch. Aber für Touristen ist das hier ein absolutes Highlight“, erklärt Yasuko Oshima. Sie geht zügig über die Kreuzung. Bevor sie in die U-Bahn steigt, blickt sie zu der lebensgroßen Bronzestatue eines Akita-Hundes, die auf einem Sockel auf dem Bahnhofsvorplatz steht. „Das ist Hachiko, der treue Hund“, sagt Yasuko Oshima.

Yasuko Oshimas Enkel Guilio an der Statue des Hundes Hachiko. Foto: Yasuko Oshima

Dann erzählt Yasuko Oshima die Geschichte von einem Hund, der in den 20er und 30er Jahren seinen Herrn, einen Professor der Universität von Tokio, jeden Tag vom Bahnhof Shibuya abgeholt hat. Auch nach dem Tod des Professors sei der Hund täglich zum Bahnhof gegangen und schließlich auch unweit gestorben. In Japan gilt Hachiko als Symbol der Treue und wird wie ein Held verehrt. Der Eingang des Bahnhofs ist nach ihm benannt.

Genau in diesen Eingang geht jetzt Yasuko Oshima. Sie steigt in die überfüllte Bahn. Schaffner mit weißen Handschuhen kommen und beginnen, die Fahrgäste tiefer in den Zug zu schieben, damit sich die Türen schließen können. Auch das ganz normal in Tokio. Yasuko Oshima ist das gewohnt. Das und all die anderen Menschen auf der Kreuzung. Die knallbunten Modeläden. Die engen Wohnverhältnisse. Die Massen auf der Senta-gai. Den Alltag in Tokio.

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