Lebenslektionen, Teil 17: Freunde machen das Leben größer

Der Ausbildungsjahrgang 2011 der Kölner Journalistenschule stellt in 18 Folgen 18 bemerkenswerte Senioren vor. Die Autoren haben sie dazu nach ihren wichtigsten Lebenslektionen befragt und gebeten, die Spaß-, Geld-, und Freiheitskurve ihres Lebens zu zeichnen. Im 17. Teil schreibt Christine Haas über die frisch gebackene 70-jährige Großmutter Renate.
Renate will ihren Nachnamen nicht verraten - ihre Lebenslektionen teilt sie aber gerne.

Sie hat knallrot gefärbte Haare, schwärmt von ihrem Au-pair-Jahr und war im Karneval als Huhn unterwegs. Dass es sich bei Renate – ihren Nachnamen will sie nicht verraten, dieses Internet soll schließlich nicht alles wissen – um eine Rentnerin handelt, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt hat, ist auf den ersten Blick kaum zu glauben. Die 70-Jährige sprüht vor Energie und sagt selbst, dass es ihr noch nie so gut ging wie heute.

 

Es ist Quatsch, dass unsere Maßstäbe die einzig richtigen sind.

Als „Kriegskind“ hat Renate allerdings schon einiges mitgemacht in ihrem Leben. Ihr Vater kam als Soldat ums Leben. Der Rest der Familie musste von Bergisch-Gladbach über Malmedy nach Pommern zu Verwandten fliehen, da es in der Heimat immer gefährlicher wurde. „Wir waren damals sehr arm“, sagt Renate. „Und ich habe meinen Vater immer vermisst und andere, die ihren Vater noch hatten, beneidet.“

Nach dem Krieg kehrte Renate mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester zurück nach Bergisch-Gladbach. Dort begann sie eine Ausbildung als Arzthelferin und ging anschließend ein Jahr als Au-pair nach Paris. Aber auch nachdem sie aus Frankreich zurückgekehrt war, hielt es sie nicht in der Heimat. Sie heiratete einen Kölner, bekam zwei Söhne und zog nach München. „Dort haben wir uns ein Häuschen gebaut und 32 Jahre lang gelebt“, sagt Renate. Es sei eine schöne Zeit gewesen, allerdings habe sie sich manchmal sehr eingeschränkt gefühlt. Da die Kinder noch klein gewesen seien, habe sie ihre eigenen Interessen natürlich erst einmal zurückgestellt.

Eine der besten Erfahrungen ihres Lebens sei dann der Aufenthalt in Südafrika gewesen. Ihr Mann sei für vier Jahre berufsbedingt dorthin versetzt worden. Die Kinder besuchten eine deutsche Schule und Renate selbst arbeitete als Verkäuferin auf einem Kunstmarkt. Sie habe noch zur Zeiten der Apartheid in Südafrika gelebt und am Anfang nicht mit den großen kulturellen Unterschieden gerechnet. So sei es in Südafrika auch in den 1980ern noch normal gewesen, Diener zu haben.

Die Angestellte der Familie hieß Sarah. „Wir haben uns sehr gut mit unserer Sarah verstanden“, sagt Renate. Als sie aber versucht habe, Sarah in das Familienleben einzugliedern, sei sie gescheitert. „Sie konnte nicht mal an einem gedeckten Tisch mit uns sitzen und zu Abend essen“, erzählt Renate. „Die Afrikaner saßen immer auf dem Boden und aßen nur ihr selbstgekochtes Essen.“ Daraus habe sie gelernt, dass man anderen Menschen nicht eigene Lebensweisen aufzwängen solle. „Wir glauben immer, unsere Maßstäbe wären die einzig richtigen“, sagt sie. „Und das ist Quatsch! Wir leben so, die leben anders.“ Es sei wichtig, immer beide Seiten zu sehen und zu akzeptieren.

Freunde machen das Leben größer.

Während der Zeit in Südafrika habe sie viele Menschen kennengelernt, die ihr Leben verändert hätten. So seien sie und ihr Mann einmal mit einem Geschäftspartner zum Essen verabredet gewesen. Auch dessen Frau war bei dem Treffen dabei. „Ich habe sie gesehen und ab dann war klar, dass wir Freunde sind“, sagt Renate. Das sei eine Freundschaft für das ganze Leben gewesen. Vor eineinhalb Jahren sei die Freundin gestorben. Das sei sehr schmerzhaft gewesen, sagt Renate, sie denke immer noch jeden Tag an ihre südafrikanische Freundin. „Aber ich bin so dankbar, dass ich ihr begegnen durfte. Mir wurden in meinem Leben immer wieder Menschen zur Seite gestellt, die mich bereichert haben. Ich sage dazu ‚Engelsbegleitungen‘. Denn Freunde machen das Leben größer.“

Besonders klar sei ihr das geworden, als ihr Sohn vor einigen Jahren schwer erkrankt sei. Renate wird plötzlich ernster und ein wenig verschlossen. Was genau passiert ist, möchte sie nicht erzählen. „Aber das hat mich wirklich wachgerüttelt. Seitdem lebe ich viel intensiver“, sagt sie. „Das Wichtigste ist immer, dass alle unsere Lieben gesund bleiben. Lieber würde ich erkranken, als jemanden zu verlieren, der mir nahe steht.“

Liebe deinen Nächsten – aber vergiss dich selbst nicht!

Deshalb sei es ihr sehr wichtig, liebevoll mit ihren Mitmenschen umzugehen. Das komme auch schon daher, dass sie religiös geprägt sei. „Ich glaube zwar, dass es keine Religion gibt, die alleine selig macht“, so Renate. Sie sei da eher spirituell angehaucht, habe manchmal Vorahnungen, wie etwas ausgehe. Aber es gebe sehr gute Bibelzitate, die auch in ihrem Leben eine Rolle spielen. Vor allem das Gebot „Liebe deinen Nächsten“ nehme sie sehr ernst. „Achtsamer Umgang ist wichtig, einander zuhören ist wichtig“, sagt sie. „Aber genauso wichtig ist: Vergiss dich selbst nicht!“
Es sei unverzichtbar, sich selbst zu schätzen. Das habe sie besonders nach der Trennung von ihrem Mann gemerkt. Sie habe lernen müssen, sich nicht fremdsteuern zu lassen, sondern selbstbewusst zu sein und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

„Nach allem, was ich erlebt habe, kann ich sagen: Ich war noch nie so glücklich wie heute“, sagt Renate lächelnd. Durch die Trennung von ihrem Mann sei sie viel freier geworden. Außerdem genieße sie es, seit dem Eintritt in die Rente so viel Zeit zu haben und sei finanziell abgesichert. „Und seit neun Wochen bin ich stolze Großmutter. Ich hätte nie gedacht, dass ich so große Freude empfinden kann“, sagt Renate. „Das war wirklich das Highlight in der letzten Zeit. Und ich muss sagen: eine Enkelkind zu haben ist eine tolle Perspektive.“

Renates Lebeslinien.

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