Vulgär-Philosophie – Wie @justin_halpern mit @shitmydadsays berühmt wurde

Der neue Jahrgang der Kölner Journalistenschule porträtiert kuriose, lustige und interessante Personen aus der Twitter-Sphäre. In der 13. Folge schreibt Benedikt Müller heute über Justin Halpern alias @shitmydadsays.

Wie gewinnt man bei Twitter innerhalb von zwei Jahren über zwei Millionen Follower? Muss man prominent sein? Oder möglichst oft zwitschern? Alles Quatsch – wie das Beispiel von Justin Halpern zeigt. Alles, was er brauchte: einen launischen Vater, dessen Lebensweisheiten und eine Menge Schimpfwörter – und fertig ist eine der größten Erfolgsstorys der Twitter-Historie. So einfach ist das.

„Ich lebe mit meinem 74-jährigen Vater zusammen“, beschreibt der 31-jährige Amerikaner sein Twitter-Konto @shitmydadsays, „ich schreibe hier nur seine Gedanken auf.“ Im englischen Original spricht er allerdings von „Shit“, also Scheiße oder Unsinn. Die Vulgärsprache ist typisch für den Account. Genauer gesagt: für die Gedankenwelt von Halperns Vaters Samuel.

Der garniert seine philosophischen Äußerungen nämlich meist mit vulgären Vergleichen: „Das Universum ist 14 Milliarden Jahre alt. Ist doch kindisch, ein Jahr zu feiern. Dann könnten wir jedes Mal eine Prozession feiern, wenn ich pissen gehe“, zitiert Justin Halpern am 02. Januar 2010 seinen Vater. Aber auch ganz praktische Lebensweisheiten hat er im geistigen Gepäck: „Konzentriere dich nicht auf den einen Kerl, der dich hasst. Du gehst ja auch nicht in den Park und setzt dich beim Picknick neben den einzigen Hundehaufen“, lehrte Vater Samuel am 28. Juni 2010.

Der promovierte Radiologe arbeitete bis zu seiner Pensionierung für die Universität von Kalifornien in San Diego. Offenbar hat er sich vorgenommen, seine nähere Umgebung nicht mehr mit übertriebener Diplomatie zu quälen: „So wichtig ist nun auch niemand. Sie essen, scheißen und vögeln genau wie du. Nun gut, vielleicht nicht scheißen wie du – bei deinen Magenproblemen“, zitierte Justin Halpern seinen Vater am 29. Oktober 2009. Und auch an Justins Niederkunft erinnert sich sein Vater mit erfrischender Offenheit: „Bei deiner Geburt sahst du aus wie Scheiße – nur deine Mutter hielt dich für wunderschön. Ich weiß nicht, was mir mehr Angst machte – dein Aussehen oder ihr Urteil“, twitterte Halpern am 17. September 2010.

Dass Justin Halpern die skurrilen Äußerungen seines Vaters unkommentiert und unverblümt veröffentlicht, zeugt von beeindruckender Selbstironie. Und die hat sich inzwischen rentiert – wortwörtlich. Sein Twitter-Konto eröffnete Halpern im August 2009. Nachdem der US-Comedian Rob Corddry seine Fangemeinde auf Halpern aufmerksam machte, gab es kein Halten mehr. Alleine im ersten Monat gewann Halpern über 100.000 Follower hinzu. Im Februar 2011 knackte er die Grenze von zwei Millionen Followern. Dieser Erfolg blieb auch traditionellen Medien nicht verborgen.

Bild unter Creative-Commons-Lizenz: Kristymp, http://www.flickr.com/photos/28914176@N08/

Das Buch zum Twitter-Account

Nach nur zwei Monaten bei Twitter unterschrieb Halpern einen Vertrag mit dem New Yorker Verlag HarperCollins. Im Mai 2010 erschien sein Buch „Sh*t My Dad Says“, fünf Wochen danach stand es auf Platz eins der Bestsellerliste der New York Times. Im Februar 2011 wurde die deutsche Version „Sh*t – Ansichten meines Dads“ veröffentlicht. Vater Samuel kommentierte die literarische Karriere seines Sohnes in gewohnt bissiger Manier. „DU ein bekannter Buchautor? Das Internet zählt nicht – da kann ja jedes Arschloch seinen Senf abgeben“, zitiert ihn Justin am 04. Mai 2010.

Bild unter Creative-Commons-Lizenz: Collapse The Light, http://www.flickr.com/photos/eamon33/5014735604/

Sogar ins Fernsehen haben es die Halperns geschafft. Der US-Fernsehsender CBS strahlte von September 2010 bis Februar 2011 die Sitcom „$#*! My Dad Says“ aus. In der Hauptrolle: kein geringerer als William Shatner, der vor allem als Captain Kirk im „Raumschiff Enterprise“ berühmt wurde. Justin Halpern arbeitete als Co-Creator an der Produktion mit.

Er hat sich durch Twitter seinen Lebenstraum verwirklicht. Schon lange wollte er ein bekannter Drehbuchautor werden. Als 28-Jähriger zog er jedoch zurück zu seinen Eltern, nachdem er in Los Angeles keinen Erfolg gehabt hatte. Ohne Geld und von der Freundin verlassen. Doch er machte aus der Not eine Tugend und wurde zum „Internetphänomen“. Und nicht nur das: Er ist seinem Vater auch näher als früher – mehr kann man aus Twitter nun wirklich nicht rausholen.

Justin Halpern hat Twitter-Geschichte geschrieben. Was als digitale Ablage schräger Zitate begann, dient der regelmäßigen Bespaßung von fast drei Millionen Lesern aus aller Welt. Es braucht also nur etwas Philosophie, um bei Twitter große Wellen zu schlagen. Und ganz viel Vulgäres.

6 Gedanken zu “Vulgär-Philosophie – Wie @justin_halpern mit @shitmydadsays berühmt wurde

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