Hauptsache, die Familie hält zusammen: Herr Voss hofft, dass seine Frau zurückkommt

Der Ausbildungsjahrgang 2011 der Kölner Journalistenschule stellt in 20 Folgen 20 bemerkenswerte Senioren vor. Die Autoren haben sie dazu nach ihren wichtigsten Lebenslektionen befragt und gebeten, die Spaß-, Geld-, und Freiheitskurve ihres Lebens zu zeichnen. Im 13. Teil schreibt Jannik Euteneuer über den 80-jährigen Heinrich Voss.
"Es ging einfach nicht mehr": Heinrich Voss alleine in seiner Wohnung. Foto: Jannik Euteneuer

Es war Ende November des vergangenen Jahres, als der Krankenwagen in der Straße vor der Wohnung von Heinrich Voss stand. Seine Frau musste ins Pflegeheim. „Es ging zu Hause einfach nicht mehr“, sagt der 80-Jährige frustriert, während er aus dem Fenster seiner Küche schaut, vor dem langsam die Sonne untergeht.

Seit 53 Jahren ist Heinrich Voss mit seiner Frau verheiratet, vor 14 Jahren erkrankte sie an Parkinson. „Die ersten Jahre kamen wir mit der Krankheit gut zurecht“, sagt er. Als sich der Zustand seiner Frau jedoch langsam verschlechterte, zogen die beiden in eine ebenerdige Wohnung, weil sie die Treppenstufen nur schlecht hinauf kam. Dort ging es bis letzen November ganz gut

Der 80-Jährige hat die Hoffnung, dass seine Frau Ende bald wieder nach Hause kann. Bis dahin gehe er sie weiterhin jeden Tag besuchen, um sie im Rollstuhl an die frische Luft zu bringen. „Ihr Zustand ist ein ständiges Auf und Ab“, sagt er. „Aber momentan wird es besser.“

„Hauptsache, die Familie hält zusammen.“

Wenn sie wieder zu Hause ist, wird sich das auch auf seinen Alltag auswirken, erzählt Herr Voss. Zweimal täglich werde der Pflegedienst kommen, er werde seine Frau nicht lange alleine lassen können. Aus dem Kirchenchor sei er daher schon ausgetreten, auch sein Stammtisch habe seine Treffen verschoben. Für seine Frau tue er das alles gerne, betont er. „Alles ist besser, als dass sie noch länger im Pflegeheim ist.“ Zudem seien sie nicht alleine, ihre Kinder würden sie schließlich so gut es geht unterstützen.

Die Familie ist Herr Voss sehr wichtig, stolz zeigt er seine Bilderwand, die im Wohnzimmer über einem großen Sessel hängt. Bilder von fünf Kindern und neun Enkelkindern haben hier ihren Platz gefunden. „Die Familie ist groß, aber sie hält zusammen“, sagt er stolz. „Das ist die Hauptsache.“

Herr Voss hat 26 Jahre in der Küche und der Beamtenkantine der JVA Siegburg gearbeitet, 1991 ist er in Rente gegangen. Ob er gerne gearbeitet habe? „Auf jeden Fall, ich bin immer gerne hin gegangen“, antwortet er. Der Umgang mit den Häftlingen habe ihm große Freude bereitet, die meisten seien eigentlich ganz anständig gewesen.

„Egal ob Dieb oder Mörder:
Verbrecher sind Menschen.“

Vor gut neun Monaten traf Herr Voss zufällig einen seiner ehemaligen Häftlinge. Die beiden unterhielten sich kurz, redeten über frühere Zeiten. Am Ende habe sich der Häftling bei ihm bedankt, erzählt er. Dafür, dass Herr Voss ihn im Gefängnis immer gut behandelt habe. Der 80-Jährige nickt zufrieden, als er von der Begegnung erzählt. „Egal, ob Dieb oder Mörder“, sagt er. „Ich habe die Gefangenen immer als Mensch behandelt.“

Jeden Montag habe er sich einen von ihnen geschnappt, um in den Großmarkt einkaufen zu fahren. Bevor es ins Geschäft ging, nahm er die Häftlinge mit zu sich nach Hause, wo sie sich umziehen konnten. Nach dem Einkauf aßen sie mit ihm und seiner Familie zu Mittag, oft gab es ein Bier dazu, ab und an Zigaretten. „Die waren alle dankbar, dass sie mal aus dem Gefängnis raus gekommen sind“, erzählt Herr Voss. Er habe die Häftlinge immer mit Respekt behandelt, nicht ein einziges Mal habe einer von ihnen Probleme bereitet.

„Geld ist nicht so wichtig.“

Bevor Herr Voss in der JVA anfing, betrieb er ein kleines Lebensmittelgeschäft in Köln-Ehrenfeld. Als in direkter Nachbarschaft ein großer Supermarkt eröffnete, gab er das Geschäft auf und arbeitete im Gartenbaubetrieb eines Freundes. In Geldnot seien er und seine Familie jedoch nie geraten. Auch nicht, als das erste von fünf Kindern geboren wurde. „Geld ist nicht so wichtig“, sagt er. „Wir brauchen nicht viel und es war immer genug da, dass wir ganz gut davon leben konnten.“

Ab und an sammelt er 2-Euro Stücke. „Sie glauben gar nicht, wie schnell sie damit 50 Euro zusammen haben“, sagt er. Gerade hat er sich einen Kasten Bier gekauft, auf dem Tisch stehen zwei Flaschen Oettinger. Warum er sich gerade dafür entschieden habe? „Es war im Angebot“, erzählt Herr Voss lachend. „Für vier Euro achtzig.“

Mittlerweile ist es dunkel geworden, die Straßenlaternen beleuchten den Bürgersteig vor dem Küchenfenster, die Bierflaschen sind leer. Herr Voss wird morgen sehr früh aufstehen. Er möchte zu seiner Frau, um mit ihr spazieren zu gehen.

Grafik: Jannik Euteneuer

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