Mit Turbosohn und Heiacontent – Wie die @textzicke ihr Leben im Glashaus gestaltet

Der neue Jahrgang der Kölner Journalistenschule porträtiert kuriose, lustige und interessante Personen aus der Twitter-Sphäre. In der 17. Folge schreibt Patrick Schwarz heute über Lilian Kura alias @textzicke.

Share photos on twitter with TwitpicDer 20. Dezember 2011 war ein guter Tag für die Kinder eines Waisenhauses in Kambodscha. Bei einer vorweihnachtlichen Spendenaktion konnten Internetnutzer verschiedene Dinge ersteigern, deren Erlös den Waisen zugute kam: Designer-Leuchten, Stricksocken oder Basketballkörbe etwa – und eine Dienstleistung der Textzicke.

So lautet das Web-Pseudonym von Lilian Kura. Sie arbeitet seit etwa zehn Jahren als selbstständige Werbetexterin, Korrektorin und Übersetzerin. Solche Freiberufler gibt es wie den sprichwörtlichen Sand am Meer. Umso wichtiger ist es, sich von der Konkurrenz abzusetzen – eine Herausforderung, die Kura auf ihre ganz eigene Art meistert.

Ihr Twitter-Account ist so etwas wie eine virtuelle Visitenkarte. Zum einen lernt man sie und ihre Gedanken kennen, zum anderen gelangt man auf ihren professionellen Webauftritt. Dort erfährt man, dass Kura für eine Stunde „textzicken“, also korrigieren, bis zu 44 Euro berechnet. Nicht gerade wenig. Doch Kura scheint ihr Handwerk zu verstehen. Das zumindest legt das Dokument (.pdf) „Korrekturzeichen“ nahe, in dem sie die wichtigsten Grundregeln beim Korrigieren zusammenfasst – mit dem ihr eigenen Sprachwitz.

Auch auf Twitter ist Kura ein Unikat. Die 37-Jährige ist Mutter, Flohmarktfan, Bücher- und Lachjunkie. Wer ihre Tweets eine Weile lang verfolgt, erfährt nicht nur, wo die Blondine wohnt (im bayrischen Starnberg). Er wird auch Zeuge von Kuras Familienleben. Da wäre zum einen der „Turbosohn“, den seine Mutter mit „Kevin – Allein zu Haus“ vergleicht. Bei einer Partie Stadt-Land-Fluss fragte der Turbosohn einmal: „Ist Buddha ein Tier?“

Zum anderen hat Kura auch eine Tochter, alias „die Liebreizende“. Auch sie bringt ihre Mutter und deren Twitter-Freunde immer wieder zum Lachen. Als Kura kürzlich Augenringe hatte, fragte die Liebreizende: „Mama, warum hast du Lidschatten UNTER den Augen?

Kuras „Gatte“ wiederum wird von der Textzicke mit dem Schauspieler Anthony Perkins verglichen. Hin und wieder ist auch er Thema der Tweets, etwa nach einer Weihnachtsfeier: „Der Gatte hat da ja ein paar nicht so unansehnliche Mitarbeiter. Mussmanjamalsagendürfen. *hicks*“.

Kura gibt so viel von sich und ihrer Familie preis, dass man schnell den Eindruck gewinnt, sie säße in einem Glashaus. Vielleicht ist es aber auch genau diese Durchsichtigkeit, die Kuras 4850 Follower begeistert. Immerhin werden sie täglich mit durchschnittlich 39 Tweets versorgt – und abends mit dem traditionellen „Heiacontent“ in die Nacht verabschiedet.

Viele ihrer Äußerungen richten sich an einzelne Personen. Regelmäßig unterhält sich die Textzicke beispielsweise mit @haekelschwein und @Mellcolm. Wem diese Pseudonyme nichts sagen, wird sich vermutlich eher an ihren Versprechern und Verlesern des Tages erfreuen. Da gab es schon die „stinkenden Followerzahlen“, „Weichnachten“, „Scheeregen“ und „Mutarbeiter“.

Sie rede wie ihr der Schnabel gewachsen ist, sagt sie von sich selbst. Das ist, vorsichtig formuliert, eine Untertreibung. Wenn sie sich mal wieder fürchterlich über jemanden erzürnt, kriegt der ordentlich sein Fett weg. Bezüglich Politiker schrieb sie einmal:  „Alles Pisser. So.“ Kura sitzt im Glashaus und wirft munter um sich.

Aber das dürfte ihr herzlich egal sein. Was sie machen würde, wenn Twitter und Facebook tot und Blogs out wären? „Weiterbloggen, weil mir wurscht ist, was in und was out ist.

Klar ist, dass Lilian Kura sich von vielen anderen Texterinnen unterscheidet. Die schwimmen in einer unsichtbaren Masse, die Textzicke hingegen profiliert sich im Netz als Kreative mit Wortwitz und Humor. Aufmerksamkeit ist eine Währung, die Freiberufler wie Kura gut gebrauchen können.

Davon profitierten kürzlich dann auch die kambodschanischen Waisen. Für Kuras „professionelles Korrektorat von 10 Normseiten Text“ wurden immerhin 60,99 Euro geboten. „Das war’n Schnäppchen“, zwitscherte Kura daraufhin, „und ich spitze schon den Rotstift!“

Textzickes Follower werden täglich mit Tweets versorgt - in Spitzenzeiten bis zu 73 (Quelle: twittercounter.com)

8 Gedanken zu “Mit Turbosohn und Heiacontent – Wie die @textzicke ihr Leben im Glashaus gestaltet

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  4. Huch, welche Ehre! Und wie erstaunlich, dass meine schlümme Peperonichips-Sucht mit keinem Wort erwähnt wurde! :)
    Ansonsten finde ich mich recht passend porträtiert und habe heftig gnihihit. Danke schön.

    Herzliche Grüße aus Bonztown!

    Lilian Kura aka @Textzicke

  5. Finde das Portrait auch gelungen und sympathisch.. und tatsächlich, die Chips sind scheinbar auf der täglichen Zwitscherskala nach unten gerutscht. Aber man hat ja auch mal anderes zu berichten! :-)

  6. Hallo, habe mir das Porträt von Lilian durchgelesen
    und musste immer wieder schmunzeln. Ich finde es gut beschrieben und habe es mit Interesse gelesen.:)

  7. Hallo,
    Ein gutes PORTRAET einer beanspruchten Mutter, deren Vielseitigkeit zu spüren ist. Sympatisch geschrieben und guter Beitrag. Dazu dient auch die Twitter-Plattform.

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