Erste Hilfe unter Wasser: Wie ein verletzter Delfin vor Hawaii bei Tauchern nach Hilfe sucht

In der Serie „Mem der Woche“ stellen der Jahrgang 2012 der Kölner Journalistenschule Fotos, Videos, Tweets oder andere kleine Inhalte vor, die nicht von Medien-Profis erstellt wurden, aber über das Internet schnell zu sehr großer Bekanntheit gekommen sind. Wir wollen die Geschichten hinter diesen „Mems“ und ihrer Verbreitung zu erzählen.

 

Irgendetwas stimmt nicht mit dem schönen Tier, das merkt Martina Wing sofort. Der fast drei Meter lange Delfin taucht aus der Dunkelheit auf, umkreist sie und die anderen Taucher, kommt immer näher- ohne Angst, ohne Zögern. Doch seine Bewegungen scheinen eingeschränkt, er schwimmt langsam. Was dann folgt, wird die Deutsche Wing, die als Tauchlehrerin auf Hawaii arbeitet und den Delfin-Besuch filmt, nie vergessen – und ihr kleines Video zu einem Web-Hit machen.

Eigentlich war die Wuppertalerin vor Jahren nur als Touristin nach Hawaii gekommen. Mit einem Lehrer und einem Kameramann tauchte sie durch die Unterwaserwelt vor der Insel, wie tausende Touristen jedes Jahr. Doch Martina verliebte sich so sehr in das pazifische Inselparadies, das sie blieb. Heut lebt sie auf Kailua Kona auf Big Island, der Hauptinsel des Archipels. Den Kameramann vin ihrem ersten Tauchgang hat sie mittlerweile geheiratet.

Die Unterwasserwelt vor Hawaii kennt sie inzwischen in- und auswendig. Doch was sie an jenem Spätabend im Januar erlebt, ist auch für Wing einzigartig. Sie will mit einer Gruppe Taucher Mantas beobachten und filmen, als der Delfin auftaucht. Delfine sind vor Hawaii nichts Unübliches, nachts jedoch nur sehr selten zu beobachten. Also nimmt Martina die Kamera und hält drauf.

Bald stellen die Taucher fest: Der Delfin ist verletzt. Eine Angelschnur hat sich um seine linke Brustflosse gewickelt, der Haken steckt im Fleisch. was tun?

Dann passiert es: Der Delfin übernimmt selbst die Initiative. Er schwimmt ganz gezielt auf einen der Taucher zu. Es ist Keller Laros, bekannter Tauchlehrer und Meeresbiologe.

Keller versucht, das Tier zu befreien, die Schnur von der Flosse zu entfernen. Der Delfin bleibt ganz ruhig an der Seite seines Retters, dreht ihm die verletzte Flosse zu und reagiert sogar auf Kellers Handzeichen. Selbst als dieser ein Messer zieht, um die Schnur zu durchtrennen, bleibt der Delfin fast bewegungslos bei ihm.

„So etwas hat noch nie jemand auf der Welt gesehen, dass ein Delfin so gezielt einen Menschen um Hilfe bittet“, sagt Martina.

Zwischendurch muss das Tier zum Atmen auftauchen, doch es kommt zurück und weicht nicht von Kellers Seite, bis Schnur und Haken entfernt sind. Nachdem Keller ihm einen Klaps auf den Rücken gegeben hat, schwimmt das Tier, befreit von seinen Schmerzen, wieder hinein in das Dunkel, aus dem es gekommen ist.

„Es war so unglaublich, ich habe einfach mit der Kamera weiter draufgehalten, es war ein besonderer Moment“, sagt Wing im Gespräch mit 140z. Selbst jetzt, einige Wochen später, ist sie noch ganz aufgeregt, wenn sie davon spricht.

Auf youtube haben das Video, das Wing noch mit Untertiteln ausgestattet hat, mittlerweile über 2 Millionen Menschen gesehen. Der Kölner Express hat die Geschichte aufgegriffen, ebenso die britische BBC und etliche Online-Medien.

Martina Wing aber will gar nicht groß über den unglaublichen Erfolg ihres Videos reden. Sie will lieber darüber reden, wie das Delfin Erlebnis ihre Einstellung zum Leben verändert habe. „Wir Menschen sind auf der Erde nichts Besonderes, wir stehen nicht über den anderen Spezies. Dieser Planet gehört uns allen.“

Wie kann es sein, dass ein Delfin, ein Tier, einen Menschen um Hilfe bittet? Delfine sind die intelligentesten Tiere der Welt. Sie sind in der Lage, komplex und logisch zu denken und Probleme analytisch anzugehen. Delfine trauern um Artgenossen, sollen Menschen vor Haien oder aus Seenot gerettet haben und leben in komplexen sozialen Strukturen,sie sollen sogar im Krieg eingesetzt werden. Der amerikanische Ethikprofessor Thomas White fordert daher, ihnen ähnliche Rechte wie Menschen einzuräumen. Er will damit eine Grundsatzdiskussion über die Behandlung von Tieren anstoßen.

Einige Wissenschaftler halten die Delphine aber für eher dumm. So der südafrikanische Neurologe Paul Mager. Nach seiner Auffassung stehen die Kleinwale in Bereichen wie Fluchtintelligenz sogar Ratten und Goldfischen nach. „Das Gehirn von Delfinen ist nicht für die Verarbeitung komplexer Informationen gebaut“, so Manger.

Wie auch immer die Intelligenz der Delfine zu bewerten ist, für Martina Wing gibt es keinen Zweifel: Die Tiere müssen besser geschützt werden.  Wenn sie heute bei einer Tauchtouren einen Delfin sieht, denkt sie zurück an das Tier, das Hilfe bei ihr und ihren Kameraden gesucht hat. Wings Lehre aus dieser Begegnung: Die Welt nicht als Eigentum der Menschen, sondern als ein großes Gefüge:

„Wir müssen die Erde mit allem teilen, was auf ihr lebt.“

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