103 Jahre Lebenserfahrung: „Helfe, egal wie.“

Der Jahrgang 2011 der Kölner Journalistenschule stellt in 18 Folgen 18 bemerkenswerte Senioren vor. Die Autoren haben sie dazu nach ihren Lebenslektionen befragt und gebeten, die Spaß-, Geld-, und Freiheitskurve ihres Lebens zu zeichnen. Im 18. Teil und letzten Teil schreibt Raphael Moritz über die 103-jährige Anna Busbach, die ihr Leben bei seinem Besuch zwar nicht mehr zeichnen, aber ihm davon erzählen konnte.


Zimmer 122, erste Etage.
Ein Zimmer voller Bilder. Bilder, gemalt von Kindern, in allen Farben, mit Tieren, darüber in Großbuchstaben ihr Name: Anna Busbach. Frau Busbach ist 103 Jahre alt, mehr als ein Jahrhundert – und damit 83 Jahre älter als ich.

In ihrem Altenheim wird sie einfach „Oma Änni“ genannt. Nicht nur ihr Sohn Peter, ihre Enkel und Urenkel kommen sie besuchen, auch Mirko, der Sohn ihrer Pflegerin Frau Gatzke. Eines der Bilder in Oma Ännis Zimmer hat er gemalt.

Anna Busbachs Altenheim liegt in der Kölner Innenstadt, mittendrin in der Stadt, die ihr Leben geprägt hat. „Ich habe fast überall gewohnt. In Deutz, in Poll, in Kalk, zuletzt in Merheim, 72 Jahre lang. Auf derselben Straße, in derselben Wohnung. Dort kannten alle die Frau Busbach“, erzählt sie. Anna Busbach ist, das merkt man sofort, ein echt „kölsch Mädche“.

Pflegerin Hatice Gatzke mit Anna "Oma Änni" Busbach (103).

Lektion 1: Helfe, egal wie!

Anna Busbach erzählt mir von ihrem Leben. Vor allem erinnere sie sich noch an die desertierten Soldaten im Zweiten Weltkrieg, die ihr Eingemachtes gegessen haben. „Im Keller habe ich sie versteckt, hinter dem Ofen“, erzählt Oma Änni. „Später sind sie auf den Acker vom Bauern, haben seine Kartoffeln geklaut und mir überlassen.“

Und sie erzählt vom Fußball. Er ist Oma Ännis große Liebe. Früher hat sie kein einziges Fußballspiel ihrer Stars versäumt, immer hat sie ihnen vor dem Fernseher zugejubelt.

Mittlerweile kann sie ihnen nicht mehr zusehen. Auch lesen kann sie nicht mehr, ihre Augen sind zu schlecht. Sie erinnert sich an ihre Kinderjahre, genauso wie an den Virusinfekt, durch den sie nicht mehr alleine leben kann. Deswegen musste sie kurz vor ihrem 100. Geburtstag ein Zimmer im Altenheim beziehen. Und natürlich kann sie auch keine Lebenslinien mehr zeichnen. Aber mir von ihrem Leben erzählen, das tut sie gerne. Denn ihr Verstand, der ist hellwach.

Lektion 2: Krieg ist das Schlimmste!

Oma Änni hat viel erlebt, viel Schönes und viel Schlimmes. Auch dem Tod ist sie oft begegnet. Ihr Mann starb 1984. Ihre Tochter Karin, geboren 1940, starb mit 53 Jahren. Es war ein großer Verlust für sie. Karin war mit ihr durch die Welt gereist, durch sie stand Anna mit beiden Füßen fest im Leben.

Und der Krieg.

„Ich habe erlebt, wie die erste Bombe auf dem Waidmarkt einschlug. Damals dachte ich erst, die Nachbarn über uns hätten Streit und würden die Möbel aus dem Fenster werfen“, erzählt die Seniorin und kann darüber sogar lachen.

Dann wird sie ernst: „Im Krieg waren wir alle in Not. Ich habe geputzt und genäht, für ein paar Pfennige pro Stunde. Bei den Gebrüdern Jülich am Neumarkt habe ich gearbeitet, bis sie aufhören mussten, weil sie Juden waren.“

Lektion 3: Erfreue Dich des Lebens. Irgendwann reicht’s!

Wenn Oma Änni Geschichten wie diese erzählt, dann verfällt sie immer wieder in Schweigen und wird nachdenklich. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. „Es waren schlimme Jahre, früher“.

Mit einem Tuch wischt sie die Tränen aus ihren Augen. „Ich bin einmal mit Freunden zu einer Festlichkeit gegangen und zu spät nach Hause gekommen. Dann wurde ich von meiner Mutter verprügelt.“ Sie legt ihren Kopf in die Hände, schluchzt, schaut auf und sagt: „So etwas darf man eigentlich niemandem erzählen.“

Durch das geöffnete Fenster weht ein kalter Wind. Und dann sagt Oma Änni, dass sie eigentlich nicht mehr will – nicht mehr leben will. Sie habe viele schöne Jahre erlebt. Irgendwann reiche es aber, erzählt die Seniorin. „Als Johannes Heesters sang, er werde 100 Jahre alt, habe ich noch den Arm in die Luft gestreckt und gesagt: Was der Heesters kann, kann ich erst recht!“ erklärt die 103-Jährige und lächelt. „Aber ich habe keine Lust mehr.“

Dann wird sie von der Pflegerin zu den anderen Damen in den Aufenthaltsraum geschoben.

Kurz nach unserem Gespräch ist Oma Änni gestorben.

4 Gedanken zu “103 Jahre Lebenserfahrung: „Helfe, egal wie.“

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  4. Ein wirklich gelungener Artikel von Herrn Moritz. Lieben Dank!

    Claudia (Enkelin von Oma Änni)

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