Alles, nur kein Mainstream: @verdachtsmoment plaudert aus der Sockenschublade

Der neue Jahrgang der Kölner Journalistenschule porträtiert kuriose, lustige und interessante Personen aus der Twitter-Sphäre. In der 16. Folge schreibt Christine Haas heute über Alexandra Pater alias @verdachtsmoment.
@verdachtsmoment auf Twitpic: "Damit ihr nicht denkt, ich bin ein komischer Gnom oder schlichtweg eine Erfindung: ein Exklusivfoto." Quelle: http://twitpic.com/zvvgk

Die sogenannte „Ökologische Nische“ bezeichnet den Bereich auf der Erdoberfläche, der dank seiner spezifischen Eigenschaften für das Überleben einer Art förderlich ist. Diese etwas trockene Definition stammt eigentlich aus dem Reich der Biologie und hat an dieser Stelle auf den ersten Blick nichts zu suchen.

Betrachtet man die ökologische Nische aber abseits von ihrer biologischen Bedeutung, eignet sie sich bestens zur Beschreibung von @verdachtsmoment. Denn hinter diesem Pseudonym verbirgt sich Alexandra Pater, (noch) 18 Jahre alt, Linkshänderin, die nach eigenen Worten endlich ihre Nische gefunden hat und außerdem einen äußert ökologischen Lebensstil pflegt. So ist sie nicht nur Beisitzerin in der Grünen Jugend in ihrer Heimatstadt Warstein, sondern kleidet sich mit FairTrade-Klamotten und ist seit dem vergangenen Sommer überzeugte Veganerin.

Dass ihr dieses Leben fernab von Milchschokolade und anderen tierischen Produkten zuweilen etwas schwer fällt, verheimlicht sie – wie quasi ihren kompletten Lebensinhalt – nicht. Täglich können ihre mehr als 3300 Follower (und alle, die es sonst noch interessiert) verfolgen, was im Leben von @verdachtsmoment bzw. Mirka von Lilienthal, wie sie sich selbst nennt, vor sich geht. Von ihrer Freude, endlich ein neues Portemonnaie gefunden zu haben, über ihre chronische Schulunlust bis hin zur toten Spinne auf der heiß geliebten Club-Mate-Flasche bleibt dem Twitterversum praktisch nichts verborgen.

Dinge, die ihr gefallen, kommentiert sie zumeist mit Begriffen wie „episch“, „extrem episch“ und anderen epischen Wort-Konstellationen. Zur Erklärung: Episch ist so etwas wie das neue „Cool“ , womit wir wieder bei der schon erwähnten, ganz eigenen Nische wären. Denn die Übernahme allzu gängiger Begriffe oder Trends und die Anpassung an den Mainstream widerstreben Alexandra Pater. Sie legt Wert darauf, so sein zu können, wie sie ist – und ist überzeugt, mittlerweile den Platz im Leben gefunden zu haben, an dem dies möglich ist. In ihrem Blog schrieb sie kürzlich:

Es ist völlig okay, einen anderen Weg einzuschlagen, Bücher zu lieben, hysterisch über Serien zu quatschen, nicht sonderlich viel mit ausufernden Parties anfangen zu können. Ich habe gemerkt, dass es okay ist wer ich bin und habe deswegen den Weg eingeschlagen, den ich bis heute gehe.

Bei all dem vehementen Bestreben, bloß nicht mit dem Strom zu schwimmen, ist man fast erleichtert festzustellen, dass es dann doch ein paar massenkompatible Dinge gibt, die bei Alexandra Pater den Episch-Status erreichen. Denn bei den Harry-Potter-Büchern gerät sie ebenso ins Schwärmen wie die 28.349.351 anderen Fans und Erfolgsserien wie Grey’s Anatomy oder Lost dürfen gerne auch auf ihrem Fernseher laufen. Ein bisschen mainstream ist sie also doch, aber nur solange es zu ihrer Persönlichkeit passt.

Ihre Persönlichkeit präsentiert sie auch im Netz. Fast lückenlos ist ihr Lebenslauf auf ihrer Facebook-Seite einsehbar. Hier erfährt man unter anderem, dass sie nebenbei für den Soester Anzeiger schreibt, bis vor Kurzem in einem Supermarkt gejobbt hat sowie gegen Atomkraft und für Organspende aktiv ist. Auf Twitter verkündet sie mehrmals am Tag, wer oder was ihr im Moment auf die Nerven geht und welche Klausur sie mal wieder verhauen hat. Und in ihrem Blog namens „Sockenschublade“ schreibt sie frei Schnauze, was ihr in den Sinn kommt. Selbst geschriebene Gedichte veröffentlicht sie ebenso wie Rezensionen oder eigens beantwortete Fragebögen.

