„Interessiert euch für die Menschen“: Ein Spaziergang mit Herrn Becker

Der Ausbildungsjahrgang 2011 der Kölner Journalistenschule stellt in 18 Folgen 18 bemerkenswerte Senioren vor – und deren wichtigste Lebenslektionen. Im zweiten Teil schreibt Patrick Schwarz über den 89-jährigen Herrn Becker – einen Künstler, der sich im Dritten Reich den Edelweißpiraten anschloss.

Bereits nach einer halben Stunde ist der Schreibblock durchnässt und die Tinte verlaufen. Ein Tief sorgt für Regen und böigen Wind. Auf den Straßen trifft man nur wenige, meist in Winterkleidung gehüllte Menschen. Gerade ältere Personen, so müsste man meinen, flüchten ins nächste Café oder verstecken sich in ihren Wohnzimmern.

Nicht so Herr Becker. Die Einladung zum Kaffee lehnt er ab: „Wie ich Ihnen schon sagte: Ich bin jetzt fast 90 Jahre alt und habe einen geregelten Alltag. Den muss ich einhalten und deshalb will ich jetzt keinen Kaffee trinken. Sie können mich aber gerne begleiten“, wiederholt der Mann im beigen Detektivmantel. Das fast schulterlange weiße Haar wirbelt unter seiner Baskenmütze hin und her. Während des 90-minütigen Spazierganges zieht Herr Becker nicht einmal in Erwägung, seinen Regenschirm aufzuspannen.

Laut Routenplaner benötigt man für die Strecke eine halbe Stunde, Herr Becker ließ sich 90 Minuten Zeit (Quelle: Google Maps)

Vielleicht hängt es mit seiner Geschichte zusammen, dass der 89-jährige Kölner sehr vorsichtig ist, nur Herr Becker genannte werden möchte und kein Foto von sich preisgibt.

Geboren als Sohn eines stadtbekannten Künstlers, erlebt er in den Goldenen Zwanziger Jahren zunächst eine „sehr schöne Kindheit“. Einzig die Weltwirtschaftskrise 1929 hat er in schlechter Erinnerung. „Ich weiß noch gut, dass die Arbeitslosen damals alle in einer Reihe standen. Wenn einer von denen eine Zigarette hatte, wurde die dann an alle weitergereicht“, erzählt Becker und verblüfft mit seiner Detailgenauigkeit.

Weil das Blut eines Künstlers durch seine Adern fließt, beginnt er bereits mit 14 Jahren Karikaturen zu zeichnen. Deshalb schickt ihn sein Vater zwei Jahre später auf eine Werkschule und als er volljährig ist auf die Kunstakademie nach Düsseldorf. „Eine sehr schöne Zeit mit skurrilen Aufgaben war das. Die haben zum Beispiel Leichen aus einer Krankanstalt geholt und wir haben die dann gezeichnet. Männer konnten das nicht mit ansehen, aber die Frauen haben da immer zugeschaut.“

„Interessiert euch für die Menschen und dafür was passiert in der Welt!“

Während seines geliebten Studiums schließt er sich den Edelweißpiraten an. Ihm geht es dabei weniger um den Widerstand, als darum, frei zu sein. „Bei Edelweiß haben wir uns immer sonntags im Königsforst getroffen, Mädels waren auch dabei. Ich hatte damals eine besonders anstößige rot lackierte Gitarre. Es war einfach eine Erlebniswelt für uns.“

Herr Beckers Lebenskurven

Diese Idylle wird im November 1941 jäh zerstört: Becker wird eingezogen. Er kommt nach Frankreich und eckt sofort an. Der Freigeist will kein Soldat sein. Als rauskommt, dass er bei Edelweiß war, wird er glücklicherweise nach Berlevåg in Norwegen abkommandiert. Selbst heute lebt in dieser Region auf einem Quadratkilometer durchschnittlich nur eine Person. Dort steht er kaum jemandem im Wege und hat bei seiner Arbeit an der Flak-Batterie ohnehin nicht viel zu tun. Seine Einheit schießt bis zur Befreiung durch die Russen 1943/44 ein einziges Flugzeug ab. Als Künstler hat Becker nur Augen für die Schönheit der eisigen Landschaft und die atemberaubenden Nordlichter.

