Außergewöhnliche Menschen leben kein gewöhnliches Leben: Eine 78-Jährige erzählt

Der Ausbildungsjahrgang 2011 der Kölner Journalistenschule stellt in 18 Folgen 18 bemerkenswerte Senioren vor. Die Autoren haben sie dazu nach ihren wichtigsten Lebenslektionen befragt und gebeten, die Spaß-, Geld-, und Freiheitskurve ihres Lebens zu zeichnen. Im siebten Teil schreibt Julia Rosenkranz über die 78-jährige Anna.
Schon als junge Frau hatte Anna viel erlebt und gelernt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Foto: privat

Berlin, 1945. Die Stadt liegt in schwelenden, brennenden Trümmern. Dazwischen Leichen – Opfer des Bombardements alliierter Kampfjets. Mittendrin: Anna. Sie ist auf dem Weg zu ihrer Großmutter, auf dem Weg zu dem Haus, in dem sie aufgewachsen ist. Sie weiß nicht ob dieses Haus überhaupt noch steht, weiß auch nicht ob ihre Großmutter noch lebt. Sie hat eine Flucht hinter sich, deren Gräuel sie nie vergessen und nie verarbeiten wird. Aus Schlesien kommt sie, hat mutterseelenalleine beschlossen vor der anrückenden russischen Armee zu fliehen. Einer der letzten Sprengzüge hat sie von Frankfurt nach Berlin gebracht. Sie hat Erfrierungen an den Füßen – der Lokführer nahm ihr die Schuhe als Preis für die Fahrt ab. Anna ist elf Jahre alt.

Sieht man Anna heute, ist es kaum vorstellbar, dass sie in den ersten Jahren ihres Lebens bereits durchgemacht hat, was für ein ganzes Leben mehr als reichen würde. Sie wirkt mindestens zehn Jahre jünger als ihre 78 Jahre; groß und aufrecht, die Bescheidenheit in Person, mit einer Ausstrahlung unaufdringlicher und doch unausweichlicher Autorität, die zu erlernen unmöglich ist. Ihre Großmutter, erzählt sie, habe sie gelehrt, sich niemals gehen zu lassen und das habe sie nie getan, sei nie irgendjemandem gegenüber laut geworden. Anna gehört zu den wenigen Menschen, die nicht laut werden müssen um gehört zu werden.

„Immer Dame sein: Damit wäre ich nicht durchgekommen“

Als sie vor mittlerweile 67 Jahren in Berlin-Charlottenburg ankommt, findet sie ihr Haus noch intakt. Ihre Großmutter hat kaum Zeit sie zu begrüßen, bevor Fliegeralarm ertönt. „Selbst heute, wenn ich das Geräusch im Fernsehen höre, habe ich mich nicht im Griff, dann muss ich gehen.“

Als Anfang 1945 irgendwann die Gerüchte umgehen, Hitler sei weg und habe sich im Bunker verschanzt, ziehen Anna und ihre Großmutter mit einem Handkarren Richtung Regierungsviertel los. Aus dem verwaisten Auswärtigen Amt retten sie, was sie gebrauchen können: Gardinen, aus denen sie neue Kleidung nähen, Vasen, Gläser, Besteck – alles was sich auf dem Schwarzmarkt gegen Essen tauschen lässt. Eine Suppenkelle aus dem Auswärtigen Amt behält Anna bis heute, den Rest „verhökert“ sie an die Amerikaner. Ihre Großmutter ist nicht pragmatisch genug, also ging sie selbst auf den Schwarzmarkt, tauscht was sie hat bis sie etwas zu Essen bekommt. „Meine Oma war eine Dame durch und durch“, erinnert sie sich heute, „Ich konnte das nicht, immer Dame sein. Damit wäre ich nicht durchgekommen.“

Deswegen arbeitet Anna von Anfang an. Neben der Schule, die anfangs nur aus den Erzählungen eines Lehrers in einem ausgebrannten Gymnasium besteht, gibt sie Nachhilfe, ist auf dem Schwarzmarkt unterwegs, unternimmt Hamsterfahrten ins Umland, um Nahrungsmittel zu beschaffen, arbeitet später als Modell für Abendkleider, als Kellnerin in einem First Class Restaurant, lernt Steno, geht auf die Hauswirtschaftsschule, die Handelsschule, machte ihren Führerschein. Kurz: Sie nimmt jede Möglichkeit wahr, die sich ihr bietet.

Nach ihrem Abitur beginnt Anna eine Lehre bei der Berliner Bank. Gerne würde sie studieren, doch dazu fehlt das Geld, für ein Stipendium die Gesundheit; der Schularzt attestiert ihr, sie sei zu dünn, zu ausgezehrt um das Studium zu schaffen. Doch ist Anna nicht jemand, der sich von so etwas aufhalten lassen würde: Im Zuge ihrer Ausbildung studiert sie Betriebswirtschaft.

„Jede Frau sollte selbstständig sein, ihre Unabhängigkeit bewahren, einen Beruf haben.“

Mit 22 heiratet sie, zieht mehrmals mit ihrem Mann um, bringt 1963 ihren ersten, 1965 den zweiten Sohn zur Welt und landet schließlich im Westerwald, wo sie heute immer noch lebt.

Als ihre Söhne alt genug sind, will Anna halbtags wieder auf der Bank arbeiten, doch die bietet ihr nur eine volle Stelle an. So fängt Anna als Schreibkraft bei der Bundeswehr an – und soll 17 Jahre dort bleiben. Da sie fließend Englisch kann, ist sie bald für die amerikanischen Soldaten zuständig. Bei denen ist sie schnell nur noch als „die Lady“ bekannt, erlangt Berühmtheit bis nach Texas, und ist die einzige, die die GIs wirklich im Griff hat.

Mehr Freiheit, mehr Freude, mehr Geld: Die Lebenslinien von Anna

1990 lässt sie sich von ihrem Mann scheiden – er war viel unterwegs, sie haben sich auseinander gelebt. Wenn sie die ihre Lebenslinien zeichnet, hat die Freudekurve hier einen Knick. Dafür macht die Freiheitskurve einen Sprung nach oben. Aber die Trennung verläuft glatt und freundschaftlich und so übernimmt sie zwei Jahre später ein Möbelhaus in Essen, das er gekauft hat. Ein Jahr später heiratet sie ihren zweiten Mann, den sie bei der Bundeswehr kennengelernt hat.

„Mein Sohn kann vieles besser als ich – also lasse ich ihn machen.“

Das Möbelhaus leitet heute ihr Sohn, ein Doktor der Physik, nach eigener Aussage jedoch eigentlich Kaufmann im Herzen. Nach und nach hat sie sich aus dem Geschäft zurückgezogen, ist aber immer noch einmal die Woche dort, überlässt ihrem Sohn die Leitung, die sie über Jahre hatte. „Er kann vieles besser als ich“, sagt sie. „Also lasse ich ihn das machen.“

Anna hat viel erlebt – alles niederzuschreiben würde sicher 1000 Seiten füllen. Und doch betont sie immer wieder, dass ihr Leben nichts Besonderes gewesen sei. Vielleicht hat sie Recht. Doch möglicherweise ist sie selbst der Grund, der ihr Leben besonders macht – außergewöhnliche Menschen leben kein gewöhnliches Leben.

2 Gedanken zu “Außergewöhnliche Menschen leben kein gewöhnliches Leben: Eine 78-Jährige erzählt

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