Auf Kritik an ihrer durchaus ungewöhnlichen Art reagiert @verdachtsmoment gelassen und ironisch; der Vorwurf, durch sonderbares Verhalten nur auffallen zu wollen, lässt sie kalt. Kein Wunder, denn Bestätigung kriegt sie von allen Seiten. Von ihrer wachsenden Fangemeinde wird sie regelmäßig mit Lobeshymnen überhäuft und kürzlich durfte sie auf dem Blog „5 Bücher“ von Melanie Voß ihre Lieblingsschmöker vorstellen – und steht damit in einer Reihe mit Promis wie Jürgen von der Lippe, Lilo Wanders oder Armin Coerper.

So sinnfrei ihre Tweets teilweise sein mögen: Der Erfolg und die Qualität ihrer literarischen Ergüsse geben ihr Recht. Man liest ihr Texte wirklich gerne und könnte wohl stundenlang in ihrer Sockenschublade stöbern. Mirka von Lilienthal ist wirklich gut. So gut sogar, dass ihre niedergeschriebenen Gedanken von einigen Möchtegern-Schreiberlingen fast wortwörtlich in den eigenen Blog kopiert wurden. Doch auch diese Dreistigkeit konterte Mirka gewohnt gekonnt, indem sie die Täter per Blogeintrag zur Rede stellte.

Eine durchaus naheliegende Idee also, dass sie daran denkt, mit ihrer Wortgewandtheit Geld zu verdienen. Journalistin, Buchhändlerin, Lektorin – diese Berufe stehen ganz oben auf ihrer Wunschliste. Aber nach dem Abitur im kommenden Frühsommer will sie erstmal reisen, bevor sie anfängt zu studieren, vermutlich in Göttingen, und zwar Philosophie und Kulturanthropologie oder Gender Studies.

Es ist zwar unwahrscheinlich, dass Alexandra Pater einmal nicht mehr Twittern sollte; mehr als 11.200 Tweets und das Bekenntnis, gerne dort aktiv zu sein, sprechen für sich. Sollte sie aufgrund ihrer ambitionierten Pläne in Zukunft allerdings trotzdem einmal schwer erreichbar sein, ist das kein Grund zur Sorge. Denn an einer Stelle wird man sie immer finden: Am Buffet.

16 Gedanken zu “Alles, nur kein Mainstream: @verdachtsmoment plaudert aus der Sockenschublade

  1. Pingback: 140z.de
  2. Pingback: danielrettig
  3. Man wäre dann ja doch irgendwie gerne gefragt worden, ob man es so toll findet, seinen vollen Namen sowie seine Heimatstadt inklusive Karte in einem Internetporträt vorzufinden, aber gut. (Irgendwo habe ich diese Informationen ja auch durchaus im Internet gestreut, interessant, dass es da tatsächlich jemanden gab, der bereit war, die Informationen alle komprimiert zusammenzustellen.) Sollte mich vermutlich sowieso eher geehrt fühlen, dass irgendjemand befunden hat, dass ich interessant genug für so ein Projekt bin…

  4. danke fürs vorstellen, die sockenschublade kannte ich noch gar nicht! und: ist doch ein schöner Text – und zeigt, welce spuren man so hier und da im netz hinterlässt…

  5. Pingback: Patrick Schwarz
  6. Pingback: Patrick Schwarz
  7. Pingback: jens tönnesmann
  8. Also das ist ja mal eine Frechheit!
    So viele Daten und privates (wie den vollen Namen, Wohnort ect.) hier offenzulegen, ohne vorher zu fragen.. Klasse! Fetten Respekt, echt. -.-

  9. @Isa Aber diese Daten sind doch alle ohne große Probleme im Netz zu finden – der Wohnort ist bei Twitter angegeben, der Name zb hier: http://fuenfbuecher.de/2011/11/03/88-fuenf-buecher-von-alexandra-pater/
    Dazu muss man kein begnadeter Rechercheur sein, um das herauszufinden. Wer sich und seine Gedanken öffentlich präsentiert muss doch damit rechnen, dass er auch von der öffentlichkeit wahrgenommen wird. Viel wichtiger ist doch, dass hier kein quatsch erzählt wird..

  10. @Mirka Also erstmal: Der Text ist von mir und es tut mir leid, wenn er dir nicht gefällt.

    Bei dem Projekt geht es darum, Twitterer zu beschreiben, die durch lustige oder interessante Tweets auffallen und viele Follower haben. Da das auf dich zutrifft und ich vor allem deinen Blog richtig gut fand, habe ich dich ausgewählt. Die Idee war eigentlich, dass wir nicht mit der jeweiligen Person in Kontakt treten, sondern ein Portrait aus den Infos schreiben, die man irgendwo im Netz auftreiben kann. Daran habe ich mich gehalten und nichts frei erfunden.
    Es sind zwar teilweise sehr private Infos, die aber jeder ohne großen Aufwand so finden könnte. Deshalb hoffe ich, dass du trotzdem damit leben kannst. Und eigentlich war das ganze auch eher als Kompliment gedacht.

  11. Pingback: Lina Y. Liu
  12. Es ist doch interessant, wie viel menschen über sich dem rest der welt verraten – und wie überrascht sie dann sind, wenn jemand es einfach mal aufsammelt. Echt gute idee – vielleicht regt das den ein oder andern zum nach denken an.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *