Niveau-Seilspringen – Der ironische @schlenzalot

Der neue Jahrgang der Kölner Journalistenschule porträtiert kuriose, lustige und interessante Personen aus der Twitter-Sphäre. In der 15. Folge schreibt Julia Rosenkranz heute über Tobias Schramm alias @schlenzalot.

Schnee. Einfach nervig diese „weiße Pracht“. Auto-, Rad- und Bahnfahrer haben mit ihm zu kämpfen, Fußgängern ergeht es kaum besser. Oder, wie Schlenzalot es ausdrücken würde: „Schnee ist die eierlegende Wollmilchsau unter den Wetterphänomenen.“ Recht hat er. Und nicht nur was den Schnee angeht.

Schlenzalot eröffnet täglich einige neue Sichtweisen auf die Dinge des Alltags oder lässt an den seinen teilhaben. Das ist nicht immer tiefsinnig, meistens aber überaus unterhaltsam und, zuweilen, vollkommen sinnfrei.

Hinter Schlenzalot steckt der gebürtige Hamburger und Wahl-Berliner Tobias Schramm, der sein Geld als freiberuflicher Kreativer verdient. Das Pseudonym des 39-Jährigen entstand während seiner Zeit als Hockeyspieler bei den „Rittern der Thekenrunde“. Seit drei Jahren twittert er über alles, was ihm gerade über den Weg läuft: Frauen, Politik, Wirtschaft, Fernsehen, Käsebrote, oder die Elchpullidichte in Berlin. Und natürlich Fußball – obwohl ihm das als leidenschaftlichem HSV-Fan derzeit meistens nicht so leicht fallen dürfte.

Ansonsten veranstalten seine Tweets eifriges Niveau-Seilspringen; sie  schwanken von „Da steckt echt was hinter“ über „Der war gut!“ zu „Das hätte er sich sparen können“. Für Letzteres hat Schramm eine spezielle Übung für sich entdeckt: „Ich hoffe Sie wissen es zu schätzen, dass ich nach solchen Tweets mehrfach meinen Kopf gegen die Wand schlage.“

Seit November reichen Schramm die 140 Twitter Zeichen jedoch nicht mehr aus. Deshalb schuf er sich mit ‚Mehr Platz für Worte’ ein eigenes Blog, in dem er sich abseits aller Vorgaben austoben kann. Schreiben bereitet ihm keinerlei Schwierigkeiten – die Themenfindung hingegen schon.

Deshalb überlässt er die einfach kurzerhand seiner Gefolgschaft. Der Name des Projekts: „Ich blogge für meine Follower.“ Diese können per Mail oder Tweet Wunschthemen einreichen. Ein Stichwort genügt.

Seitdem kann der geneigte Leser einiges lernen – etwa über umfallende Reissäcke, den Reisanbau und seine Bedeutung auf dem Welternährungsmarkt, Herrenhandtaschen, Fußball und Weltfrieden, Leberwurstbrote oder den bereits zitierten ersten Schnee. Auch bei diesen Werken schwanken Qualität und Unterhaltungswert. Freunde der Ironie dürften aber überall auf ihre Kosten kommen – an den der Realität enthobenen Theorien über Alpakas ebenso wie an der Faszination von Männern für rosa glitzernde Einhörner oder den Exkursen über Heimat, Winterreifen und Urlaub.

Aber Schramm hat auch einige nützliche Alltagstipps in petto. Wie verhält man sich beispielsweise am geschicktesten, sollte einem ein kleiner Gasverlust im Bahnwaggon oder im Aufzug unterlaufen und man plötzlich aller Augen und Nasen auf sich gerichtet findet? Ganz einfach: „Nutzen Sie die ungewohnte Aufmerksamkeit und verkünden Sie etwas, was Ihnen schon lange auf der Seele liegt! Stellen Sie sich Ihren Ängsten und setzen Sie sich bewusst solchen Situationen aus, damit Sie in Zukunft unbeschwert eine Zwiebelsuppe genießen oder einen Liter Sprit exen können, ohne angstvoll in schalldichten Räumen zu hocken.“ Hallo, neuer Blickwinkel!

So einen hat er auch für das Feindbild erster Schnee zu bieten: „Es ist ein wunderschönes Bild, wenn eine erwachsene Australierin von 28 Jahren wie ein Flummi umherspringt, die Arme weit von sich gestreckt im Kreis dreht und sich die kleinen Kristalle ins Gesicht rieseln lässt. Denken Sie an Ihre kindliche Freude über den Schnee, wenn Sie fluchend Ihr Auto freikratzen!“

8 Gedanken zu “Niveau-Seilspringen – Der ironische @schlenzalot

  1. Pingback: danielrettig
  2. Pingback: schlenzalot
  3. Pingback: Der Dings
  4. Pingback: 1001010
  5. Oh, der Herr Schlenzalot!! Einer, der janz großen bei Twitter, die noch ohne Gepöbel (na gut, aber mit Niveau!!) und mit guten Tweets seine Leser begeistert!

    Jedem Twitterer seien seine Tweets ans Herz gelegt.

  6. Pingback: diverscoffee
  7. Pingback: jens tönnesmann

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