Warum Verzeihen wichtig ist – Besuch bei einer alten Dame

Nachdem der neue Jahrgang der Kölner Journalistenschule in einer Serie Personen aus der Twitter-Sphäre porträtiert hat, widmen sich die Nachwuchsschreiber nun einer anderen Zielgruppe: In 18 Folgen stellen die Studenten 18 bemerkenswerte Senioren vor – und deren wichtigste Lebenslektionen. Den Auftakt macht Jan Wittenbrink mit einem Porträt der 91-jährigen Ruth Thomas.
Ruth Thomas
Ruth Thomas

Vor kurzem hat Frau Thomas Post bekommen. Ein sehr netter Brief sei das gewesen, sagt sie, wirklich nette Leute. Sie habe die Absender sofort angerufen, um ihnen zu sagen, dass sie keinen Groll mehr auf deren Familie verspüre. Und das, sagt die 91-jährige Dame, sei die Wahrheit. „Man muss verzeihen können.“

Wenn Frau Thomas in ihrem grünen Ohrensessel sitzt, nachmittags, zwischen Mittagsschlaf und Abendessen, dann liest sie ein Buch. Jeden Tag ein kleines Stück, mehr schaffen ihre Augen nicht. Aber das Buch ist ihr zu wichtig, als dass sie sich von körperlichen Gebrechen würde abhalten lassen. Es heißt „Verschworen. Verraten. Verfolgt.“ und handelt vom Widerstand einiger Brandenburger in der Stalin-Ära. Und ein bisschen handelt es auch von Frau Thomas. „Ich hätte gleich türmen sollen“, sagt sie, „wie mein Chef.“

Die Rede ist vom Jahr 1949. Damals wurde sie in ihrer Heimat Brandenburg von der russischen Besatzungsmacht verhaftet, weil ihr damaliger Chef einer Widerstandsgruppe angehörte. Vier Jahre und acht Monate verbrachte Frau Thomas im Gefängnis, in Bautzen und in Hoheneck. „Es war furchtbar ungerecht“, sagt sie und blickt aus dem Fenster in den Innenhof des Altenheimes, wo der Sturm an den Ästen des kahlen Baumes rüttelt. Drinnen sitzt Frau Thomas und fragt: „Was hätte ich denn tun sollen?“

Im Nachhinein war sie vielleicht auch ein bisschen naiv. Sie arbeitete damals als Arztsekretärin, der Doktor habe sie gelegentlich darum gebeten, etwas genauer darauf zu achten, wer vor der Arztpraxis vorbeiläuft. 1949 wurde die Gruppe verraten. Der Doktor, Vater von vier kleinen Söhnen, flüchtete nach Westberlin. Frau Thomas blieb.

„Das Frauengefängnis in Hoheneck war damals berüchtigt“, sagt Frau Thomas. Verfaulte Kartoffeln habe man den Gefangenen vorgesetzt. Lebensmittellieferungen von Verwandten seien aufs Genauste überprüft worden. „Die haben jeden Apfel zerschnitten und untersucht.“

Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis hat Frau Thomas noch einmal schriftlichen Kontakt zu ihrem früheren Chef gehabt. Es ging ihr jedoch nicht um die zurückliegenden Ereignisse. „Man kann doch nicht ewig böse auf jemanden sein“, sagt sie. „Er wollte eben seine Familie retten.“ In dem Schreiben bat sie den Doktor lediglich um ein Arbeitszeugnis.

Seit zwei Jahren lebt Frau Thomas in einem Altenheim im südbadischen Müllheim. Ihr erster Ehemann fiel im Krieg, der zweite starb vor mehr als 20 Jahren. Das Wichtigste im Leben, sagt Frau Thomas, seien Freunde. Ihre beste Freundin kennt sie seit über 80 Jahren. Geld spiele im Leben nur eine Nebenrolle. Es sei nur wichtig, nicht zu verhungern. Und dann erzählt sie wieder vom Hunger im Gefängnis. Und vom Verzeihen.

In einem Kapitel des Buchs stieß Frau Thomas auf ein Zitat ihres früheren Chefs. Der Doktor wird mit den Worten zitiert, er könne nie wieder gutmachen, dass andere für ihn hinter Gitter mussten. Auch die Geschichte von Frau Thomas wird in dem Buch erzählt, im hinteren Teil findet sich die Adresse ihres Altenheims. Auf diese müssen dann wohl die Söhne des mittlerweile verstorbenen Doktors gestoßen sein. Sie erinnerten sich an die alte Dame. Und schrieben ihr einen Brief.

 

Das Leben von Ruth Thomas in Linien

 

Fotos und Grafik: Jan Wittenbrink

6 Gedanken zu “Warum Verzeihen wichtig ist – Besuch bei einer alten Dame

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  6. Lieber Jan Wittenbrink,
    mit großer Freude habe ich zufällig Ihren Beitrag „Warum Verzeihen wichtig ist…“ gelesen und muss Ihnen ein großes Kompliment dafür aussprechen. Ich bin der Autor des Buches, in dem Sie Ruth Gawron gefunden haben und möchte gern mit Ihnen in Kontakt treten. Rufen Sie mich doch bitte sobald wie möglich an, es gibt aus meiner Sicht viele Anknüpfungspunkte zu diesem und anderen Themen: 03386 211317.
    Beste Grüße Wilhelm K.H. Schmidt

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