„Man muss sich was trauen“ – Ein Ehepaar erinnert sich

Der Ausbildungsjahrgang 2011 der Kölner Journalistenschule stellt in 18 Folgen 18 bemerkenswerte Senioren vor. Die Autoren haben sie dazu nach ihren wichtigsten Lebenslektionen befragt und gebeten, die Spaß-, Geld-, und Freiheitskurve ihres Lebens zu zeichnen. Im 15. Teil schreibt Lisa Kolde über das Ehepaar Pieper.

Liebespaare sind für Außenstehende manchmal ein Rätsel, deren Geheimnis man erst nach Jahren entschlüsselt. Bei Hermann und Gitta Pieper* dauert es nur wenige Minuten. Kurz nachdem beide ihren Kaffee bestellt haben, nimmt er seinen Hut vom Kopf und legt ihn auf den Tisch. „Der gehört nicht auf den Tisch, leg’ den mal lieber auf den Stuhl“, sagt Gitta. Hermann gehorcht und lehnt sich zurück.

Hermann, 64, und Gitta, 59, beide Rentner, kennen sich seit 42 Jahren und sind seit 37 Jahren miteinander verheiratet. Die beiden sind ein eingespieltes Team, und so wollen sie auch gemeinsam erzählen, welche Lektionen ihnen das Leben erteilt hat. Gitta ergreift zuerst das Wort.

Man muss sich was trauen

1976 gab sie ihre Stelle als Anwaltsgehilfin in einer Kanzlei auf und begann eine Ausbildung zur Programmiererin. Lange bevor Computer und Smartphones Haushalte und Büros eroberten, entwickelte Gitta Piepers bereits Programme. „Ich war damals 23. Wenn man jung ist, muss man sich was trauen.“ Noch heute interessiert sie sich für Technik. Sie surft gerne im Internet, hört Podcasts und ist technisch versierter als ihr Mann.

Rückschläge bedeuten nicht das Ende

Als er an der Reihe ist, beginnt Hermann Pieper zögerlich. Nach einer Ausbildung zum Versicherungskaufmann und einem BWL-Studium bekam er eine Stelle im Außendienst einer Versicherung. Doch auf den vielversprechenden Karrierestart folgte der schwerste Rückschlag seines Lebens. Mit 28 Jahren stellten Ärzte bei ihm eine Rückgratversteifung fest. Ihm blieb nichts anderes übrig, als ganz unten anzufangen. Er bewarb sich als Sachbearbeiter.

Seine Kollegen merkten jedoch schnell, dass er für den Job überqualifiziert war. Schon nach drei Monaten wurde er befördert, weil der Vorstand des Unternehmens von seiner Krankheit wusste. Dreißig Jahre arbeitete er von da an in der Firma. Sein Leben hat ihn gelehrt, dass Rückschläge nicht das Ende bedeuten.

Hauptsache, man kann sich aufeinander verlassen

Dazu passt auch, dass er vor einigen Jahren einen Herzinfarkt erlitt. „Es war schwierig, ihn wieder in den Alltag zurückzuholen“, erinnert sich Gitta Pieper. „Ich musste ihm klarmachen, dass ich ihn trotz seiner Krankheit nicht nur in Watte packen würde.“

An eine Szene erinnert sie sich besonders gut. Eines Tages fragte er sie, wann das Essen auf dem Tisch stehen würde. „Wenn du es kochst“, antwortete sie.

„Ich hatte nicht die Kraft, mich nur um ihn zu sorgen. Ich musste auch an mich selbst denken“, sagt Gitta Pieper. „Das Schwanken zwischen Mitleid, Sorge und Egoismus fiel mir sehr schwer.“

Der Herzinfarkt belastete auch ihre Beziehung. Aber das Wichtige in einer Ehe sei, dass man sich aufeinander verlassen kann, sagt Gitta Pieper. Und dass sie das konnten, da sind sie sich einig.

* beide Namen geändert

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