„Herziger Scheiß“: Wie die Banker der Raika Radstadt mit einem Firmenvideo ungewollt zu Youtube-Stars wurden

In der Serie „Mem der Woche“ stellen der Jahrgang 2012 der Kölner Journalistenschule Fotos, Videos, Tweets oder andere kleine Inhalte vor, die nicht von Medien-Profis erstellt wurden, aber über das Internet schnell zu sehr großer Bekanntheit gekommen sind. Wir wollen die Geschichten hinter diesen „Mems“ und ihrer Verbreitung zu erzählen.

Wer als Städter an einen kleinen Ort wie Radstadt in Österreich mit seinen 4.864 Einwohner denkt, der hat womöglich einen Marktplatz mit angrenzender Kirche, Bäckerei und einer Bank vor Augen. Eine kleine Gemeinschaft für sich im Salzburger Land. Eine weithin unbekannte und ungestörte Idylle.

Das hat sich geändert. Seit Anfang Januar haben mindestens eine Viertelmillionen Menschen schon von Radstadt gehört, 45 mal so viele Personen wie der Ort Einwohner hat. Genauer: Sie kennen das von der dort ansässigen Raiffeisenbank gedrehte Video „Die Raiffeisenbank Radstadt stellt sich vor“. Der kurze Film hat der Bank auf der Internetplattform Youtube innerhalb kürzester Zeit zu großer Bekanntheit verholfen – wenn auch nicht ganz so, wie gewünscht.

„Weine nicht, wenn der Zinssatz fällt, es gibt einen der zu dir hält. Dam dam, dam dam“, trällert die blonde Bankangestellte der Raiffeisenbank im Drindl. Zum Schlager „Marmor, Stein und Eisen bricht“ singen die Geschäftsführer den Refrain mit. Der Kollege vom Private Banking gibt eine kleine Solotanzeinlage. Das Schalterpersonal wippt im Takt. Ein Mitarbeiter im Bienenkostüm rennt durch’s Bild. Die Bankenkrise war und ist hart. Aber dass sie so hart sein kann, hätte man dann doch nicht gedacht.

Gerne hätte man den Leiter der Geschäftstelle Josef Steger befragt, wie er mit der plötzlichen Popularität umgeht und welchen Zweck die Bank mit dem Video eigentlich verfolgt hatte. Doch die Bank ließ schriftliche und telefonische Anfragen unbeantwortet; auf der Internetseite des Instituts ist das Video nicht mehr zu finden.

Das ist verständlich, denn viele Betrachter finden den Spot vor allem peinlich. Der Youtube-User „Buglbiker“ kommentiert: „Wie lang ham die heut offen? I geh mei Konto auflösen.“ Allerdings gibt es auch positive Reaktionen. „In Deutschland würde man sagen: Armes Deutschland, hier kann man nur sagen Felix Austria“, schreibt „himmes“. User „velvetsinus“ sieht es ähnlich: „Das ist Scheiß, aber echt herziger Scheiß.“

Banker als Youtube-Stars: Das Video der Raiffeisenbank Radstadt hat es innerhalb weniger Tage auf fast eine Viertelmillion Klicks gebracht

Das Video ist inzwischen so populär, dass auch bekannte Medien darüber berichtet haben: In der Onlineausgabe der Nürnberger Nachrichten und der Nürnberger Abendzeitung wurde die Bank zum „Youtube-Star wider Willen“ erklärt. Das Handelsblatt veröffentlichte auf seiner Internetseite sogar den kompletten Liedtext.

Diesen Hype hätten die Banker aus Österreich eigentlich vorhersehen können: Im September vergangenen Jahres verbreitete sich ein ähnliches Video der Sparda Bank ähnlich rasant im Netz. Der Film „Sparda Movie Stars“, in dem die Auszubildenden der Bank rappten, wurde auf Youtube und in anderen sozialen Netzwerken innerhalb kürzester Zeit populär. In dem Lied traten die angehenden Bankkaufleute im Feenkostüm, als Spardafuchs oder Südseeurlauber verkleidet auf.

Die „Sparda Movie Stars“ wollten mit ihrem Spot um neue Azubis für ihre Bank werben

Das ursprüngliche Ziel des Recruitingvideos war es, junge Menschen für das Unternehmen und das Berufsbild zu begeistern. „Schau uns an, hör uns zu, wir sind genau wie du. Komm schließ dich uns an, entdecke das Schöne am Bankauffmann und Bankkauffrau“, rappten die Azubis im Kostüm und Anzug. Das sich mit dem Video die Zielgruppe nicht erreichen ließ macht auch das harte Urteil eines Youtube Users deutlich: „Unglaublich niveaulos, wer sich darauf bewirbt hat gelitten.“

Wie jetzt das Video der Raiffeisenbank stieß der Bankclip der Sparda Movie Stars auf ein großes mediales Echo. Sparda-Bank Sprecher Manthe erklärte in dem Spiegel-Online-Artikel „Unternehmensvideos – Hauptsache dem Chef gefällt’s“, dass es sich nicht um einen offiziellen Streifen der Bank handele. Die Azubis äußerten sich nicht zu dem Film, ebensowenig wie die Mitwirkenden des „BMW Hip Hop Recruitingvideos„. Nach vielen hämischen Kommentaren im Internet wollen die Unternehmen die Azubis schützen.

Der Raiffeisenbank Radstadt dürfte das schwerer fallen. In ihrem aktuellen Video werden sogar Vor- und Zunamen aller Beteiligten eingeblendet – und einmal im Netz lässt sich ein Unternehmensvideo nicht mehr entfernen. Im Gegenteil: Es wird munter weiter verbreitet und mitunter verändert. Sogar eine elektrische Dubstep Version gibt es bereits.

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