Biografie mit Ironie – Das Leben und die Komik des @vergraemer

Der neue Jahrgang der Kölner Journalistenschule porträtiert kuriose, lustige und interessante Personen aus der deutschen Twitter-Sphäre. In der neunten Folge schreibt Raphael Moritz heute über Jan-Uwe Fitz alias @vergraemer.


Foto: @UltimateManiac / Twitpic

Es gibt 56 Arten von Humor, vielleicht auch 156 oder noch mehr. Aber längst nicht jede Art von Humor ist so besonders, wie die des @vergraemer. Er fühlt sich von Wanderbaustellen verfolgt, stellt Produkte von zu Hause ins Supermarktregal oder klaut mit den Füßen. Er leidet unter Sozialphobie, Verfolgungswahn und der „Hinstellungsmanie“.

All das macht den vergraemer zu einer Twitter-Perle. Er hat mehr als 37.200 Follower, fast 6900 Tweets abgesetzt und ist unter den Top5 der lustigsten Twitterer gelistet.

Das @Vergraemer-Publikum in Diagramm-Form


Hinter dem vergraemer verbirgt sich Jan-Uwe Fitz, der vor einigen Jahren unter seinem richtigen Namen angefangen hat zu bloggen. Erst Ende 2008 begann er zu twittern. „Da mir das Konzept völlig sinnlos erschien, habe ich mich angemeldet“, erklärt Fitz, „und aus Neugier gegenüber allem Neuen, solange es nicht weh tut, zu anstrengend ist und ich das Haus nicht verlassen muss.“

Mittlerweile hastet er von einer Lesung zur Nächsten. Außer Haus.

Fitz ist nach eigenen Worten „über 30“. Vor 20 Jahren habe er sein Studium abgebrochen, weil er es in Menschenmengen nicht aushielt, erzählt er im Interview. Im Alter von sechs Jahren verlor er seinen Vater, zwei Jahre später seine Mutter. Anschließend kam er bei Freunden seiner Eltern unter. „Diese Familie war das größte Glück, das ein Kind in meiner Situation haben konnte“, erzählt der gebürtige Gießener.

In einer Biografie beschreibt er sich selbst als einer der „bedeutendsten zeitgenössischen Taubenvergrämer“, der im Krankenhaus geboren worden sei und kürzlich den Antrag gestellt habe, „in Zukunft ein Staat zu sein“.

Wer mit Jan-Uwe Fitz spricht, hört immer wieder den vergraemer durch. Der ist speziell, sein Humor nicht jedermanns Sache. Es ist ein Mix aus Komik, Unsinn und Trash; die Grenze zwischen Absurdität und Realität ist hauchdünn.

„Ohne Ironie“, sagt der Autor, „wäre das Leben nicht zu ertragen. Abstand ist wichtig. Sonst geht man kaputt.“

In diesem Jahr hat der Werbetexter, der auch für Agenturen wie Grey und Konzerne wie Volkswagen textet, sein erstes Buch veröffentlicht. Titel: „Entschuldigen Sie meine Störung“.

In dem „Wahnsinnsroman“ beschreibt Fitz seinen Weg in die Nervenklinik und wieder zurück. Im kommenden Jahr soll ein zweites Buch folgen. Mittlerweile füllt er ganze Säle und liest vor großem Publikum.

In seiner „Jour Fitz“ veranstaltet er gemeinsam mit bekannten Twitter-Größen bundesweite Lesungen. Meist in seiner Wahl-Heimat Berlin, aber auch mal außerhalb – im Januar 2012 zum Beispiel in Köln.

Wie es ist, wenn er vorliest, zeigt ein Video, das im Netz zu finden ist. Mit schriller Stimme beschreibt er darin eine Zugreise von Limburg nach Frankfurt, auf der er im Speisewagen auf einen Menschenhasser trifft. Immer wieder erfüllt lautes Gelächter den Raum. Den Humor seiner Zuhörer scheint er zu treffen – und darauf kommt es an.

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