„Geld ist nicht zum Anhäufen da“ – Warum Dorit Croissier auf Neuanfänge schwört

Der Ausbildungsjahrgang 2011 der Kölner Journalistenschule stellt in 18Folgen 18 bemerkenswerte Senioren vor. Die Autoren haben sie dazu nach ihren wichtigsten Lebenslektionen befragt und gebeten, die Spaß-, Geld-, und Freiheitskurve ihres Lebens zu zeichnen. Im fünften Teil schreibt Henriette Jedicke über die 67-jährige Dorit Croissier.

Dorit Croissiers Leben ist ein Leben voller Neuanfänge. Aus der DDR zog sie in den Westen, weiter nach Amerika und Frankreich, quer durch Deutschland und landete dann in einem Dorf in Ostwestfalen. Sie hat gut bezahlte Jobs aufgegeben, um durch die Welt zu ziehen; sie hat sich immer neue Aufgaben gesucht und ist sich so selbst treu geblieben. Wenn Dorit Croissier ihre Lebenslinien zeichnet, haben Freiheits- und Freudekurve deswegen mehr Höhe- als Tiefpunkte – und sie liegen immer über der Geldkurve. Die 67-Jährige sagt:

„Es passieren Dinge, die man nicht vorausdenken kann –
deshalb neue Situationen mit Mut annehmen.“

Dorit Croissier in ihrer Werkstatt
Dorit Croissier in ihrer Werkstatt

1944 wurde sie in der späteren DDR geboren. Als 17-Jährige kam sie mit ihren Eltern und einem dreiwöchigen Visum in den Westen. Gemeinsam wollten sie ihre ältere Schwester in Stuttgart besuchen. Das war am 6. August 1961. Sieben Tage später, am 13. August, wurde die Mauer gebaut. Die Familie hatte die Wahl: „Entweder wir bleiben hier oder wir gehen wieder in den Osten“, erzählt Croissier. „Eine Rückkehr hätte Unfreiheit und die endgültige Trennung von meiner Schwester bedeutet. Ich habe schnell den Entschluss gefasst, zu bleiben.“ Im württembergischen Leonberg arbeitete sie in einer Strumpf- und Pulloverfabrik, wo sie Socken auf ihre Qualität untersuchte. Nach einem Praktikum in einem Krankenhaus konnte sie in Stuttgart eine Ausbildung zur Medizinisch-Technischen Assistentin (MTA) beginnen.

1968 packte sie ihre Abenteuerlust und sie ging in die USA – allein. In einer Klinik in Houston/Texas arbeitete sie als MTA. Ihre türkische Chefin lieh ihr gleich zu Beginn Geld für ihr erstes Auto. „Das war eine Geste, die ich mein Lebtag nicht vergessen werde.“ Überhaupt sei die Zeit in den USA eine besondere gewesen: „Ich kam kurz nach dem Tod von Martin Luther King dort hin und erlebte einzelne Menschen, die mit Sandwichplakaten gegen Rassenhass und Terror demonstrierten. Das kannte ich bisher nicht.“

„Geld ist nicht zum Anhäufen da.
Es ist nicht Ziel meines Schaffens – es reicht immer.“

Mitte der 70er-Jahre kam sie zurück nach Europa und arbeitet in Hamburg als MTA. „Zu der Zeit konnte ich mir die Jobs aussuchen und ich war die bestbezahlte MTA Hamburgs.“ Aber für sie sollte die Freude im Mittelpunkt stehen – Geld sei nicht zum Anhäufen da. So gab sie ihre Stelle in Hamburg auf und ging mit ihrem zukünftigen Mann Wolfgang für ein Jahr nach Frankreich. „Wir haben mal in einem Bulli, mal in einem Schafstall auf dem Grundstück von Freunden gelebt.“ In den Bergen suchten sie nach Ton und begannen zu töpfern.

Zurück in Deutschland Ende der 70er-Jahre: „Das war eine sehr politisierte Zeit mit der Anti-Atomkraftbewegung“, erinnert sich Dorit Croissier. „Wir begannen unser alternatives Leben in einer Landkommune.“ Mit zwei weiteren Ehepaaren zogen Dorit und Wolfgang ins nordhessische Rückersfeld und lebten mit ihrer „Wahlverwandtschaft“, wobei sie die Ökologie in den Mittelpunkt ihres neuen Lebens stellten. Sie hatten einen Bauernhof.

Die Aussteiger zogen mit ihren Ziegen durch den Ort, von den Einheimischen belächelt: „Sie mussten ja die schönen Häppchen am Wegesrand haben“, ergänzt sie augenzwinkernd. Im Kuhstall betrieben sie eine Weberei und bauten eine Töpferei auf. „Selbstversorgung war unser Ziel“, sagt Croissier. „Aber wir haben schnell gemerkt, dass man eigentlich Geld braucht, wovon wir wenig hatten. Trotzdem möchte ich die Zeit nicht missen.“

„Aus der Freiheit erwachsen neue Perspektiven.“

Mehr Freude als Geld: Dorit Croissiers Leben in Linien

 

Ihre beiden Kinder wurden geboren und 1984 siedelte sie mit ihrer Familie in eine ökumenische Gemeinschaft nach Wethen um. Sie und ihr Mann eröffneten eine Töpferei und stellten Gebrauchskeramik her. Eine weitere Aufgabe kam hinzu: Mit einem neu gegründeten Verein kümmerte sie sich um die Belange von Asylbewerbern.

Einige Zeit später  wechselte sie mit ihren beiden Kindern in den nahe gelegenen Warburger Ortsteil Germete, bekannt durch die Germeta-Quelle. Dort baute sie ihr eigenes Keramik-Atelier auf, leitete Kurse und veranstaltete Kindergeburtstage, um ihre Ausstellungen zu finanzieren. „Keine Gebrauchskeramik herzustellen, sondern Kunst zu entwickeln, war eine von vielen freiheitlichen Entscheidungen in meinem Leben“, sagt Croissier.

In Germete lebt Dorit Croissier noch heute. Aus ihrer Freiheit erwächst auch ihre Kreativität, immer neue Werke für eigene Kunstaustellungen zu schaffen, die letzte im vergangenen Jahr im Kloster Corvey. Und  sie nimmt sie sich die Freiheit, Neues zu beginnen. Sie wurde gefragt, als Kunsttherapeutin in einer interdisziplinären Schmerzklinik mitzuarbeiten. Wieder eine ganz neue Herausforderung – die die 67-Jährige  sofort angenommen hat.

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