Leben an der Drogenroute #Interstate35: Wie die 18-jährige Roana im mexikanischen #NuevoLaredo unter der Gewalt leidet

In der Serie „on the road“ stellen Journalistenschüler des Jahrgangs 2012 berühmte Routen auf der ganzen Welt vor – mit Hilfe von Internet und Social Media. Über Twitter, Facebook und co. finden wir Menschen, die an den Wegen leben und erzählen ihre Geschichten. Wir zeigen Bilder von den Handels- oder Reiserouten und mit Hilfe von Google Maps ihren Verlauf – um sie mit all dem zum Leben zu erwecken. In Teil 9 schreibt Johanna Müssiger über die Interstate 35, eine der wichtigsten Drogenrouten Nordamerikas.

Roana M. (Name geändert) traut sich kaum, einen Fuß nach draußen zu setzen, auf die Straßen ihrer Stadt Nuevo Laredo. Die 18-Jährige sagt: „Man weiß nicht, was man hinter der nächsten Ecke findet: Vielleicht eine Schießerei.“ Ihre Heimatstadt liegt an der Interstate 35. Der Highway führt von Duluth in Minnesota nach Laredo in Texas und dann weiter in die mexikanische Schwesterstadt Nuevo Laredo hinter die Grenze, wo Roana mit ihrer Familie wohnt.

Nuevo Laredo ist eine wichtige Stadt des internationalen Güterverkehrs – allerdings des illegalen. Durch die Grenzstadt verläuft eine der wichtigsten Drogenrouten in die USA. Mit Schreckensmeldungen über brutale Folter, Morde, machtlose Polizei und eingeschüchterte Journalisten und Einwohner ist Nuevo Laredo in der Presse präsent.


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Die Stadt des Krieges

In Mexiko gibt es bereits seit 23 Jahren Konflikte zwischen den Drogenkartellen und dem Staat. In der Grenzstadt, in der über 300 000 Menschen leben, kämpfen mehrere Organisationen um die Kontrolle des Drogen-Highways in die USA (siehe unten Slide Share Präsentation). Die Mordrate in der Stadt stieg stark an. Unter anderem wurde der Polizeipräsident Nuevo Laredos ermordet, ebenso wie der ehemalige Bürgermeister der Stadt (beides 2007). Die ganze Stadt leidet unter dem andauernden Drogenkrieg.

Die Anzahl der Toten des Drogenkrieges in Mexiko

Roana, die hier zur High School geht,  bleibt aus Angst vor Angriffen der Kartelle, genau wie viele Einwohner der Stadt, meistens in ihrer Wohnung.  Die 18-Jährige sorgt sich nicht nur um sich selbst, sondern auch um ihre Familie und um ihre Freunde: „Es ist sehr schwierig nach draußen zu gehen, denn vielleicht kommst du eines Tages nach Hause und niemand ist mehr da.“

Der Grenzübergang in die USA. Foto: Google Maps

Die Pressefreiheit existiert nur auf dem Papier

Die beiden mächtigsten Drogenkartelle sind Los Zetas und Sinaloa. Aktuell heißt es, Los Zetas habe die Macht in Nuevo Laredo übernommen. Die Organisation setzt Journalisten unter Druck, bedroht Polizisten und Beamte und erpresst Schutzgelder von städtischen Unternehmen. Zeitungen stellten ihre Berichterstattung ein. Man „sei dazu gezwungen“, heißt es schlicht.

Was genau das bedeutet, welche Konsequenzen ihnen sonst drohen würden, sagen sie nicht. Sogar die Namen der Kartelle drucken sie nicht ab. Stattdessen gelangen nur noch offizielle Polizeimitteilungen in die Zeitung. Journalisten vermeiden eigene Recherchen – aus Angst. Laut Angaben der Menschenrechtskommission der mexikanischen Regierung wurden seit 2000 mindestens 81 Journalisten getötet und  16 entführt.

Eine Hauptstraße in Nuevo Laredo. Foto: Google Maps

 
Blogger leben gefährlich

Die Regierung verhält sich sehr passiv. „Laut unseres Präsidenten passiert überhaupt nichts“, sagt Roana. Sie erzählt, dass sie oftmals keine Ahnung habe, was in der Stadt genau vor sich geht. „Im Fernsehen und in den Nachrichten erfahren wir nichts“, sagt die 18-Jährige. Die Pressefreiheit existiert in Mexiko nur auf dem Papier. Auch mexikanische Blogger und Nutzer der Sozialen Netzwerke, wie Twitter, riskieren ihr Leben, wenn sie die Bürger über die aktuelle Lage in Nuevo Laredo informieren. Die Drogenkartelle lassen Journalisten und Blogger ermorden und ihre Leichen zur Abschreckung in der Öffentlichkeit liegen. Eine Bloggerin, die unter dem Pseudonym Lucy bekannt ist und auf der Seite Blog Del Narco über den Drogenkrieg berichtet, ist vor einer Woche aus Mexiko geflohen. Sie soll einen Anruf von ihrem Kollegen erhalten haben, der ihr nur ein Wort sagte, bevor er auflegte: „run“ („lauf“)

ABC News twitterte dazu:

 

Auf einer anderen Internetseite namens Nuevo Laredo en vivo schreiben Blogger und Nutzer, was sie gerade in der Stadt beobachten.

„Heute früh am Morgen habe ich eine starke Detonation gehört!“

„Ich konnte nicht glauben, was ich gesehen habe: Ein schwarzes Auto mit mehreren Leuten kann an die High School und hat einen Studenten blutig geschlagen. Niemand hat etwas gesagt oder geholfen. Warum tun die Behörden nichts?“

Hier ein Ausschnitt aus einer Chatbox auf der Website:

Die Website, auf der Blogger über die Situation in Nuevo Laredo informieren.

Ein User schreibt: „Ein Lastwagen mit bewaffneten Zivilisten fährt durch die Stadt.“

Roana bleibt trotz alledem in Nuevo Laredo. Sie wünscht sich ein Ende des Drogenkrieges und Frieden für die Stadt und das Land: „Ich möchte, dass alles so ist wie früher. Als sich Familien respektierten.“

 

Die Machtverteilung der Kartelle in Mexiko

(Erstellt mit Hilfe von wikipedia.com)

 

Menschen zeigen Reaktionen auf Twitter

Der Drogenkrieg beschäftigt viele Menschen in den Sozialen Netzwerken. Hier einige Besipiele:

@alexangus1234 schreibt: „In einer Grenzstadt wird eine Zeitung zum Schweigen gezwungen. Was zur Hölle – helft den guten Menschen aus Nuevo Laredo!

@mannyblacque meint: „Ich kann nicht glauben, dass El Quinto Sol in Laredo eröffnet hat. Eins meiner Lieblings-Restaurants in Nuevo Laredo, aber der Kartell-Krieg hat mich jahrelang aufgehalten!“

@TessEractica schreibt: „Zeitung in Nuevo Laredo durch Kartelle geschlossen. Ein Beispiel für die monströse Verschwendung der Regierung in den Drogenkrieg.“

 

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