Viel Witz, wenig Nörgelei: Wie @ichglaubeshackt das Weltgeschehen kommentiert

Der neue Jahrgang der Kölner Journalistenschule porträtiert kuriose, lustige und interessante Personen aus der deutschen Twitter-Sphäre. In der achten Folge schreibt Max Esser heute über Michael Prayon alias @ichglaubeshackt.

Schwarze Fingernägel, fettige Haare, blasse Haut – so sieht angeblich der typische Computernerd aus. Das Klischee ist natürlich ziemlicher Unsinn – ebenso wie das Gerücht, wonach Twitter nur etwas für die viel zitierte „Jugend von heute“ sei. Michael Prayon, bei Twitter bekannt als @ichglaubeshackt, ist dafür das beste Beispiel.

Ein Hund? Ein Reh? Jedenfalls das Profilbild von @ichglaubeshackt
Ein Hund? Ein Reh? Das Profilbild von @ichglaubeshackt

Seinen 30. Geburtstag feierte er bereits in den Neunzigerjahren, als die Welt mit Vielem beschäftigt war, bloß nicht mit Twitter. Doch sein Alter hindert Prayon nicht daran, sich in die Herzen einer steigenden Fangemeinde zu zwitschern. Über 1300 Follower hat er im Moment. Kein Wunder, denn der Grandseigneur der Twitterszene beobachtet das Welt- und Alltagsgeschehen mit Witz, Charme und Intelligenz. Aber vor allem tut er etwas, das ältere Herren besonders gerne tun: Nörgeln.

Dabei hat er auch ein Lieblingsthema, nämlich die große Politik. Und sogar ein Lieblingsopfer. Getreu dem Motto „Immer auf die Kleinen“ hat es ihm die FDP besonders angetan. Sein Tweet „Irgendwie erinnert mich die FDP an Beck´s Green Lemon: Mit 2,5 % kommt einfach keine Stimmung auf“ traf besonders ins Schwarze. Er wurde 52 Mal retweetet, bis jetzt sein Rekord. Zudem verriet er, was passiert, wenn man pdf rückwärts liest und fragte in Stern-Manier „Was macht eigentlich… Guido Westerwelle?“ Zu allen großen politischen Themen der vergangenen Monate äußerte er sich, egal ob Euro-Krise, Gaddafi-Sturz oder der Occupy-Bewegung.

Doch immer bleiben die Grenzen zwischen Wortspiel, Witz und echter politischer Überzeugung fließend. Spricht hier jemand, der einen ernsthaften Gedanken formuliert? Oder jemand, der das Weltgeschehen aus der Distanz eines Kabarettisten betrachtet? Auch bei noch so genauem Hinschauen bleibt diese Frage unbeantwortbar. Eine politische Verortung? Fast unmöglich.

Zweifelsfrei zu belegen ist hingegen, dass Michael Prayon auf der digitalen Welle nicht nur einfach mitschwimmt, er ist viel mehr Profi-Surfer. Nicht nur bei Twitter ist er unterwegs, auch beim neuesten Netzwerk – Google Plus – mischt er mit.

Prayon lebt in einer Beziehung mit einer Frau, die er vor vier Konfektionsgrößen kennen gelernt hat. Seit neuestem ist diese Frau auch bei Twitter, @FrauSamsa heißt sie dort. Zumindest die Affinität für das soziale Netzwerken teilen sie also.

Zusammen leben sie in Frankfurt am Main und haben zwei Kinder. Ab und an zeichnen sich da Konflikte ab: „Tochter hat mich in die weihnachtliche Nintendo DS-Falle gejagt. Werde aus Rache ihrem 17 Monate alten Bruder eine PS3 schenken. So!“ Das twitterte er am 14. November. Ansonsten verwöhnt Michael Prayon seine Kinder aber so richtig: „Mist! Ich habe die Reiswaffeln. Also packt meine Tochter im Kindergarten gerade das Kaviar-Sandwich aus.“

Doch eine Frage ist nach wie vor nicht beantwortet: Michael Prayon geht auf die 50 zu, Twitter ist noch nicht einmal im Kindergartenalter. Warum tut er sich diesen digitalen Schnick-Schnack also an?

Es könnte beruflich bedingt sein. Denn hier ist Prayon durch die ganz harte Schule gegangen: „Ich muss mich nicht in einem Terrorcamp ausbilden lassen – ich arbeite in der Werbung.“ So lautete ein Tweet am 16. Juni dieses Jahres. Tätig ist er als Texter in einer „schnuckeligen Agentur“ in Frankfurt. In der Kreativbranche ist man natürlich zugänglicher für jegliche Neuigkeit im World-Wide-Web.

Eines seiner wenigen Fotos: "Herbst ist"
Eines seiner wenigen Fotos: "Herbst ist"

Die Werbebranche und das Dasein auf Twitter teilen zudem zwei entscheidende Aspekte. Erfolg haben erstens einprägsame Formulierungen, die zum Lachen oder Nachdenken anregen. Zweitens – und noch viel wichtiger: In beiden Welten werden bewusst manche Aspekte verstärkt und Fassaden aufgebaut. Ein Produkt wird mit Tricks und Kniffen beworben, der Twitterer tut Selbiges mit seinem Internetauftritt. Er zeichnet ein digitales Bild von sich, bleibt dabei aber stets vage im Konkreten. Oder umgekehrt.

Ein Werbeprofi wie Prayon weckt mit seinen gekonnten Formulierungen Sympathien. Doch genauso gekonnt schafft er eine Fassade, einen Nebelschleier, in dem sich das Persönliche mit dem Selbstbild zu einer untrennbaren Einheit vermischt. Was den Mann hinter @ichglaubeshackt wirklich bewegt – man kann es nur erahnen.

 

 

11 Gedanken zu “Viel Witz, wenig Nörgelei: Wie @ichglaubeshackt das Weltgeschehen kommentiert

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