Zwischen Asperger und Hartz IV – Der tägliche Konflikt von @hoch21 mit sich und seiner Umwelt

Der neue Jahrgang der Kölner Journalistenschule porträtiert ab sofort kuriose, lustige und interessante Personen aus der deutschen Twitter-Sphäre. In der sechsten Folge schreibt Jannik Euteneuer heute über Roman Held alias @hoch21.

Es ist die Nacht vor Heiligabend. Der ICE nach Kassel ist bis auf den letzten Platz besetzt. Die Passagiere unterhalten sich, lachen, gestikulieren. Unter ihnen sitzt ein junger Mann, schweigend, in sich gekehrt. Gerade hat er das letzte Kapitel seines Buchs zu Ende gelesen, jetzt beobachtet er die anderen Reisenden. Während er nachdenklich aus dem Fenster schaut, ist ihm deutlich anzusehen, dass er sich nicht wohl fühlt. Hier, inmitten all dieser Menschen.


Vor etwa anderthalb Jahren wurde bei Roman Held, bei Twitter bekannt als „@hoch21„, das „Asperger-Syndrom“ diagnostiziert, eine schwache Form von Autismus. „Das bedeutet für mich vor allem, irgendwie besonders zu sein“, schrieb Roman vor einigen Monaten in einem Beitrag. Darin schilderte er seine Probleme, offen auf Menschen zuzugehen und seine „Angst, Smalltalk halten zu müssen“.

Schwierigkeiten hat Roman auch damit, sich an Orten voller „fremder, lauter, bunter Menschen“ zu bewegen. Anfang Oktober hat er sich immerhin getraut, bei einer Lesung in Tübingen aufzutreten. Das hat ihn extreme Überwindung gekostet, voller Sorge, dass seine Texte nicht gut ankommen. „Ich schreibe zum Lesen, nicht zum Vorlesen“, hielt er dazu auf seinem Blog fest. Und trotzdem konnte er das Publikum überzeugen.

Im Netz hingegen bewegt sich Roman souverän und voller Selbstvertrauen: Über 5600 Tweets hat er unter seinem Synonym „@hoch21″ in den vergangenen fünf Jahren in die Netzwelt hinaus gepustet, mehr als 12.000 Follower für sich begeistert, Hunderte Texte für seinen Blog „Alternativen“ verfasst. Die Dinge, die ihm sonst große Schwierigkeiten bereiten – die Interaktion mit Anderen, das Aufrechterhalten von Kontakten -, gelingen ihm im Netz scheinbar mühelos. Egal, ob er sich mit dem jammernden Kind an der Supermarkt-Kasse solidarisiert oder über seinen Kampf gegen eine Erkältung berichtet: Etwas zu lachen gibt es fast immer.

In Kontrast zu seinen meist lustigen Tweets steht der Großteil der Beiträge, die Roman auf seinem Blog veröffentlicht. Oftmals sprachlich düster, erlaubt er in vielen Texten tiefe Einblicke in sein Inneres. Darin zeigt sich das Bild eines Mannes, der sich vor Verabredungen stundenlang den Kopf zerbricht, ob zur Begrüßung ein Handschlag ausreicht oder eine Umarmung angebracht wäre. Der seine Umwelt aufmerksam und gleichzeitig mit großer Skepsis und Unsicherheit betrachtet. Der noch nicht so recht weiß, wo für ihn ein Platz in dieser Welt ist.

Romans Autismus wirkt sich auch auf sein Berufsleben aus. Bevor er vor zwei Jahren sein Studium abbrach, hat er dreimal das Studienfach gewechselt. Seitdem lebt er von Hartz IV, ohne Aussicht auf eine Festanstellung. Die Situation belastet ihn: „Ich trage von Freunden gespendete Kleidung und war schon mehrfach an Monatsenden Gast in der Suppenküche.“ Beschweren will er sich dennoch nicht, weil es Menschen gibt, „die dringend brauchen, was ich längst noch habe“.

Aufgewachsen ist er in einer Kleinstadt, die hat er inzwischen hinter sich gelassen. „Ich will nicht mehr in dieser Stadt wohnen, in der es nie etwas für mich gab“, schreibt er über seine derzeitige Heimat Essen. „Ich könnte es malen, in 24 Bildern pro Sekunde, wie ich den Bürgersteig entlang gehe, am Ende der Straße um die Ecke biege. Verschwunden bin. Endlich.“ Auf der Suche nach seinem Platz.

In Essen hat er ihn bislang noch nicht gefunden.

 

 

8 Gedanken zu “Zwischen Asperger und Hartz IV – Der tägliche Konflikt von @hoch21 mit sich und seiner Umwelt

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