Der Alltag als Steilvorlage: Warum @der_handwerk lieber anonym bleiben will

Der neue Jahrgang der Kölner Journalistenschule porträtiert kuriose, lustige und interessante Personen aus der Twitter-Sphäre. In der 18. Folge schreibt Marius Gerads heute über @der_handwerk.
der_handwerk mit einem seiner beiden Kinder
der_handwerk mit einem seiner beiden Kinder, Quelle: http://instagr.am/p/LFTxJ/

Eine S-Bahn fährt durch Düsseldorf. Darin sitzt ein 40-jähriger, massiger Zwei-Meter Mann. Er steht auf, um auszusteigen. Knapp verfehlt er mit seinem Kopf die Gepäckablage. Grinsend verlässt er den Zug. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass er sich heftig gestoßen hätte. Umso peinlicher, wenn die anderen Fahrgäste den „Rums“ beobachten. Auf dem Bahnsteig zückt der Mann sein Smartphone und twittert:

„Das Schlimmste im Zug sind immer die fünf Minuten, in denen man nach dem fürchterlichen Kopfstoß am Gepäcknetz keine Miene verziehen darf.“

Für der_handwerk, der seinen wahren Namen nicht verraten will, sind solche Alltagserlebnisse Steilvorlagen. Eine ganz banale und alltägliche Situation witzig in 140 Zeichen darstellen: Das ist sein Steckenpferd, abgesehen von allem anderen mehr oder weniger Witzigem, das er sonst noch so twittert.

„Humor, der viel Wahres enthält“

Wahrscheinlich ist es genau das, was seinen rund 8.000 Followern so gut gefällt. Viele Situationen, die der_handwerk beschreibt, kennt jeder. Oder kann sie sich zumindest gut vorstellen. So entstehen dann Tweets, wie „Nur kurz: Tochter hat mich um 6 geweckt, um mir mitzuteilen, dass die Biene Maja nicht gruselig ist. Denke nun weiter über mein Leben nach.“ Oder: „Die JVA-Duisburg macht offenbar heute einen Ausflug. Und zwar mit allen Duisburger Straßenbahnen.“

Der Profil-Name bei Twitter „der_handwerk“ stammt aus dem gleichnamigen Stück des Kabarettisten Jochen Malmsheimer. Dieser beschreibt dort seine meist negativen Erfahrungen mit Handwerkern und stellt einen von ihnen dort als menschliches Monster namens „der Handwerk“ dar. „An dieser Nummer gefällt mir die Kombination aus Sprachgewalt und albernem Humor wunderbar“, sagt der_handwerk, „Humor, der viel Wahres enthält.“


Jochen Malmsheimer – Der Handwerk, Quelle: YouTube

Wer wirklich hinter der_handwerk steckt bleibt sein Geheimnis. Derjenige will anonym bleiben, weil er fürchtet, „sonst nicht frei twittern“ zu können. „Ich müsste immer bedenken, wer mitlesen könnte.“

Wer aufmerksam mitliest, erfährt allerdings auch Privates – etwa, dass der_handwerk zweifacher Vater ist. Zum Twittern kam er eher durch Zufall. Da er Internetseiten in einer, wie er sagt, „nicht Internet-affinen Branche“ plant und betreut, bat ihn sein Chef  sich mit Twitter auseinander zu setzen. Dort las er Tweets von Leuten wie @schlenzalot, @haekelschwein oder dem @diktator. Das beeindruckte ihn so sehr, dass er selbst anfing zu twittern.

Sein Eifer hat zwar ein wenig nachgelassen: Während er am Anfang noch bis zu zwei Stunden bei Twitter verbrachte, ist es heute meistens nur noch eine halbe Stunde. Aber das reicht, um mehrmals am Tag zu twittern – unter dem Strich hat er bisher fast 5.000 Tweets abgesetzt. Einige davon haben Kultstatus erreicht und wurden Hunderte Male von anderen Twitterern weitergeleitet. Seinen populärsten Tweet bisher haben fast 1500 Twitternutzer zum Favoriten erklärt:

Wenn Twitterer zu Freunden werden

der_handwerk hat sich Dominic Chianese als Profilbild bei Twitter ausgesucht, der in der Serie "Die Sopranos" den Mafiosi Junior Soprano spielt
der_handwerk hat sich ein Bild des Schauspielers Dominic Chianese als Profilbild bei Twitter ausgesucht, der in der Serie "Die Sopranos" den Mafiosi Junior Soprano spielt

Von seinen vielen Followern hat er auch ungefähr 15 Leute persönlich getroffen. „Außergewöhnlich ist es immer, wenn ich Leute aus der Timeline kennenlerne und feststelle, dass ich mich auf Anhieb besser mit ihnen verstehe und intensiver austausche als mit weiten Teilen meines sozialen Umfelds,“ sagt der_handwerk. Er betont zwar, dass sie nicht unbedingt zu dicken Freunde werden, mit denen er auch private Probleme besprechen würde. „Aber dadurch, dass man sich seit zwei bis drei Jahren fast täglich liest, ist man einander verbunden und offen dafür, sehr direkt zu kommunizieren“, sagt der_handwerk. „Also eben doch wie mit guten Freunden.“

Sowieso ist der_handwerk offenbar ein sehr geselliger Mensch, der das Leben genießt. Ein Familienmensch, der nach eigenen Angaben trinkfest ist. Das hat wohl auch Einfluss auf seine Twitteraktivitäten. So twittert er nach eigenen Worten mehr, wen er getrunken hat. Und auf die Frage, was die Kriterien seien, etwas zu twittern, antwortete er:  „Was gute Twitterer auszeichnet, wenn ihnen mal kein guter Tweet einfällt: Sie halten ihre Fresse. Praktisch gilt die Theorie minus Alkohol“.

Nur in einem Punkt enttäuscht der_handwerk. Er gibt zu, dass er handwerklich „komplett unbegabt“ ist. Seine Fertigkeiten liegen eben im sprachlichen Bereich.

7 Gedanken zu “Der Alltag als Steilvorlage: Warum @der_handwerk lieber anonym bleiben will

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