Nonsens in Perfektion: Warum @coldmirror viele Menschen begeistert

Der neue Jahrgang der Kölner Journalistenschule porträtiert ab sofort kuriose, lustige und interessante Personen aus der deutschen Twitter-Sphäre. In der dritten Folge porträtiert Henriette Jedicke heute Kathrin Fricke alias @coldmirror.

Screenshot aus Video: http://www.einsfestival.de/sendungen/coldmirror.jsp?video=/videos/einsweiter/video_xml/2010/kw_52/101029_einsweiter_101230.xml

„Ich wollte heute eigentlich was SCHAFFEN“ – so lautet ein typischer Tweet von „Coldmirror“. Mehr als 60.000 Menschen lesen diese und andere Belanglosigkeiten. Bloß: Warum?

Ein Grund ist sicher ihre ständige Internetpräsenz: Kathrin Fricke ist nicht nur bei Twitter, sondern hat einen Youtube-Kanal mit mehr als 300.000 Abonnenten und eine Facebook-Seite (die allerdings seit drei Jahren ruht). Mehr noch: Seit drei Jahren betreiben Internetnutzer sogar ein eigenes Coldmirror-Wiki, in dem sie jegliche Informationen über Fricke sammeln.

Dort erfährt man unter anderem, dass „Kaddi“ am 13. Oktober 1984 zur Welt kam und in Bremen wohnt. Bekannt wurde sie, als sie die Harry Potter-Filme auf ihrem Youtube-Kanal neu synchronisierte. Den ersten Teil der Serie unter dem Titel „Harry Potter und ein Stein“ leitet sie selbst so ein: „Tatsächlich ist dieser Film total schwul und ganz schön behindert.“ Dann verspottet sie die einzelnen Charaktere. Das Ganze erscheint etwas chaotisch und ist wohl eher etwas für Nicht-Harry-Potter-Fans.

Doch seit 2009 gibt es für Kathrin Fricke noch ein Leben außerhalb von Youtube und Twitter. Die studierte Kunstwissenschaftlerin arbeitet als Moderatorin in Rundfunk- und Fernsehsendungen. Für YouFM, die Jugendradiowelle des Hessischen Rundfunks, produziert sie Videos mit Kritiken von Videospielen. Mit dem Team von YouFM entwickelt sie die monatlich in Einsfestival ausgestrahlte TV-Sendung Coldmirror.

Herz der 15-minütigen Sendung sind die „Misheard Lyrics“. Dabei zeichnet Fricke Comics aus missverstandenen Songtexten. Während im Radio maximal ein Halbsatz falsch verstanden wird, illustriert sie komplette Liedtexte als vollständigen Nonsens. Während der Frauenfußball-Weltmeisterschaft im vergangenen Sommer sendete die ARD-Sportschau sogar regelmäßig Misheard Lyrics-Videos in ihrem Programm, immer angelehnt an das jeweilige Spiel. Sie stehen auch auf ihrem YouTube-Kanal.

Tweets wie der linke lassen dabei nur erahnen, wie viele Stunden Zeit in den Videos steckt. Aber dass die Arbeit sich lohnt, zeigen die vielen positiven Rückmeldungen in Form von Kommentaren (persönliche Nachrichten kann man Kaddi schon lange nicht mehr schreiben).

In einem Interview in der Online-Talkshow „Clixoom“ erzählt Kathrin Fricke vom Beginn ihrer Video-Karriere: „Zur Konfirmation bekam ich eine Kamera geschenkt und habe dann begonnen, Parodien von Filmen zu drehen.“ Sie schaffe gerne Sachen, die nicht real sind. Vielleicht, weil sie sich den wirklichen Herausforderungen ihres Lebens nicht mehr gewachsen fühlte: Als Kind habe sie „Traurigkeit als normal empfunden“. Nach der Scheidung ihrer Eltern und dem Tod ihrer Schwester sei sie kurz davor gewesen, sich umzubringen. „Harry Potter hat mich aufgehalten. Ich wollte wissen, wie die Geschichte weitergeht“, verrät Fricke im Interview. Mit ihren Synchronisationen schloss sich dann der Harry-Potter-Bogen in ihrem Leben.

„Ich bin immer ich selbst geblieben“, sagt Fricke. Möglicherweise ist diese Authentizität ein weiterer Grund für ihre riesige Anzahl an Fans und Followern. „Ich wollte heute eigentlich was SCHAFFEN“ – online schafft „Coldmirror“ jedenfalls eine Menge.

5 Gedanken zu “Nonsens in Perfektion: Warum @coldmirror viele Menschen begeistert

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  4. Die Facebook-Seite, die ihr verlinkt, wurde NICHT von Kathrin angelegt. Das hat irgendwann mal ein Fan gemacht und sich dann nicht mehr darum gekümmert. Die Seite ist in keiner Form offiziell, Kathrin hat keinerlei Kontrolle darüber, was dort erscheint oder nicht. Eine offizielle Facebook-Seite von Coldmirror gibt es nicht – sie mag Facebook nicht.

    Die „Misheard Lyrics“ kommen in der aktuellen Staffel der Sendung nicht mehr vor – das Konzept war verbraucht.

    Außerdem eine Sache, die viele missverstehen: Kathrins suizidale Phase war lange VOR dem Tod ihrer Schwester. Es war kurz vor und während der Scheidung ihrer Eltern, ca. 2001/2002. Ihre Schwester starb 2007 bei einem Verkehrsunfall, was Kathrin sehr mitgenommen hat, aber da stand sie ansonsten schon längst wieder emotional auf festen Füßen, hatte einen festen Freund, eine erstarkte Beziehung zu ihrer Mutter und hat auch von sich aus den Kontakt zu anderen gesucht, anstatt sich wieder einzuigeln wie damals.

  5. Da ich mich als einen Fan von Coldmirror, ihrem Humor und ihren Videos bezeichnen würde, fallen mir hier einige Dinge im Text auf, die mir nicht ganz richtig erscheinen.

    Beispielsweise heißt es, die Neusychronisationen von Harry Potter wären eher nicht für Fans geeignet. Im Gegenteil, denn Coldmirror bezeichnet sich selbst als großen Harry Potter-Fan und ich meine, mich daran erinnern zu können, dass sie in einem ihrer Videos erwähnte, dass diese Synchros eine Hommage an diese Geschichte wären – nur eben auf ihre Art.

    Auch würde ich die Posts von ihr nicht als „Nonsens“ bezeichnen, da mich als Fan einfach diese dadurch hergestellte „Nähe“ freut, dass sie Dinge aus ihrem Alltag mit uns teilt.

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