Zwischen Wanderzauber und Kriebelmücken – ein junges Paar erkundet den Appalachian Trail

In der Serie „on the road“ stellen Journalistenschüler des Jahrgangs 2012 berühmte Routen auf der ganzen Welt vor – mit Hilfe von Internet und Social Media. Über Twitter, Facebook und co. finden wir Menschen, die an den Wegen leben und erzählen ihre Geschichten. Wir zeigen Bilder von den Handels- oder Reiserouten und mit Hilfe von Google Maps ihren Verlauf – um sie mit all dem zum Leben zu erwecken. In Teil 8 schreibt Till Daldrup über den Appalachian Trail, einen der längsten Fernwanderwege der Welt.

Als Heather und Steven vom Mount Katahdin zurück ins Zeltlager kommen, wartet die Rangerin bereits auf sie. „Ich war mir schon sicher, dass ich euch beide bald suchen muss“, ruft sie und zieht sich die Kapuze ihrer Regenjacke tiefer ins Gesicht. Vor wenigen Stunden hatte sich das junge Paar auf den Weg gemacht und war in einen Regensturm geraten. „Wir wollten bei dem Wetter nicht mehr weiterlaufen. Mein neuer Regenmantel hat versagt“, sagt Heather, die bis auf die Haut durchnässt ist. „Alle Regenjacken versagen hier“, antwortet die Rangerin und lacht.

Heather und Steven Williams haben gerade ihre erste Wanderung auf dem Appalachian Trail hinter sich gebracht. 114 weitere Tagesmärsche liegen noch vor ihnen. Der Trail führt quasi vor ihrer Haustür entlang, die beiden wohnen in Amherst, Massaschusetts. Deswegen haben sie schon oft von dem legendären Trail gehört, jetzt gehen sie ihn endlich selbst zum ersten Mal. Aber sie haben Zweifel: „Warum machen wir das ganze nochmal?“ schreibt Heather an diesem Abend in ihr Online-Tagebuch.


Appalachian Trail auf einer größeren Karte anzeigen

Der Appalachian Trail ist einer der längsten Fernwanderwege der Welt: Rund 3.500 Kilometer schneidet er sich durch die Nordamerikanische Wildnis, vom Mount Katahdin in Maine, bis hinab zum Springer Mountain in Georgia. Heather und Steven wollen den gesamten Weg gehen, sie versuchen sich am sogenannten „Thru-Hike“: Über die White und die Blue Ridge Mountains, quer durch 14 Bundesstaaten. Wie das junge Paar aus Amherst, Massachusettsprobieren das jedes Jahr rund 2.000 Wanderer aus der ganzen Welt – nur ein Viertel von ihnen wird schließlich auf dem Springer Mountain stehen.

Aufzuhören, nachdem man all seinen Freunden vom Trail erzählt hat, wäre, als müsste man für den Rest seines Lebens eine Halskrause [cone of shame] tragen. – Heather vor ihrer Reise

Steven und Heather auf dem Mount Katahdin

Denn der Weg dorthin ist beschwerlich, die Natur zwar beeindruckend, aber auch unberechenbar: Plötzliche Wetterumschwünge und kräftezehrende Aufstiege machen die Wanderung zur Tortur. „Es ist eine Sache zu wissen, dass Wandern schwer ist. Es zu fühlen ist ein ganz anderes Monster“, sagt Heather.

Gulf Hagas, eine Schlucht in Maine
Der schlimmste Feind der Hiker ist allerdings nur wenige Millimeter groß: Es sind die sogenannten Kriebelmücken, die zu ihren ständigen Begleitern werden und deren Stiche am meisten zusetzen. Schon wenige Tage nach Beginn ihrer Reise haben Heather und Steven blutverkrustete Nacken. „Steven sah aus, als hätte er Windpocken“, schreibt seine Freundin in ihr Tagebuch.

Ich schätze, es müssen erst ein paar schlimme Dinge passieren, bevor man die kleinen Dinge genießen kann. – aus Heathers Tagebuch

Was die beiden trotzdem auf den Füßen hält, ist ein Phänomen, das von den Wanderern nur „Trail Magic“ genannt wird: Der Zauber des Trails, der sich entfaltet, wenn Fremde auf dem Weg Freundschaften schließen und sich gegenseitig unter die Arme greifen. Wie die drei Jungs aus Connecticut, die Heather und Steven mit ihren lustigen Geschichten aufmuntern. Der junge Mann aus Brasilien, der ihnen Essen gibt, als ihnen die Vorräte ausgehen. Oder das Ehepaar, das die beiden mit dem Auto zur nächstgelegenen Unterkunft mitnimmt.

Blick vom Blackrock Mountain
Doch trotz aller Unterstützung – auch Heather und Steven schaffen es schließlich nicht bis nach Georgia: Nach mehr als vier Monaten auf Wanderschaft kann Heather nicht mehr weiter, rund 850 Meilen vor dem Ziel macht ihr Knie die Belastung nicht mehr mit. Es ist zu viel, der Weg zu weit, die Magie verflogen.

Die Enttäuschung ist groß. „Ich fühlte mich traurig und wie ein Versager“, sagt Heather heute. Mit ihrem Traum vom „Thru-Hike“ hat sie aber immer noch nicht aufgegeben. „Wir werden es bald wieder probieren!“

Dann geht es für das Paar wieder hinein in die Wildnis.




Heathers Video über die Tiere auf dem Appalachian Trail



Heathers Reise auf dem Appalachian Trail: Zehn Pros, zehn ContrasPro1. Ich kann in der Natur sein
2. Atemberaubende Ausblicke
3. Ein flexibler Zeitplan
4. Wilde Tiere sehen (Elche, Bären, Ponies – Ganz genau, Ponies!)
5. Neue Orte sehen
6. Steven und ich werden Kameraden und wachsen und lernen zusammen
7. Neue Leute treffen und Freunde finden
8. Ich kann alles essen ohne fett zu werden
9. Sich von der Überstimulation der Technologie lösen
10.In jedem See schwimmen, in dem ich möchteContra1. Ich muss in der Natur sein
2. Versperrte Aussicht – im grünen Tunnel laufen
3. Wilde Tiere sehen (Wildschweine, giftige Schlangen, mausverseuchte Herbergen)
4. Krankheiten(Borreliose, West-Nil-Virus, Tollwut)
5. Viel Gewicht rumschleppen
6. Ich komme nicht von Steven weg, auch wenn ich möchte (und der Arme muss mit mir zusammen sein!!)
7. Im regen wandern, kochen, essen, schlafen
8. Ausgetrocknete Wasservorräte (vielleicht ist der Regen doch nicht so schlecht)
9. Der Gestank (aka “Hiker-Schreck”)
10.Kriebelmücken

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *