Alles immer anders – Wie sich sechs Wochen in Neu Delhi anfühlen

Als ich meiner 88-jährigen Oma am Telefon eröffnete, dass ich die nächsten sechs Wochen für ein Praktikum nach Indien gehen würde, fragte sie mich, ob ich verrückt geworden sei. Und zu diesem Zeitpunkt, einen Tag vor dem Abflug, war ich mir gar nicht so sicher, ob sie damit nicht vielleicht Recht hat.

Indien. Das sind viereinhalb Stunden Zeitverschiebung, 8 Stunden Flug, über 6200 Kilometer Luftlinie, 3,3 Mio. km² Größe, 1,2 Milliarden Menschen. Und ich war vorher noch nie in Asien, will aber jetzt direkt für anderthalb Monate dahin, mal was ganz anderes sehen und zwar ausgerechnet Neu Delhi. Ganz allein in die Stadt, die je nach Zählung irgendwas zwischen 10 und 18 Millionen Einwohner zählt, in die Stadt, die der vorprogrammierten indischen Magenverstimmung ihren Namen gegeben hat: Delhi Belly.

Die erste Reaktion meines indischen Sitznachbarn im Flugzeug – der wohl einzigen Verbindung zwischen Bayernkönig Franz Josef Strauß und Indiens Eiserner Lady Indira Gandhi – war dann auch so desillusionierend wie beiläufig vorgetragen: „You’ll have a food problem.“ Vier Wochen später sollte sich seine Vorhersage bewahrheiten, doch darum wickel ich den Turban des Schweigens. Nur so viel: Andere Indien-Neulinge soll es weitaus schlimmer erwischt haben.

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Flughafen Neu Delhi: Incredible India. Quelle: pocketmonsterd / flickr.com (CC-Lizenz)

Ich weiß nicht so richtig, was ich erwartet habe, als ich in meinem verknautschten Anzug – man weiß ja nie – müde und hungrig das Flugzeug verließ. Jedenfalls keine 30 Kilometer langen Gänge, die komplett mit Teppich ausgelegt sind, so dick, dass meine Schuhe bei jedem Schritt zur Hälfte darin versanken. Ich hatte auch nicht damit gerechnet, dass es am einzigen internationalen Flughafen der indischen Hauptstadt um halb neun morgens an einem Montag so leer sein könnte. Ein paar Hotelgast-Abholer standen vor der Tür mit der Aufschritt Arrivals und den dazu passenden Hindi-Schriftzeichen, sonst war das Terminal 3 des Indira Gandhi International Airports quasi leer.

Direkten Schrittes ging ich zu dem roten Geldautomaten, der mitten in der Ankunftshalle steht. Ich habe noch nie in das Feld „gewünschter Betrag“ die Zahl 3000 eingetippt, jetzt tat ich es aber und nahm drei Tausender entgegen. Knapp 45 Euro in indischen Rupien, ein Vermögen, wie ich schon zwei Minuten später feststellen musste: Der Mann hinter dem Tresen des Taxistandes war nämlich gar nicht begeistert, für meine im Voraus zu bezahlende Fahrt zu meiner WG von gut 300 Rupien, auf einen Tausender herrausgeben zu müssen. Ich könne froh sein, dass er das in der Kasse habe, um diese Uhrzeit. Das gab mir der Taximann zumindest nonverbal zu verstehen.

Möchte man eine Abhandlung über Indiens wirtschaftlichen Aufschwung und die generelle Entwicklung des Landes schreiben, kann man beim Verkehr anfangen. Er ist das beste Beispiel dafür, dass der Subkontinent zwar stetig in Bewegung ist, aber das auf eine vollendes chaotische und teilweise rückständige Art und Weise. Die einzige Verkehrsregel heißt Linksverkehr und selbst die wird von Fahrradrikschas und Motorrollern regelmäßig gebrochen. Ich war entsprechend froh, als ich – gerade gelandet und noch keine Stunde in Indien – feststellte, dass mein Taxifahrer zwar kein Wort Englisch sprach, aber dafür seine verrostete Laube mir unbekannten Fabrikats sicher und fröhlich singend durch den siebten Kreis der Verdammnis jedes deutschen Verkehrspolizisten manövrierte. Er hupte nicht viel – das kann ich aber erst mit dem Abstand mehrerer Wochen und entsprechend mehr Taxi- und Rikschaerfahrung sagen – fuhr zügig, aber nicht lebensmüde und setzte mich an der richtigen Stelle ab – dem Pfeiler 215 der Hochbahn-Metrolinie zwischen Dwarka Sector 21 und Noida City Center.

Da stand ich nun. Anzug, Lederschuhe, Hartschalenkoffer. Rechts von mir der übertriebenste Straßenverkehr der Welt, links von mir eine zweimeterfünfzig breite Gasse, in der augenscheinlich ein großer Teil der Bevölkerung Delhis arbeitete und wohnte. Meine Hosenbeine waren innerhalb von Sekunden bis zu den Knien eingestaubt, meine Schuhe längst grau, als mich mein zukünftiger Mitbewohner Tamding tatsächlich nach nicht mal zwei Minuten Warten an der Stelle, an der mich das Taxi Indien übergeben hatte, abholte. Irgendwie hatte ich damit nicht gerechnet, ich war fest davon ausgegangen, dass irgendwas noch schieflaufen würde. Aber so war ich, nichtmal 16 Stunden nach meinen Abflug aus Köln über München nach Delhi, ohne Zwischenfälle in einer anderen Welt gelandet. Denn so viel war klar: Hier würde ich erst mal Hilfe brauchen, allein schon, um aus dem Gassengewirr, durch das mich Tamding führte, wieder zur Hauptstraße zu kommen.

