Warum man Kindern besser für voll nimmt – Auf ein Kölsch mit Armin Lauter

Der Ausbildungsjahrgang 2011 der Kölner Journalistenschule stellt in 18 Folgen 18 bemerkenswerte Senioren vor. Die Autoren haben sie dazu nach ihren wichtigsten Lebenslektionen befragt und gebeten, die Spaß-, Geld-, und Freiheitskurve ihres Lebens zu zeichnen. Im 16. Teil schreibt Marius Gerads über den 84-jährigen Armin Lauter.
Armin Lauter
Armin Lauter

In einer Frühlingsnacht im Jahr 1933 änderte sich das Leben von Armin Lauter plötzlich. Lauter war damals sechs Jahre alt und wohnte mit seinen Eltern in der Kölner Südstadt, als die Sturmabteilung (SA) der Nationalsozialisten Häuser stürmte, in denen damals vor allem Kommunisten wohnten. Obwohl er noch ein kleiner Junge war, beschlich Lauter sofort ein seltsames Gefühl: „Ich wusste, dass irgendetwas Schlimmes geschieht.“

 

Knapp acht Jahrzehnte später sitzt Lauter in einer Kölner Kneipe und nippt an einem Glas Kölsch. Der 84-Jährige starrt ins Leere, während er sich zurückerinnert. „Kinder bekommen mehr mit, als Erwachsene wollen“, sagt Lauter. „Es ist immer besser, ihnen etwas zu erklären als zu schweigen.“

Doch genau das taten viele Erwachsene damals. Kinder durften nicht fragen – und taten sie es doch, bekamen sie meist keine Antwort. Aber genau dadurch setze sich bei Kindern Angst und Unbehagen fest, so Lauter: „Bei mir ist das bis heute geblieben.“ An eine Situation, in der dieses Gefühl besonders intensiv war, kann er sich noch gut erinnern.

In einer Nacht im Mai 1941 wurde das Haus seiner Eltern von Bomben getroffen. Die Wohnung war zerstört, Lauter musste mit seinen Eltern umziehen. Die Nazis wiesen ihnen eine neue Wohnung zu. Als sie dort das erste Mal durch das Treppenhaus gingen, guckten die anderen Mieter heimlich durch ihre Türspalte hindurch.

An der Wohnungstür war ein Siegel der Nationalsozialisten angebracht, die Wohnung selbst war komplett eingerichtet, mit Möbeln, Bildern und Bettzeug, in der Küche standen sogar noch sechs Teller auf dem Tisch – inklusive Frühstück. Heute weiß Wolf, dass die Wohnung der jüdischen Familie Wolf gehörte, die im selben Haus ein Geschäft betrieb. Sie waren von den Nazis deportiert worden.

Ein ander Mal war ein Mädchen aus der Nachbarschaft, mit dem Armin Lauter häufiger spielte, plötzlich verschwunden. Eines Tages traf er ihre Eltern. Sie müssten weg, sagten sie ihm, und dass sie vermutlich nicht wiederkommen würden. Er sah sie nie wieder.

Lauter krault seinen Ziegenbart und lehnt sich auf der Holzbank zurück. Mit einem Wink Richtung Theke bestellt er eine neue Runde Kölsch. „Nur mit Lachen kommt man durch die schwierigen Zeiten im Leben, und das habe ich mir immer bewahrt.“ Lachen sei eine Art Selbstschutz.

Heute arbeitet Lauter als Museumswärter im NS-Dokumentationszentrum. Bei der Arbeit beschleichen ihn manchmal auch heute noch die Angst und das Unbehagen von damals – vor allem, wenn er in den Zellen des alten Gestapo-Gefängnisses unter dem Museum ist. Aber die Arbeit ist ihm zu wichtig, als dass er sie deswegen aufgeben würde. Hauptsache, er kann am Feierabend immer noch lachen.

Lebenslinien von Armin Lauter
Lebenslinien

2 Gedanken zu “Warum man Kindern besser für voll nimmt – Auf ein Kölsch mit Armin Lauter

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