„In einer WG lernt man sich selbst kennen“ – Ein Berliner erzählt von seinem Leben in der DDR

Der Ausbildungsjahrgang 2011 der Kölner Journalistenschule stellt in 18 Folgen 18 bemerkenswerte Senioren vor. Die Autoren haben sie dazu nach ihren wichtigsten Lebenslektionen befragt und gebeten, die Spaß-, Geld-, und Freiheitskurve ihres Lebens zu zeichnen. Im sechsten Teil schreibt Henning Jauernig über einen 62-Jährigen Unternehmer aus Berlin, der seine Lebensgeschichte allerdings nur unter der Voraussetzung preisgegeben hat, dass sein Name im Text geändert wird und kein Foto von ihm veröffentlicht wird.
In Ost-Berlin lebte Georg Wegmann in einer WG mit 13 Freunden - einer war ein Stasi-Spitzel. Foto: twicepix / flickr, CC-Lizenz

Georg Wegmann* ist 62 Jahre alt und WG-erfahren wie kaum ein anderer in seinem Alter – und das, obwohl er in der DDR aufgewachsen ist. In den 1970er Jahren hat er in Ost-Berlin in einer Wohngemeinschaft gewohnt – mit dreizehn anderen Menschen. Damals etwas Ungewöhnliches. Denn als Wegmann und seine Freunde beim zuständigen Wohnungsamt ihre Wohngemeinschaft anmelden wollten, erhielten sie eine Absage. Eine Gruppe von Menschen, die zusammen wohnt, könnte sich der staatlichen Kontrolle entziehen, so vermutlich die damalige Sorge der sozialistischen Verwaltung.

Aber die jungen Berliner ignorierten das Verbot. Sie rissen die Wände des leerstehenden Altbauhauses ein und gründeten ihre eigene WG. Auch Familien mit Kindern zogen ein. Wenn Georg Wegmann seine Lebenslinien zeichnet, macht die Freude-Kurve hier einen Sprung nach oben – nach einer frustrierenden Zeit als Soldat bei der Volksarmee der DDR (siehe Grafik).

Wegmann geniet das WG-Leben – obwohl das Geld knapp ist und obwohl sich Jahre später heraus stellt, dass ein WG-Mitbewohner als Stasi-Spitzel arbeitete. Kurz bevor er auszog gab er zu, dass er über das WG-Leben Bericht erstattete hatte. „Nur so war es wahrscheinlich möglich, dass wir vom Staat über Jahre in Ruhe gelassen wurden“, sagt der 62-jährige Wegmann heute.

Lebenslektion 1: „In einer WG lernt man sich selbst kennen“

Georg Wegmann, gezeichnet von seiner Tocher
Georg Wegmann im Jahr 2003, gezeichnet von seiner Tochter

Wegmann hat in der WG einiges fürs Leben gelernt. Er beschreibt sich als einen Mann, der sich nicht vor Konflikten scheut und seinen Willen durchsetzen möchte. Doch in dieser großen Wohngemeinschaft sah er, wie Einzelgänger schnell an ihre Grenzen gerieten.  Berge von ungespültem Geschirr, ein nicht geputztes Klo. Wenn sich ein WG-Bewohner nicht an die Abmachungen hielt, waren davon alle betroffen. Wegmann lernte die Interessen Anderer zu berücksichtigen. „In einer WG wird das eigene Verhalten von den Mitmenschen unmittelbar reflektiert“, sagt er, „in einer WG lernt man sich selbst kennen.“

Wegmann rät daher jungen Menschen in einer WG zu wohnen. Aber WGs sind bei den Jugendlichen nicht mehr angesagt: nach einer Statistik des Statistischen Bundesamts entscheiden sich nur sechs Prozent der 18- bis 24-Jährigen für eine WG. Wegmann findet, dass gerade in unserer „Ellenbogen-Gesellschaft“, in der viele Individualisten ihre Ziele erreichen wollen, das Miteinander zu kurz käme. Eine WG wäre für junge Menschen genau das Richtige.

Lebenslektion 2: „Besser irgendeine Arbeit, als keine Arbeit“

Anfang der 80er Jahre löste sich die WG auf. Bewohner heirateten und suchten sich eine eigene Wohnung. Spätestens mit dem Fall der Mauer war die gemeinsame WG-Zeit vorbei. Die Wende zog vielen Menschen aus der DDR den Boden unter den Füßen weg. Viele wurden arbeitslos. Sie hatten mit ihren in der DDR gelernten Berufen auf dem Arbeitsmarkt der wiedervereinten Bundesrepublik keine Chance. Wegmann erinnert sich an einen seiner Mitbewohner, der in der DDR Germanistik studiert hatte und Leiter eines Jugendclubs in Ost-Berlin war.  Im Westen ließ der sich zum Steuerfachangestellten weiterbilden. Doch kurz vor der Prüfung schmiss er hin – heute bezieht er Hartz IV. „Um sein Leben zu meistern und sich über Wasser zu halten muss man auch unliebsame Berufe annehmen“, sagt Wegmann.

Sich durchbeißen, kämpfen, ein Wühler sein – das sind Wörter, die Wegmann benutzt, wenn er von der neuen Lebenssituation im Westen spricht. Das beste Vorbild sei ihm seine eigene Frau gewesen.  Sie nahm jeden Job an.  Sie arbeitete zuerst bei einer Autobeschriftungsfirma, dann in der Verwaltung eines Sicherheitsdienstes bis sie eine Stelle in einer Bibliothek fand. In dieser arbeitet sie bis heute.

 

So zeichnet Wegmann seine Lebenslinien

Auch Wegmann musste während seiner beruflichen Laufbahn Rückschläge hinnehmen.  Zwar bedeutete der Fall der Mauer für ihn einen Gewinn an Freiheit und mehr Geld, wie seine Lebenslinien zeigen. Aber nicht alles lief glatt: Mitte der 90er Jahre machte er sich erstmals mit einer eigenen Firma für Steuerungstechnik selbstständig. Kurz danach schloss er sie wieder, weil er unzufrieden mit seinem Geschäftspartner war. Wegmann gab nicht auf.  Kurz vor der Rente fasste er noch einmal seinen Mut zusammen und machte sich erneut selbstständig. Seit knapp fünf Jahren führt Wegmann erfolgreich sein eigenes Unternehmen – seine Geldkurve zeigt seitdem nach oben. Und Wegmann ist mit seinem Leben zufrieden.

Lebenslektion 3: „Die Jugend ist die schönste Zeit im Leben“

Der 62-jährige Berliner lehnt sich auf dem Stuhl zurück, seine Gesichtszüge entspannen sich. Mit der rechten Hand streift er sein grauschwarzes Haar aus dem Gesicht. Er schaut an die Zimmerdecke, wie als würde er dort das WG-Leben vor sich sehen. An ein Silvesterfest kann er sich besonders gut erinnern. Im Gemeinschaftsraum haben sie ein Podest aufgebaut und ein eigenes Theaterstück aufgeführt. Wegmann war Feuerspucker, aus seinem Mund stieß er eine Stichflamme in die Wohnung. „Das war eine ganz besondere Stimmung, wir haben die ganze Nacht getanzt“, erzählt Wegmann. Das Leben in der WG, das war für ihn die schönste Zeit in seinem Leben.

* Name geändert

4 Gedanken zu “„In einer WG lernt man sich selbst kennen“ – Ein Berliner erzählt von seinem Leben in der DDR

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