Ein Mann, ein Wort: Helmut Kirchner hat 97 Jahre Lebenserfahrung im Gepäck

Der Ausbildungsjahrgang 2011 der Kölner Journalistenschule stellt in 18 Folgen 18 bemerkenswerte Senioren vor. Die Autoren haben sie dazu nach ihren wichtigsten Lebenslektionen befragt und gebeten, die Spaß-, Geld-, und Freiheitskurve ihres Lebens zu zeichnen. Im 14. Teil schreibt Benedikt Müller über den 97-jährigen Helmut Kirchner.
Helmut Kirchner hat 97 bewegte Jahre und ein Stück weite Welt hinter sich. Foto: Benedikt Müller

Helmut Kirchner war 20 Jahre alt, als das echte Leben hätte beginnen können. Er hatte sechs Jahre Klosterschule hinter sich, als er vor dem Marienaltar kniete und sich dachte: „So eine Frau willst du eigentlich haben.“ Also verließ er die Klosterschule „Christus Rex“. Er machte Abitur und fing bei der Commerzbank an. Doch wer 1914 geboren ist, dessen Lebenslauf wird für immer geprägt. Vom Krieg. Heute bezeichnet der 97-Jährige sein Geburtsjahr als „Anhaltspunkt für das spätere Leben“. Wenn er heute seine Lebenslinien zeichnet (siehe Grafik), dann wechseln sich Glück und Unglück, Freiheit und Gefangenschaft in kurzen Abständen ab.

Denn im Jahr 1937 wurde Kirchner Soldat. Er wollte seinen Pflichtdienst schnell hinter sich bringen. „Ich wollte nur kurz zum Militär“, sagt Kirchner, „daraus wurden 13 Jahre.“ Zunächst wurde er Ausbilder, dann ging er auf die Berliner Kriegsschule. Als ehemaliger Klosterschüler habe man ihn im Militär belächelt. „Ich habe hart gefochten“, sagt Kirchner. Nicht zuletzt mit sich selbst. Die Moralvorstellungen, zu denen er erzogen wurde, waren im Militär fehl am Platz. Er selbst fühlte sich ähnlich.

„Ja heißt Ja.“

Doch auf der Klosterschule habe man ihm auch beigebracht, es gebe kein „Ja, aber“. „Ja heißt Ja, Nein heißt Nein“, sagt Kirchner, „mit diesen Worten bin ich groß geworden.“ Also blieb er beim Militär, auch, um nicht negativ aufzufallen. Auf dem Klassenfoto vor dem Abitur habe man ihn schon zur Seite geschoben, weil er von der Klosterschule kam.

Es waren schlechte Zeiten für Menschen mit Moral.
Schlechte Zeiten für einen wie Kirchner.

Kirchner bezeichnet sich heute als Widersacher der Nazis. Er sei es damals schon gewesen, habe nie „mein Führer“ geschrieben. „Ich war bekannt dafür, oft Widerspruch zu geben“, sagt Kirchner. Seine privaten Briefe seien „amtlich geöffnet“ worden, einmal habe er eine Ohrfeige bekommen.

Doch so unfreiwillig sein anfängliches Ja zum Militär auch gewesen sein mag, es hatte weitreichende Folgen. Im Zweiten Weltkrieg war Kirchner zunächst für den Nachschub zuständig, kam bis kurz vor Kiew. Als er eines Nachts den Fluss Dnepr überquerte, wurde er verwundet und abgeführt. Zum Russlandfeldzug kam er später bis 100 Kilometer vor Stalingrad. Kirchner hat sowohl miterlebt, wie 30 seiner Kameraden auf einen Schlag getötet wurden, als auch selbst einen Anschlag auf einen russischen Zug geplant.

Inmitten der Schrecken des Krieges konnte er aber ein anderes Ja-Wort geben, an das er sich gerne hielt: 1942 heiratete er per Ferntrauung seine Frau, die er bei einem Heimaturlaub kennengelernt hatte. Er bat um Dienstbefreiung und wurde wegen seiner vielen Verwundungen als nicht mehr frontverwendungsfähig eingestuft. Nun also hätte das echte Leben neu beginnen können.

Doch der Krieg verfolgte Kirchner. Erst musste er in einem Ammoniakwerk arbeiten und wurde drei Jahre lang nicht von diesem „Heimateinsatz“ befreit. Als „der Russe vor Stettin stand“, wie es Kirchner formuliert, wurde er in einen letzten, aussichtslosen Kampf geschickt. Er überlebte und geriet in Kriegsgefangenschaft – bis 1948.

97 Jahre voller Kurven: Helmut Kirchners "Lebenslinien". Grafik: 140z.de

Er war 34 Jahre alt, als das echte Leben endlich beginnen konnte. Kirchner ließ sich beim Finanzamt Hanau zum Diplom-Finanzwirt ausbilden, machte Karriere in der Steuervergütungsstelle. Seine Aufgabe: korrekt sein, getreu seinem Lebensmotto „Ja heißt Ja, Nein heißt Nein“. „Dann habe ich’s mir mit einem Regierungsrat verschissen“, sagt Kirchner. Er machte sich als Steuerberater selbstständig.

„Nein heißt Nein“

Als er nach dem Ende seines Berufslebens Besuch von einem alten Freund bekam, der um Hilfe bei der Steuererklärung bat, lehnte Kirchner ab. „Nein heißt Nein“, sei die Begründung gewesen. „Es ist mir erst schwergefallen, aufzuhören, aber jetzt interessiere ich mich für andere Sachen“, sagt Kirchner, „ich habe die Sachen hinter mich gebracht und jetzt versuche ich, sie zu ordnen.“

Jüngst hat der 97-Jährige sein Fronttagebuch aus den Kriegsjahren abgeschrieben. Auf dem Computer, versteht sich. Während unseres Gesprächs fragt er mich, ob ich für Facebook arbeite. Stolz zeigt er mir Bilder seiner Urenkel und weist auf tausend Dias hin, die in seinen Schränken stehen.

Kirchner, der so oft auf das echte Leben warten musste, lebt jetzt in vollen Zügen.

Seine größte Begeisterung gilt neuerdings der weiten Welt. „Ich habe Lust aufs Reisen bekommen“, sagt Kirchner. Er hat schon Kreuzfahrten zum Nordpol und in die Karibik gemacht. Und in wenigen Tagen geht es auf nach Teneriffa. Mit 97 Jahren Lebenserfahrung im Gepäck.

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