Glaube, Liebe, Hoffnung – Warum Josef S. nie aufgegeben hat

Der Ausbildungsjahrgang 2011 der Kölner Journalistenschule stellt in 18 Folgen 18 bemerkenswerte Senioren vor – und deren wichtigste Lebenslektionen. Im dritten Teil schreibt Larissa Holzki über den 84-jährigen Josef S.

In den 84 Jahren seines Lebens hat Josef S. viel erlebt, was seinen Blick trüben könnte. Und dennoch verraten seine hellblauen, glasklaren Augen, dass er seinen Lebensmut noch lange nicht verloren hat – was keineswegs selbstverständlich ist, wenn man bedenkt, was Josef S. schon alles durchmachen musste.

Erst vor einem Jahr geriet sein Herzschlag aus dem Rhythmus. Der Rentner taumelte, schwankte, stürzte. Im Krankenhaus bekam er einen Herzschrittmacher. Die äußerlichen Wunden waren gerade verheilt, da traf den vierfachen Vater ein weiterer schwerer Schlag. Seine älteste Tochter starb im Alter von 60 Jahren an Unterleibkrebs. „Dabei wäre doch eigentlich ich dran gewesen“, sagt Josef S.

Seine Ehefrau musste er bereits 1996 beerdigen. Im Alter von 67 Jahren verlor sie den Kampf gegen den Darmkrebs – nach vier Monaten im Krankenhaus. Als sie starb, hielt Josef S. ihre Hand. Und selbst dabei hat er etwas gelernt: „Als der Leidensausdruck aus ihrem Gesicht verschwand, verlor der Tod für mich seinen Schrecken.“

Wie kommt es, dass Josef S. sich nicht aufgegeben hat? „Solange man glaubt, liebt und hofft, findet man immer wieder die Kraft aufzustehen“, sagt Josef S.

Das Aufstehen lernte er im deutschen Trümmerhaufen. Mit 17 Jahren wurde er zur Wehrmacht eingezogen, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er von den Briten interniert und wirkte in Norddeutschland am Wiederaufbau mit. 1947 wurde er entlassen und fand in Weißensee an der Saale seine Jugendliebe wieder. Als die beiden heirateten, war Josef S. gerade mal 21 Jahre alt. Darüber sei er heute sehr froh: „So war ich 47 Jahre verheiratet.“ Es hat den Anschein, als könne Josef S. aus allen Dingen das Positive herausziehen.

Auf dem Totenbett habe er seiner Frau versprochen, dass er sie nie vergessen werde, sagt er. Noch heute denke er jeden Tag an sie. „Ich weiß ja nicht, ob Gebete den Toten noch helfen“, sagt der 84-Jährige, „aber schaden kann es in keinem Fall.“

Auch nach dem Tod seiner Frau hat er nicht aufgehört zu leben. Zum 80. Geburtstag machte er eine Donauschifffahrt nach Budapest, er flog allein nach Prag und fuhr mit einem Kreuzfahrtschiff ans Nordkapp. „Am letzten Tag der Reise bin ich seekrank geworden“, erzählt der Rentner lachend. Josef S. wird wohl so schnell nichts aus der Bahn werfen. „Aber bestenfalls werde ich 100“, sagt der 84-Jährige. Zum Abschied dreht er sich noch mal um und winkt. Die hellblauen Augen leuchten fröhlich.

Die Lebenslinien von Josef S.

Die Lebenslinien von Josef S.
grün = Freiheit, orange = Freude, blau = Geld.

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