Eine 72-Jährige erzählt: „Egal wie finster es um dich herum aussieht: Du darfst nie aufgeben“

Der Ausbildungsjahrgang 2011 der Kölner Journalistenschule stellt in 18 Folgen 18 bemerkenswerte Senioren vor. Die Autoren haben sie dazu nach ihren wichtigsten Lebenslektionen befragt und gebeten, die Spaß-, Geld-, und Freiheitskurve ihres Lebens zu zeichnen. Im achten Teil schreibt Max Esser über die 72-jährige Astrid Kollenberg.
Astrid Kollenberg
Astrid Kollenberg

Astrid Kollenberg hat nur wenige schöne Erinnerungen an ihre Kindheit. Wenn sie sich in die 1940er Jahre zurück erinnert, denkt sie an Krieg und die Sirenen, die vor einem Bombenangriff warnten. „Irgendwann hat meine Mutter gemeint, sie will nicht mehr in den Bunker gehen“, sagt Kollenberg, „wenn es uns jetzt trifft, dann trifft es uns eben, hat sie gesagt.“

Astrid Kollenberg wurde 1939 in Berlin geboren. Obwohl zeitgleich der Krieg begann sei sie ein sehr fröhliches Kind gewesen, sagt die heute 72-Jährige. Zumindest bis 1943, dann starb ihr Vater. Sie zog daraufhin mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester nach Neiße (heute Nysa in Südwest-Polen), dort wohnten ihre Großeltern. Vor allem ihr Opa habe ihre Kindheit dann stark geprägt, sagt Astrid Kollenberg: „Er war ein echter Preuße, bei ihm zählten Ordnung, Gehorsam und Disziplin.“ Als 1945 die Rote Armee vorrückte, musste Astrid Kollenberg mit ihrer Familie quer durch Tschechien bis nach Blankenburg im Harz fliehen. Zu Fuß.

Dort begann erstmals Normalität in ihr Leben einzuziehen. Nach der Schule machte sie eine Lehre im Finanzamt von Goslar, nach kurzer Zeit im Staatsdienst wechselte sie in ein Steuerbüro in Braunlage. Im Bus auf dem Weg zur täglichen Arbeit lernte sie ihren Mann kennen. Er arbeitete als Zöllner an der innerdeutschen Grenze, sie heirateten 1960. Wenig später wurde ihrem Mann eine Stelle in Bonn angeboten, sie ging mit ihm.

„Es läuft nicht alles im Leben so, wie man sich das wünscht.“

In Bonn arbeitete Astrid Kollenberg weiter als Steuerberaterin. Sie habe nicht um jeden Preis weiter berufstätig sein wollen, sagt sie. „Ich habe ein sehr konservatives Familienbild.“ Astrid Kollenberg hätte kein Problem damit gehabt, ihren Beruf aufzugeben und zu Hause die Kinder zu hüten.

Schon in ihrer Kindheit sei ihr klar geworden, welchen Stellenwert die Familie in ihrem Leben haben sollte. „Meine Familie ist das Fundament meines Lebens“, sagt Kollenberg. Deshalb wollte sie unbedingt Kinder haben. Wie sich aber herausstellte, konnte sie keine bekommen. Das habe sie traurig gemacht, sagt sie heute. Aber es habe sie nicht gebrochen: „Auch wenn nicht alles im Leben so läuft, wie man sich das wünscht, darf man nicht verzweifeln.“ Sie sei sehr gut darin, sich mit dem Gegebenen zu arrangieren.

Und das Schicksal habe es letztendlich doch noch gut mit ihr gemeint: Astrid Kollenberg zog den Sohn ihrer Schwester groß. „So habe ich doch noch erleben dürfen, wie schön es mit Kindern ist.“

„Mit Menschen muss man respekt- und rücksichtsvoll umgehen.“

40 Jahre lang war Kollenberg mit ihrem Mann verheiratet, bis er im Jahr 2000 nach einer Krebserkrankung verstarb. „In einer so langen Partnerschaft muss man gemeinsam planen, aufeinander zu gehen und sich selbst immer wieder zurücknehmen“, sagt sie. Sie habe zwar große Freude am Familienleben gehabt, doch als sie auch noch ihre schwerkranke Mutter zu sich nach Hause holte – anstatt sie an ein Hospiz zu geben – sei sie häufig an ihre Grenzen gestoßen. Dabei habe sie gelernt, wie wichtig ein respekt- und rücksichtsvoller Umgang mit Menschen sei. „Das war eine der Leitlinien, an denen ich mich orientiert habe.“

Beim Thema Werte ist weniger oft mehr, sagt Kollenberg: „Die großen Tugenden wie Mut und Tapferkeit sind praktisch nicht zu erreichen.“ Wer könne schon sagen, in seinem Leben immer tapfer gewesen zu sein? Stattdessen habe sie versucht, zuverlässig und pflichtbewusst zu sein. So habe sie es geschafft, sich angemessen um alle kümmern zu können.

„Im Leben kommen Höhen und Tiefen vor, aber man darf nie aufgeben.“

Aber als Astrid Kollenbergs Ehemann plötzlich schwer krank wurde, habe sie selbst jemanden gebraucht, der sich um sie kümmert. „Ich bin nach langer Zeit wieder in die Kirche gegangen“, sagt Kollenberg. Sie habe einen Ort gebraucht, an dem sie weinen und offen über ihre Gefühle reden konnte. Sie wollte traurig und gleichzeitig stark sein. „Ich habe mit meinem Mann nie über seine Krankheit gesprochen.“

Von der Kirche aufgefangen zu werden, habe ihr neue Kraft gegeben. Auch heute noch engagiert sie sich in der evangelischen Gemeinde von Königswinter-Stieldorf. „Soziale Bindungen halten einen lebendig“, sagt sie. Sie organisiert Nachmittage für Senioren und ist Presbyterin, leitet also gemeinsam mit den Pfarrern die Gemeinde.

Astrid Kollenberg sagt, dass sie die Jahre seit dem Tod ihres Ehemannes vielleicht die wichtigste aller Lektionen gelehrt haben: „Egal wie finster es um dich herum aussieht, es kommen auch wieder bessere Tage. Du darfst nur nie aufgeben.“

Lebenslinien
Auf und Ab und Auf: Die Lebenslinien von Astrid Kollenberg.

2 Gedanken zu “Eine 72-Jährige erzählt: „Egal wie finster es um dich herum aussieht: Du darfst nie aufgeben“

  1. Pingback: 140z.de
  2. Pingback: Lina Y. Liu

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *