Lohnt sich Meinung wieder? Die Raab-Gäste @VerenaDE, Wolfgang Kubicki & @jan_vanaken im Interview

Eine Polit-Talkshow, in der die Gäste bares Geld gewinnen können? Das war im deutschen Fernsehen lange undenkbar. Jetzt hat Pro7-Showmaster Stefan Raab das Tabu gebrochen: In seiner Sendung „Absolute Mehrheit – Meinung muss sich wieder lohnen“ entscheiden am Ende die Zuschauer, welcher der fünf Gäste sie am meisten überzeugt hat. Gewinnt einer der Gäste die absolute Mehrheit sind ihm 100.000 Euro sicher.

Die Show sorgte schon im Voraus für viel Wirbel und wurde von verschiedenen Politikern stark kritisiert. Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) und der erste parlamentarische Geschäftsführer von B´90/die Grünen, Volker Beck, sagten kurzfristig ab. Michael Fuchs (CDU) und Thomas Oppermann (SPD) sprangen ein.

Wolfgang Kubicki und Verena Delius nach der Show. (Foto: Lisa Rossel)

 

Für 140_Z.de hat sich Lisa Rossel die Sendung im Studio angesehen und anschließend mit drei der fünf Talk-Gäste über das neue Format gesprochen: Verena Delius (junge Unternehmerin), Jan van Aken (Die Linke) und Wolfgang Kubicki (FDP), der zwar als Sieger aus der Show hervor ging, aber die absolute Mehrheit und damit die 100.000 Euro verfehlte.

@140_Z: Peer Steinbrück steht wegen hoher Honorare für Vorträge in der Kritik. Sie kämpfen in einer Polit-Show um 100.000 Euro. Glauben Sie nicht, dass das völlig falsche Signale bei den Wählern setzt?

Verena Delius: Das Problem bei den Nebeneinkünften ist gar nicht, dass Politiker wie Steinbrück sie beziehen. Es ist wichtig, dass so etwas transparent gemacht wird und nicht wie in Steinbrücks Fall erst nach und nach an die Presse gerät.

Wolfgang Kubicki: Peer Steinbrück wird für seine Leistung bezahlt. Mir ging es darum, dem überwiegend jungen Publikum meine Meinung und die Meinung der FDP vorzustellen. Die Tatsache, dass 25 Prozent der 14- bis 20-Jährigen die Sendung gesehen haben, ist das Wichtigste.

Jan van Aken: Nein, gar nicht. Ich hätte die 100.000 Euro zu 100 Prozent gespendet. Das Geld wäre nicht auf meinem Konto gelandet.

@140_Z: Warum haben Sie sich das Spektakel angetan?

Delius: Ich wollte sehen, ob ich so etwas kann. Ich hatte die letzten sieben Tage so eine Art Crash-Kurs um zu sehen, wo ich bei den einzelnen Themen stehe. Die Sendung hat mich inhaltlich weitergebracht.

Kubicki: Man muss der Frage nachgehen, ob es nicht tatsächlich sinnvoll sein kann, sich im Wettstreit mit anderen zu positionieren und sich die FDP damit nicht wieder bei jungen Wählern attraktiv machen kann.

Van Aken: Ich bin angetreten um die Welt zu verbessern. Wenn man bei den Linken ist, muss man Leute dafür gewinnen. Dafür mach ich Veranstaltungen, dafür stell‘ ich mich auf den Marktplatz. Ganz spontan würde ich sagen, mit ein paar Veränderungen geht das Format in die richtige Richtung.

@140_Z: Das Format wurde im Voraus von Politikern jeder Couleur kritisiert. Was haben Ihre Kollegen zu Ihrer Teilnahme  gesagt und wie wie sehen ihre bisherigen Reaktionen auf den Auftritt aus?

Delius: Die Reaktionen waren bei mir natürlich wesentlich unkritischer. Ich hatte weniger zu verlieren. Meine Kollegen und mein Umfeld haben sehr positiv reagiert. Nach der Sendung wurde mir gesagt, dass ich sehr authentisch war.

Kubicki: Auf Äußerungen zu einer Sendung, die noch nicht ausgestrahlt worden ist, habe ich überhaupt nicht reagiert. Die Behauptung, man gehe da nicht hin, kann nur von denjenigen erhoben worden, die Sorge haben, weggewählt zu werden.

Van Aken: Vorweg waren die meisten Kollegen, und auch ich, eher skeptisch, aber die meisten fanden es gut, deswegen habe ich das auch gemacht. Die Reaktionen jetzt im Nachhinein sind extrem positiv.

@140_Z: Stefan Raab ist eher als wenig seriöser Fernsehmoderator bekannt. Wie kann man ihn ernst nehmen?

Delius: Wenn jemand so eine Sendung moderiert, nimmt man denjenigen immer ernst. Ich fand manche seiner Sprüche allerdings zu flapsig.

