„Man muss geduldig sein im Leben“: Eine 92-Jährige erzählt vom Krieg, der Flucht und dem Glück, eine Familie zu haben

Der Ausbildungsjahrgang 2011 der Kölner Journalistenschule stellt in 18 Folgen 18 bemerkenswerte Senioren vor. Die Autoren haben sie dazu nach ihren wichtigsten Lebenslektionen befragt und gebeten, die Spaß-, Geld-, und Freiheitskurve ihres Lebens zu zeichnen. Im zwölften Teil schreibt Lukas Koschnitzke über die 92-jährige Gertrude Mädler.
Die 40 Stufen, die in ihr Reich führen, nimmt sie ohne Mühe: Die 92-jährige Gertrude Mädler aus Heroldsbach. Foto: Lukas Koschnitzke

Im September 1957 steht Gertrude Mädler vor der größten Herausforderung in ihrem Leben. Ihr Mann Helmuth ist vor zwei Monaten als Urlauber verkleidet aus der DDR in die BRD ausgereist. Seine Frau und die achtjährige Tochter Heliante sollen bald aus Zwickau nachkommen. Doch zuvor will Gertrude Mädler noch möglichst viel Besitz der Familie in den Westen schmuggeln – nur wie?

Sie entscheidet sich dafür, jemand anderen für sich schmuggeln zu lassen: die Post. Bis November schickt sie 65 Pakete à 14 Pfund mit Puppenkleidern, Töpfen und Silberbesteck in den Westen. „Alle Pakete mussten aussehen, als wollte ich den armen Menschen im Westen ein Geschenk machen.“ Erst als die 455 Kilogramm im Westen angekommen sind, fahren Gertrude Mädler und ihre Tochter den Paketen hinterher – mit dem Zug.

„Man muss eben geduldig sein im Leben.“

An einem grauen Samstag steht die 92-jährige Gertrude Mädler vor dem Inhalt des größten Pakets von damals: ein Bild, das sich ihr Mann Helmuth hat malen lassen, etwa 1,50 mal 1,20 Meter. Mädler hatte es mit Stoff umwickelt und wenig zuversichtlich zur Poststation gebracht – doch es kam an. Heute hängt es in ihrem Wohnzimmer, und wenn Mädler es betrachtet, dann sieht sie dieses stürmische Meer, Wellen fegen ineinander, umzingeln ein kleines Schiff in der Mitte des Bildes. Die 92-Jährige deutet auf den Hintergrund, dort hat der Maler, ganz klein nur, ein U-Boot gezeichnet. Sie seufzt, schweigt lange und sagt in leichtem Sächsisch: „Das war eine schlimme Zeit, der Krieg. Jeden Tag stand ich im Hafen und habe gehofft, dass mein Helmuth heute nach Hause kommt. Aber man muss eben geduldig sein im Leben.“

Als 18-Jähriger hatte sich Helmuth zur Marine gemeldet, fast das ganze Jahr fuhr er in U-Booten durch die Meere, manchmal konnte er mehrere Monate lang keinen Brief an seine Freundin schreiben. Dieses Warten hat Mädler lebenslang geprägt.

„Der Halt in der Familie ist enorm wichtig für mich.“

Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer in dem kleinen Ort Heroldsbach bei Forchheim und ihre Stimme wird leiser, wenn sie von dieser Zeit erzählt. Sie vermeidet Blickkontakt, zupft stattdessen die Ecken ihrer Tischdecke zurecht, die eigentlich schon mit einer perfekten Symmetrie ausgebreitet ist. Mädlers Wohnung liegt in einem Zwei-Generationen-Haus, das sie und ihr Mann 1976 gebaut hatten.

Heute leben Mädlers Tochter und deren Mann im Erdgeschoss, die 92-jährige Dame im Obergeschoss. Die 40 Stufen, die in ihr Reich führen, nimmt Mädler ohne jede Mühe. Gefällt ihr das Zusammenleben mit Tochter und Schwiegersohn? „Es ist schön für mich, jeden Tag so liebe Menschen um mich zu haben. Der Halt in der Familie ist enorm wichtig für mich.“ Auch wenn ihr Mann oft enorm eifersüchtig gewesen sei, sei die Ehe mit ihm etwas Großartiges gewesen. Helmuth starb 1996.

Bei ihren Nachkommen ist es für Mädler schwer mitanzusehen, dass Worte wie  „Cousine“ oder „Onkel“ beinahe ausgestorben sind. Sie selbst, ihre Tochter und ihre Enkelin haben jeweils nur ein Kind. Vor wenigen Jahren wurde als letztes Glied der Kette ihr Urenkel geboren. „Das ist doch schade, dass heutzutage viele Kinder keine Geschwister mehr haben.“

Mädler bedauert die freiwillige Ein-Kind-Politik in ihrer Familie sehr. Als sie für ihre Heirat 1944 den Ahnen-Pass vorlegen musste („Wehe, da war irgendwann einmal ein halber Jude dabei!“), machte Mädler außerdem eine prominente Entdeckung. Ihre Großmutter war eine geborene Bach, und von ihr aus ließ sich der Stammbaum bis ins Jahr 1685 nachvollziehen: zur Geburt des weltbekannten Komponisten Johann Sebastian Bach. „Aber da liegen ja sehr viele Generationen dazwischen, wahrscheinlich bin ich deswegen nicht besonders musikalisch“. Getrude Mädler grinst über beide Backen.

Lebenslinien Mädler
Die Flucht aus dem Osten bedeutete mehr Lebensqualität: Die Lebenslinien von Gertrude Mädler.

 

„Glauben muss man lernen.“

Ihre Zeit vertreibt sich die ehemalige Büroangestellte am liebsten mit Basteln, sie geht dafür in ihrer evangelischen Kirchengemeinde zur Gruppe „Die flinke Schere“. Die Ergebnisse ihrer Arbeit sind im Wohnzimmer überall zu sehen: Kleine Strohengel baumeln vor den Fensterscheiben, eine Krippe mit Tannenzweigen steht über dem Fernseher und sogar zwei selbstgemachte Egli-Figuren sind in einem Regal platziert. In der Kirchengemeinde ist sie auch sonst sehr aktiv, Mädler ist eine gläubige Frau. „Wenn mir etwas Besonderes passiert, danke ich Gott sofort mit einem Stoßgebet dafür.“

Sie sieht ihren Glauben jedoch nicht als naturgegeben an, denn: „Glauben muss man lernen. Deswegen gehen heutzutage viele junge Menschen auch gar nicht mehr in die Kirche.“ Als Kind saß Mädler abends oft neben ihrer Mutter, die an der Nähmaschine Kleidung flickte. Die beiden sangen zusammen Kirchenlieder ­– Mädlers erster Kontakt zum Glauben. Mit vier Jahren konnte sie schon das Vaterunser fehlerfrei aufsagen.  „Es ist wichtig, dass Eltern ihren Kindern den Glauben zeigen. Denn Kinder können den Glauben nur finden, wenn sie etwas davon wissen.“ Ihre Tochter Heliante fand etwa durch eine Jugendgruppe zum Glauben.

Angst vor dem Tod hat Getrud Mädler keine – auch weil sie so gläubig ist. „Ich will eigentlich keine 100 Jahre alt werden“, sagt sie. Dabei hat die 92-Jährige noch unglaublich wache Augen, eine klare Stimme und nur wenige Falten. In einem Bücherregal in ihrer Wohnung steht ein Geschenk ihrer Enkelin – das Mädler nicht ohne Hintergedanken bekommen hat. Es ist ein Buch über Jopi Heesters. Der Titel: „Ein Mensch und ein Jahrhundert.“

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