Mittlerweile habe ich mich an Delhi gewöhnt und die Stadt schätzen gelernt. Ich habe gelernt einkaufen zu gehen, Rikscha zu fahren und Preise zu verhandeln. Alles ist aktiver als in Deutschland, über die Straße gehen erfordert Konzentration, Handeln auch und überhaupt bin ich viel anwesender, wenn ich durch Delhi gehe, als wenn ich in Köln unterwegs bin.

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Chandni Chowk: Alle hupen, alle klingeln, alle drängeln. Quelle: Dank an gustible / flickr.com (CC-Lizenz)

Verliebt habe ich mich aber nicht in diese Metropole, dafür ist sie zu hässlich, zu herb und zu obszön. Es gibt Tage, da wird sie mir auch nach einem Monat noch zu viel: Der Smog, der Verkehr und der dadurch verursachte Lärm, die Menschenmassen und der permanente Geruch von Essen, Abgasen, (brennendem) Müll und Gewürzen gleichzeitig. Dennoch: Delhi ist faszinierend.

Meinen ersten Besuch des Chandni Chowk, der Schlagader der Altstadt, werde ich wohl nie vergessen. Der Ort gewordene Verkehrs-Overkill, das Chaos in Reinform. Eine Straße, je Fahrtrichtung zweispurig angelegt, wird auf jeder Seite mindesten vierspurig befahren. Es sind Autos unterwegs, Kleinbusse, Motorrikschas, Motorräder, Motorroller und unzählige Fahrradrikschas. Alle hupen, alle klingeln, alle drängeln und die Fußgänger bahnen sich mit einer stoischen Ruhe ihren Weg durch das Chaos, denn die Bürgersteige sind wie überall – so es sie denn überhaupt gibt – von den Ladenbesitzern beschlagnahmt worden.

Der Chandni Chowk, der übersetzt ausgerechnet Mondscheinplatz heißt, ist einerseits sehr touristisch, weil mit dem Roten Fort eine der Attraktionen Delhis an seinem Ostende liegt. Dort stehen hunderte Fahrradrikschas und ihre Fahrer töten den vorbeigehenden Touris alle vorhandenen Nerven, bieten sogar Fahrten von fünfzig Metern an und können ihre wichtigsten Sprüchlein in mindestens fünf Sprachen aufsagen.

Wer sich allerdings traut, den Chandni Chowk durch eine der winzigen Gassen zu verlassen und in das Gewirr der echten Altstadt einzutauchen, kommt in Gegenden, die wohl nur die allerwenigsten Touristen sehen. Hier kaufen Frau Singh und Frau Bhatt ein, hier gibt es keinen Touristennippes, sondern kunstvoll bemalte Tücher und Schals, Schmuck und traditionelle Gewänder wie die Saris. Hier wird beim Chai, dem Nationalgetränk, einem sehr süßen Tee, gehandelt und verkauft, alles gemäßigt, ich würde fast sagen ruhig. Aber das nur im Vergleich mit Delhi, für deutsche Verhältnisse ist es hier nirgends ruhig.

Cricket: Noch bedeutender als Fußball für Deutschland und England zusammen. Quelle: Dank an ampersandyslexia / flickr.com (CC-Lizenz)

Es geht besonders dann rund, wenn ein Cricketspiel ansteht, der Sport, dessen Bedeutung hier noch höher ist, als die des Fußballs für Deutschland und England zusammen. Erst vor ein paar Tagen hieß es Indien gegen Pakistan, laut meiner Kollegin „der Krieg, den sie sonst nicht führen können.“ Am Ende des siebenstündigen Matches hat Indien gewonnen und die Stadt feierte: Silvesterkracher knallten in der Nachbarschaft, bunte Feuerwerksraketen explodierten im Smog über dem nächtlichen Delhi.

Zwei Wochen lebe ich noch in diesem manchmal großartigen, manchmal nervtötenden Chaos dieser Metropole, dann ist mein Praktikum zu ende und ich setze mich in den Flieger zurück ins geordnete Deutschland. Wer Lust bekommen hat, bis dahin mehr von meinen Erfahrungen in Indien (nach-) zu lesen, kann das gerne unter sechswochendelhi.wordpress.com tun. Dort blogge ich seit Beginn meines Aufenthalts Mitte Februar regelmäßig, ich freue mich immer über neue Leser!

5 Gedanken zu “Alles immer anders – Wie sich sechs Wochen in Neu Delhi anfühlen

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  4. Hört sich sehr gut an, ich bekomm glatt Fernweh. In einigen Punkten erinnert mich deine Beschreiben extrem an Shanghai 😀
    Naja, genieß deine restliche Zeit dort!

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