Kubicki: Ich bin in vielen Talkshows und kann nicht feststellen, dass sich die Moderation oder die Fragestellung von Raab inhaltlich von anderen Talkmastern unterschieden hätte.

Van Aken: Ich nehme Raab total ernst. Wenn man sich mal Schlag den Raab anguckt, sieht man, wie pfiffig der ist. Ich unterschätze ihn keine Sekunde.

@140_Z: Was denken Sie, wie die Sendung bei politikuninteressierten und politikverdrossenen Bürgern ankommt?

Delius: Ich kann nicht für alle sprechen, aber wenn sie bei jemandem gut ankommt, dann da. Dieses Format ist ziemlich interessant und kann es schaffen, bei der jungen Zielgruppe Politikfreudigkeit zu wecken.

Kubicki: Ich glaube, dass Raab und seine Redaktion gestern auch sehr viel gelernt haben. Ich kann mir vorstellen, dass sich diese Talkshow durchsetzen wird.

Van Aken: Womöglich fanden einige die Diskussion zu durcheinander. Dafür glaube ich, dass die kurzen, knackigen Thesen vielen ausreichen.

@140_Z: Die Show läuft um 22:45 Uhr, startet also mit dem Ende von Jauch´s Politik-Talk. Man könnte das als Angriff von Raab bzw. Pro7 werten. Kaum ein Zuschauer kann sich stundenlanges Politiker-Gerede anhören. Was glauben Sie, welche Auswirkungen die „Absolute Mehrheit“ auf Jauch, Illner, Will etc. hat?

Delius: Wer Will, Illner und Jauch schaut, schaut nicht Raab und umgekehrt. Das ist einfach als Versuch zu werten, in der Zielgruppe von 18 bis 49 Jahren Politikinteresse zu wecken.

Kubicki:  Die etablierten Talkshows wollen und müssen eine bestimmte Reichweite erzielen. Je nachdem wie sich die Quoten von Raab entwickeln, müssen sich die anderen etwas überlegen.

Van Aken: Ich bin kein Medienwissenschaftler. Ich denke, dass die Sendungen für unterschieliche Zuschauer konzipiert wurden. Das eine ist eher für die Unter-50-Jährigen, das andere für Über-60-Jährigen, aber das kann ich nicht bewerten.

@140_Z: Lohnt sich Meinung denn nun wieder?

Delius: Dem Bürger vorm Fernseher wurde nicht mehr Meinung gezeigt als in anderen Sendungen. Die Politiker müssen stärker gezwungen werden, auf den Punkt zu kommen und ihre Meinung klar und verständlich auszudrücken.

Kubicki: Demokratie geht vom Meinungswettstreit aus. Dieser kann nur stattfinden, wenn Meinungen aufeinanderprallen. Das ist völlig losgelöst von der Frage, ob 100.000 Euro ausgelobt werden.

Van Aken: Wenn man sagt, dass man damit 100.000 Euro verdienen kann und dass sich Meinung deshalb wieder lohnt, ist das falsch.

Die Resonanz

Das Medienecho auf die neue Raab-Produktion fielen eher negativ aus. „Raabs Experiment fährt vor die Wand„,titelt die Rheinische Post Online. „Mit Turmspringen hat Stefan Raab Quote gemacht. Seit dieser Nacht wissen wir: Er kann noch viel, viel, viel tiefer fallen„, beendet Focus Online seine Kritik. Einzig n24 schreibt, dass Raab „sich in der Jauch-Rolle gar nicht schlecht geschlagen“ habe. Die twitternden Zuschauer hingegen waren bis auf einige Ausnahmen von der Sendung angetan.

Stefan Raab wird von Twitter-Nutzerin @PetraRaab1 als bester Moderator in einer Politiksendung bezeichnet.

„Sehr souverän und auf den Punkt gebracht.“ (Screenshot: Lisa Rossel)

Nutzerin @_JennyGER_  findet Raab lustiger als Jauch.

Lustiger als Jauch. (Screenshot: Lisa Rossel)

@Netz30 glaubt, dass die Sendung Ausbaupotential hat:

„Könnte noch ganz gut werden“. (Screenshot: Lisa Rossel)

Markus Lachmann, Redakteur bei der Allgemeinen Zeitung Mainz und stellvertretender Vorsitzender der Landespressekonferenz Rheinland-Pfalz, und Julia Klöckner, Landes- und Landtagsfraktionsvorsitzende der CDU Rheinland-Pfalz wollen Raab rauswählen:

Raabs rausnehmen? (Screenshot: Lisa Rossel)
Twitter-Nuzer @rjasjukaitis ist allerdings froh, dass vor der nächsten Folge die Welt untergeht:

Talk-Gast Thomas Oppermann (SPD) dankt seinen Unterstützern via Twitter und teilt mit, dass ihm die Sendung Spaß gemacht hat.

 

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