Die Leidenschaft als Nebenberuf: Peter Flug kümmerte sich als Schlafwagenschaffner um die Passagiere des #Orient-Express

In der Serie „on the road“ stellen Journalistenschüler des Jahrgangs 2012 berühmte Routen auf der ganzen Welt vor – mit Hilfe von Internet und Social Media. Über Twitter, Facebook und co. finden wir Menschen, die an den Wegen leben und erzählen ihre Geschichten. Wir zeigen Bilder von den Handels- oder Reiserouten und mit Hilfe von Google Maps ihren Verlauf – um sie mit all dem zum Leben zu erwecken. In Teil 6 schreibt Jennifer Garic über den Orient-Express, die Bahnlinie, die einst Paris und Istanbul verband.

„Concierge, Kammerdiener, Archivar, Controller, Sanitäter, Heizer, Psychologe, Diplomat und Dolmetscher oder kurz: Conducteur der Schlafwagen-Gesellschaft.“ So beschreibt Peter Flug seine Tätigkeit als Schlafwagenschaffner im Orient-Express. Eigentlich ist er gar kein Schaffner, sondern arbeitete sein Leben lang bei einer Bank als Rechtsanwalt. Dort leitete der heute 67-Jährige die Abteilung für Globale Schiffsfinanzierungen. Doch seine Leidenschaft galt nicht Schiffen, sondern Zügen.

Peter Flug als Schlafwagenschaffner vor dem Zug von Hamburg nach Paris im Jahre 1999 (Quelle: Peter Flug)

 Schon während des Studiums jobbte er als Conducteur bei der Schlafwagengesellschaft „Compagnie Internationale des Wagons-Lits“ (CWL). Als er bei der Bank begann, war es damit erstmal vorbei. Aber die Sehnsucht blieb. „Es ist schon eine große Versuchung hauptberuflich Schlafwagenschaffner zu sein. Es ist ein lockeres Leben mit Trinkgeld und vielen Reisen.“

Peter Flug entschied sich für ein Doppelleben: Unter der Woche Banker, am Wochenende und im Urlaub Schlafwagenschaffner. Seit 1996 arbeitete er wieder als Aushilfe bei der CWL. Neben normalen Schlafwagen- und Autozügen begleitete er einen der letzten Überbleibsel des Orient-Express. Dieser fuhr von 1883 bis 1977 auf der Strecke Paris-Istanbul. Die Zugstrecke wurde immer weiter verkürzt, bis der Zug 2002 nur noch zwischen Paris und Wien pendelte.

Bis 2003 fuhr Flug in diesen Zügen. Er begrüßte die Fahrgäste, kontrollierte die Karten und wies ihnen die Schlafabteile zu. Wenn Gäste und Gepäck an Bord waren, verließ der Orient-Express um 20.20 Uhr den Bahnhof Wien West.


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Dann übernahm der Dienstplan die Herrschaft über Peter Flug. Dort war zum Beispiel genau eingetragen, wann die Grenzpolizei kommt. Wenn der Schlafwagenschaffner sich ausruhen wollte, blieb ihm dazu nur ein Stuhl auf dem Gang oder mit viel Glück ein freies Abteil. „Der Schlafwagen ist wie eine kleine Pension“, findet Flug, der den Gästen morgens das Frühstück und die Zeitung im Abteil servierte.

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Ein Schaffner war für die bis zu elf Abteile eines Wagens zuständig. Die Gäste konnten zwischen einem Single-, Double- oder Triple-Abteil wählen – je nachdem wie viele Betten sie benötigten. Die Einzel- und Doppelabteile gehörten zur ersten Klasse, das Dreibettabteil zur zweiten. Ein kleine Waschgelegenheit war überall mit eingebaut, Toilette und die Dusche waren auf dem Gang. „Aber zur Not gab es in jedem Zimmer unter dem Waschtisch einen Nachttopf mit Abfluss“, sagt Flug.

Nach einer langen Nacht erreichte der Orient-Express um 10.23 Uhr den Endhalt Paris-Est. Wenn alle Gäste verabschiedet waren, ging Peter Flug ins Hotel und ruhte sich aus. „In meiner Pause saß ich mit Kollegen zusammen, habe gefrühstückt, Kaffee getrunken und bin danach Schlafen gegangen.“ Auf eigenen Wunsch fuhr er abends mit dem nächsten Zug direkt zurück nach Wien und verzichtete einen freien Tag, der ihm eigentlich zustand. Schließlich musste er ja oft montags wieder in der Bank sein.

Während Flug und seine Kollegen Pause machten, wurden die Wagen gereinigt und für die Rückfahrt vorbereitet. „Wenn dabei mal etwas vergessen wurde, musste man selber die Betten richten. In meinem Alter war das schon recht anstrengend“, sagt Flug. Nach 17 Uhr ging dann alles von vorne los: Gäste begrüßen, Fahrkarten kontrollieren, Abteile zuweisen, Abfahrt.

Heute ist Peter Flug in Pension und auch der Orient-Express rollt nicht mehr. 2005 schrumpfte die Strecke auf den Abschnitt Strasbourg-Wien, weil der französische Schnellzug TGV den restlichen, französischen Teil übernommen hatte. 2009 war dann endgültig Schluss. Der Orient-Express, zumindest als normales Verkehrsmittel quer durch Europa, war Geschichte.

Wer heute mit den alten Wagons und auf der historischen Strecke fahren möchte, muss eine Menge Geld hinblättern. 2001 kostete ein Doppelzimmer-Ticket für den deutschen Teil der Strecke gerade einmal 80 Mark. Heute verlangt das Unternehmen @OrientExpress, das alte Wägen der CWL aufgekauft und restauriert hat, für eine Fahrt von Paris nach Istanbul 7400 Euro.

Peter Flug, der mittlerweile in Rente ist, braucht diesen Luxus nicht. Der Frankreich-Freund fährt auch heute noch oft in das Nachbarland, wo der Orient-Express einst startete: Mit dem Schlafwagen. Denn, so sagt einer der letzten Schaffner der sagenumwobenen Bahnlinie, „die Reise ist das Ziel“.

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