Alles andere als ein schönes Bild bietet sich ihm bei seiner Rückkehr nach Köln. Er erkennt die zerbombte Stadt kaum wieder. Noch heute kann er durch den Stadtteil Sülz gehen und zeigen, wo welche Schäden zu sehen waren. „Hier war ein riesiges Loch“ sagt er und zeigt auf eine bestimmte Stelle in der Robert-Koch-Straße „und diese Häuserreihe war komplett weg.“

Ausgerechnet in der aussichtslosten Stunde seines Lebens erfährt er sein größtes Glück. Mitten in den Trümmern lernt er seine Frau kennen, mit der er seit 63 Jahren verheiratet ist. „Wir haben gemeinsam gehungert, das schweißt viel mehr zusammen, als alles andere. Das kennen die Menschen von heute gar nicht mehr.“ Notdürftig basteln sie sich mit ein wenig Holz ein Zuhause. Weil „ihre Erlebniswelt mit Brettern vernagelt war“, wie er sagt, haben sie so eng zueinander gefunden.

„Jeder sollte versuchen etwas von sich auf der Welt zurück zulassen.
Dann wird man sich für immer an einen Menschen erinnern.“

Im unteren Teil des Rahmens hat Herr Becker „Colonia Claudia Augusta Agrippinensis, Causa nostrae laetitae“ eingraviert. Die Übersetzung aus dem Latein bedeutet so viel wie „Köln, Grund für unsere Freude“. Sein Bild ist dreigeteilt (Triptychon) und zeigt Weiberfasnacht, Rosenmontag und Aschermittwoch. Er hat es mit Öl auf Hartfaserkarton angefertigt.

Während die Stadt nach und nach aufgebaut wird, ziehen besser Zeiten für die junge Familie auf. Becker beginnt damit Titelseiten für Zeitschriften wie die „Illustrierte“ oder die „Gute Laune“ zu gestalten. Weil die Autoindustrie besser bezahlt, macht er anschließend Werbeplakate für Daimler-Benz und Ford. Er kann seine Familie gut ernähren und wird zweifacher Vater. Allmählich findet er zu seinem eigentlichen Beruf des Künstlers zurück und setzt sich mit der Modernen auseinander. Er entwickelt seinen ganz persönlichen Stil. „In meinen Porträts versuche ich immer eine Geschichte zu erzählen. Wenn jemand kommt und fragt, was ich denn da gemalt habe, kann ich es auch erklären.“ Herr Becker erntet viel Beifall für seine Kunst und hat zwei große Ausstellungen im Kölner Stadtmuseum 1985 und 1992.

Auch 2012 wird es wieder eine Ausstellung geben, vielleicht aber nicht mehr ganz so groß wie damals. Herr Becker erfreut sich mit seinen 89 Jahren lieber an den kleinen Dingen. „Vor kurzem ist mir beim Spazieren ein Mann mit seinem Hund entgegen gekommen. Das war so einer mit langen Schlappohren. Da hab ich ihn gefragt, ob er keine Angst hat, dass der Hund mit so riesigen Ohren wegfliegt“, frohlockt Herr Becker und lacht dabei aus tiefster Seele.

Sein humorvolles Wesen steht ernstgemeinten Ratschlägen aber nicht im Wege. „Was ich euch Jungen mit auf den Weg geben möchte? Interessiert euch für die Menschen und dafür was passiert in der Welt. Die meisten haben so viel zu erzählen, aber man schaut einfach über sie hinweg.“ Und noch einen Tipp hat er parat. „Wenn ich sterben sollte, weiß ich, dass etwas von mir auf der Erde bleiben wird. Meine Kunstwerke werden bleiben. Jeder sollte versuchen etwas von sich auf der Welt zurückzulassen. Dann wird man sich für immer an einen Menschen erinnern.“

5 Gedanken zu “„Interessiert euch für die Menschen“: Ein Spaziergang mit Herrn Becker

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