Ernsthaft ansteckend: Wie @Scherzinfarkt für Lacher und Entrüstung sorgt

Der neue Jahrgang der Kölner Journalistenschule porträtiert ab sofort kuriose, lustige und interessante Personen aus der deutschen Twitter-Sphäre. In der fünften Folge stellt Charlotte Dietz heute @Scherzinfarkt vor.

Ein Scherzinfarkt ist eine, im wahrsten Sinne des Wortes, sehr ernsthafte Krankheit. Laut Stupipedia kann der daran Erkrankte „über Scherze, über die eigentlich jeder lacht, nicht oder nicht lange lachen.“ Das klingt sehr traurig. Ein Schicksal, das man sich nicht ausmalen möchte.

Der Teaser für den Artikel; Bild von Florian MeyerFlorian Meyer ist der leibhaftige Scherzinfarkt – zumindest auf Twitter. Dort hat er mehr Follower als manche Kleinstadt Einwohner zählt; sogar seinen Ehepartner hat er über Twitter kennengelernt und einen Shitstorm musste er auch schon über sich ergehen lassen. Florian Meyer ist fast schon ein Twitter-Promi.

Warum aber der Name Scherzinfarkt? Entweder, Florian Meyer gehört selbst zur Risikogruppe, hat vielleicht schon einmal einen solchen Infarkt erlitten und möchte uns nun, von Witzen traumatisiert, warnen. Oder aber er möchte verdeckt darauf hinweisen, dass seine Beiträge besonders Scherzinfarkt-gefährdend sind.

Seine Tweets erschaffen zumindest potenzielle Scherzinfarkt-Opfer. Wenn er erachtet, dass „Georgios Papandreou die bisher beste Rolle von Günter Wallraff“ sei, wird nicht nur Herr Wallraff über diesen etwas angestaubten Vergleich bestenfalls müde grinsen. Und Tweets wie dieser – nunja. Ja, vielleicht verursacht Florian Meyer mit dem ein oder anderen Beitrag Scherzinfarkte.

Ein Tweet von @Scherzartikel vom 6. November Insgesamt sorgt er auf Twitter aber vor allem für eins: Lacher. Zum Beispiel, wenn er praktische Alltagstipps gibt: „Vorsicht, rechtliche Folgen: Wer es in der Halloween-Nacht zu bunt treibt mit seinen Schockern, kommt in Schreckhaft!“, schrieb er am 31. Oktober. Auch kommentiert er gerne Ereignisse oder Zustände seines Lebens: „Wenn ich mir meinen Kontostand so ansehe, bin ich schon vor Monaten aus dem Euro ausgestiegen.“ Pragmatisch, nüchtern, gut gelaunt –  diese Schlagwörter beschreiben den Humor, der sich stringent durch seine Beiträge zieht.

Fest steht: Man mag diesen Scherzinfarkt. Über 11.400 Follower hat er auf Twitter, Tendenz steigend, in den zwei Jahren und acht Monaten seiner Aktivität verfasste er in dem Portal beachtliche 20.160 Tweets. Er kann nicht genau sagen, wie viel Zeit er in seine Internet-Auftritte investiert. „Das meiste geschieht spontan und ‚nebenbei‘.“

Aber Florian Meyer kann auch anders. Seit Juni 2009 betreibt er einen Blog. Und anstatt, wie so viele Blogger, beliebig alles zu posten, was ihm in den Sinn kommt, schreibt der 28-jährige meist längere, sprachlich und inhaltlich ausgefeilte Beiträge. Häufig handelt es sich dabei um Buch-, Spiel- oder Filmrezensionen. Gerne lässt er sich auch aus über Dinge, die ihn stören, ob Telekom, Kaffeetrinker, Internet-Passwörter oder das Dschungelcamp. Vielleicht ist er doch ab und an selbst vom Scherzinfarkt betroffen?

Kein Geheimnis macht Florian aus seiner Liebe zur Wahlheimat Köln. So verfasste er am 11. Juni 2011 eine „Liebeserklärung an die seltsamste Stadt der Welt“. Seit fünf Jahren lebt er hier. Als Online-Redakteur einer Kölner Boulevardzeitung wurde er damals von seiner Geburtsstadt Bonn in die Domstadt versetzt. Das größte Fest der Stadt jedoch ist ihm zeitweise suspekt. Als „kölsche Knopfdruckfröhlichkeit“ bezeichnet er den Karneval.

Ein Tweet von @Scherzinfarkt vom 3. NovemberFlorian Meyer ist außerdem das beste Beispiel dafür, wie sehr ein aktives Twitter-Dasein auch das Privatleben beeinflussen kann. Über das Online-Portal lernte er Mike kennen, mit dem er seit Mai 2011 verheiratet ist. Neben Mike liebt er zwei Dinge besonders: Seine Hündin Emma, die nie bellt, „es sei denn, in der Nachbarschaft spielen Kinder Martinslieder auf der Trompete…“, und Apple. War er anfangs noch skeptisch gegenüber MacBook & Co., so besitzt er mittlerweile iPad, iMac und iPhone.

Unser Scherzinfarkt weiß die Vorteile des Web 2.0 zu nutzen. Im März 2010 organisierten er und andere Twitterer eine Ebay-Auktion zugunsten der Aidshilfe Köln und riefen via Twitter und Blogs zu Spenden auf. Allerdings testet Florian Meyer die Möglichkeiten des WWW auch hin und wieder bis an dessen Grenzen. Im Februar 2011 bat er seine Leser um eine kleine Finanzspritze zur Hochzeitsfinanzierung – eine Aktion, die eher auf Kopfschütteln denn auf Verständnis stieß. Ein kleiner „Shitstorm“ war die Folge.

Er weiß, dass er provoziert. Allerdings nimmt er sich selbst dabei zum Glück nicht immer allzu ernst. Beispielsweise führte er für seinen Blog ein Interview mit sich selbst. Darin sagte er: „Ich habe mal gelesen, dass man anecken muss, wenn einen die Leute wahrnehmen sollen.“ So ist es. Und dabei löst man dann wohl auch den ein oder anderen Scherzinfarkt aus.

Florian Meyer interviewt sich selbst
Florian Meyer beim Selbstinterview

6 Gedanken zu “Ernsthaft ansteckend: Wie @Scherzinfarkt für Lacher und Entrüstung sorgt

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