Besser als gehackt: @smsvgn und die Komik der Echtzeit-Kommunikation

Der neue Jahrgang der Kölner Journalistenschule porträtiert kuriose, lustige und interessante Personen aus der deutschen Twitter-Sphäre. In der siebten Folge schreibt Lea Deuber heute über Anna Koch und Axel Lilienblum alias @smsvgn.

Wenn Barack Obama für tot erklärt wird, Britney Spears dem Satan dankt oder Rick Sanchez sich wegen akuten Crack-Rauschs von der Arbeit abmeldet – dann ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass ihre Twitter-Accounts gehackt oder gefälscht wurden.

Wenn hingegen bei @smsvgn um 19:00 Uhr angekündigt wird: ,,Wir haben gerade bei Ikea 3197 Bleistifte mitgenommen. Bauen jetzt Floß“ – dann ist es der ganz normale Wahnsinn des bereits seit drei Jahren sehr erfolgreichen Twitteraccounts von Anna Koch und Axel Lilienblum.

Die Beiden sammeln und veröffentlichen SMS. Kurznachrichten, die von großen Abenteuern und kleinen Geschichten erzählen. Die einen sprachlos machen und staunen lassen. Die meist von letzter Nacht handeln, in der man gegen Frodo kämpfte oder gegen den eigenen Alkoholpegel, aber meist gegen beide.

Bis zu 100 SMS am Tag

Zusammen mit dem Twitteraccount haben die beiden Studenten die Internetseite www.smsvongesternacht.de gegründet und diese anfangs mit eigenen und mit SMS ihrer Freunde gefüllt. ,,Einfach und unterhaltsam“ sollte sie sein, sagt Anna Koch. Das ist gelungen. Mittlerweile schicken die Leser SMS ein – und zwar bis zu 100 am Tag.

Trotz der Flut von SMS freut sich Axel Lilienblum, Physiker und freier Journalist, über jede einzelne. ,,Die SMS sind immer eine Mixtur aus Kurzgeschichte, Momentaufnahme und Situationskomik“, sagt er in einem Interview mit dem Klartext-magazin.

So denken wohl auch die über 700.000 Fans auf Facebook und die mehr als 11.000 Follower auf Twitter. Letztes Jahr gab es sogar eine Show auf MTV, in der die lustigsten Sprüche zu den Musikvideos gezeigt wurden. Vielleicht hat sich der eine oder andere sogar wiedererkannt.

Die 29-jährige Anna Koch, die im wirklichen Leben Regie studiert, schätzt, dass sie und Lilienblum mittlerweile fast 20.000 SMS veröffentlicht haben, einige wurden hundertfach retweetet. Sie lesen und filtern jede SMS selbst. Das koste sie zwar mehrere Stunden pro Tag, bereut haben sie den Aufwand aber noch nie. Nicht zuletzt, weil sie von der Seite mittlerweile leben könnten.

2010 ist ihr erstes Buch erschienen. ,,Du hast mich auf dem Balkon vergessen“ ist über 150.000 Mal verkauft worden. In dem Buch gehe es um alles, was ,,zwischen Prosecco und Pro Familia“ passiert, wirbt der Rowohlt-Verlag. ,,Anfangs haben uns unsere Freunde immer angerufen, wenn sie das Buch an einem Bahnhof im Niemandsland gefunden haben oder es in der Presse erwähnt wurde“, sagt Anna Koch. Mittlerweile sei das für die beiden normal. Am 01. Dezember 2011 erscheint ihr zweites Buch „Ist meine Hose noch bei euch?

Keine Fotos, viele Phrasen

Bei all dem Erfolg versuchen Koch und Lilienblum trotzdem normal zu bleiben. Deswegen stellen die beiden weder persönliche Fotos ins Netz, noch haben sie einen persönlichen Twitteraccount. In Interviews antworten sie oft mit den gleichen, unverfänglichen Phrasen. Und auf Google Maps ist selbst die Adresse, die im Impressum ihrer Seite angegeben ist, verpixelt. Das passt erstmal nicht so ganz zu der Intimität der Nachrichten, die sie oft veröffentlichen.

Doch auch ihre SMS-Lieferanten sind geschützt: Die Nachrichten werden stets ohne Angabe von Absender oder Empfänger veröffentlicht. Dass die SMS wirklich immer authentisch sind, wollen Koch und Lilienblum nicht versprechen. Aber eigentlich ist das auch nebensächlich. Ob fiktiv oder nicht: Sich vorzustellen, wie eine SMS morgens um halb drei Uhr versehentlich an Eltern oder den Ex versendet werden, ist lustig.

Man kommt einfach nicht drumherum, die Tweets von @smsvgn zu abonnieren. Zum Abschluss und weil es sich treffender nicht sagen lässt hier noch ein Schmankerl:

Hallo liebes LastFM-Team, ich wünsche mir für meine Schwiegermutter die derzeit im Krankenhaus liegt, von Ich+Ich, „so soll es sein, so kann es bleiben“.


Die Welt im Kurznachrichtenwahn
Von schlafenden Simsern und stillen SMS

Die Zahl der in Deutschland versendeten SMS steigt Jahr für Jahr – Statistiken zufolge verschickten deutsche Handybesitzer 2011 pro Tag rund 117 Millionen SMS, fast doppelt so viele wie vor fünf Jahren.

  • Es gibt offenbar Menschen, die SMS sogar im Schlaf versenden können – zu erkennen sind diese Kurznachrichten am hohen Nonsens-Anteil, wie Schlafforscher beobachtet haben wollen.
  • Kürzlich wurde bekannt, dass die Polizei in Nordrhein-Westfalen allein im Jahr 2010 rund 250.000 „stille SMS“ verschickt hat, um Handys und ihre Besitzer zu lokalisieren.
  • Vier SMS – zwanzig Jahre Haft: Dieses Schicksal könnte einem Thailänder bühen, der in den Kurznachrichten das Königshaus verunglimpft haben soll. Der beschuldigte Rentner streitet die Tat ab – er wisse nicht mal, wie man SMS verschicke, schreibt Spiegel online.
  • Während Thailand auf Strafe setzt, setzt Pakistan auf Prävention – dort sollen SMS künftig zensiert werden, berichtet die NZZ. SMS mit Flüchen oder obszönen Wörtern sind dann tabu. Nicht auszudenken, welche Folgen eine solche Regelung für einen Dienst wie @SMSVGN hätte…


6 Gedanken zu “Besser als gehackt: @smsvgn und die Komik der Echtzeit-Kommunikation

  1. Pingback: 140z.de
  2. Pingback: danielrettig
  3. Pingback: Lea Deuber
  4. Pingback: jens tönnesmann
  5. Pingback: Timo Stukenberg
  6. Pingback: Jacqueline Engelke

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *