Ein Tier mit Fangemeinschaft: Doch wer ist der Mensch hinter @haekelschwein?

Der neue Jahrgang der Kölner Journalistenschule porträtiert ab sofort kuriose, lustige und interessante Personen aus der deutschen Twitter-Sphäre. Den Anfang machte kürzlich Melanie Voß alias @Mellcolm. In der zweiten Folge stellt Lisa Kolde den geheimnisvollen Herrn @Haekelschwein vor.

Das perfekte Sandwich, weiß Michael Budde, ist ein Bagel. Es nenne sich Peanut-Chicken-Bagel und sollte vorzugsweise mit einem Schokobagel gegessen werden. Greift er selbst zum Kochlöffel, dürfen die Rezepte nicht zu viel Interpretationsfreiraum lassen, denn „da kann man auch gleich schreiben: Kochen Sie, was Sie wollen.“

Foto: privat
Foto: privat

Solche in Tweets verpackte Anekdoten sind es, mit denen Budde alias Herr haekelschwein mehr als 15.500 Follower und damit das Internetgut überhaupt erreicht: Aufmerksamkeit. Mehrmals täglich, manchmal sogar im Stundentakt, twittert er Anekdoten, Alltagstipps und Beobachtungen auf 140 Zeichen.

„Kennt ihr das?“, fragt er etwa am 26. Oktober in die Runde, „wenn sich eine Novemberschwermut einschleichen will und man energisch auf den Kalender verweisen muss?“  Die meisten Leser dürften sich in solchen und ähnlich unterhaltsam formulierten Tweets wiederfinden – und sich deshalb bei Herrn haekelschwein äußerst wohl fühlen.

Versucht man allerdings, etwas über Budde selbst herauszufinden, wird es schwierig. Zwar schreibt dieser munter über zeitraubende Augenarztbesuche, fehlgeschlagene Schuhkäufe und gibt persönliche Erkenntnisse zum Besten („Es gibt doch nix Schöneres, als Geschenke für 36-Jährige in lustiges Häschenpapier einzupacken!“).

Nach Durchforsten des Twitteraccounts muss man allerdings feststellen: Viel mehr als einen Namen, häufige Anwesenheit in Göttingen und ein buntes Bild an Vorlieben verrät die Präsenz nicht. Auch sein Twitpic-Konto enthält fast nur Bilder von Haekelschweinen (vor Loch Ness oder auch mit Günter Grass), aber nicht von Budde selbst. Ein Foto von ihm findet sich nur nach längerer Suche in dem Blog „Fünf Bücher“ von seinen Twitter-Kollegen @mellcolm und @philippewyssen – seine fünf Lieblingsbücher verrät er darin zwar, nicht aber allzuviele Details über sich selbst.

Das macht neugierig. Erschafft sich Michael Budde mit Herrn haekelschwein ganz bewusst eine unabhängige Identität für die Onlinewelt?

Google hilft beim Beantworten dieser Frage. Neben dem Twitteraccount wird dort auch die Homepage haekelschwein.de angezeigt,  die den Besucher mit Fotos, Videos und vielseitigen Gebrauchsanweisungen rund ums kleine Schweinchen versorgt. Sogar das rosa Kultobjekt selbst wird feilgeboten. Doch wo ist Michael Budde? In der Rubrik Blog findet man ihn schließlich wieder – und zwar diesmal als Autor ernster Artikel.  Ein Post empfiehlt „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ von Hannah Arendts, ein anderer erzählt das Gleichnis vom Kapitalkrebs.

Widerspruch zum Twitter-Humor? Das findet Budde nicht. Er albere zwar gerne herum, aber „bloße Spaßmacherei wäre mir zu wenig. Ich möchte meine Leser auch ein wenig sozialer, toleranter und kritischer machen“. Michael Budde geht es offenbar nicht nur um den leichten Zeitvertreib.


Tweet-Shot, Quelle: Twitter

Schnell gelöst ist das Rätsel von Huhn und Ei: Schon vor dem ersten Tweet (21.02.2009, „Ich beginne, zu twittern“) gab es Homepage samt Blog. Und auch Das haekelschwein Buch stammt noch aus den Zeiten vor Twitter. Inhaltlich basierte es auf der Spots-Rubrik der Homepage, in der scherzhaft die ungewöhnlichsten Anwendungsgebiete des rosa Stoffschweinchens beschrieben werden – vom Türstopper bis hin zur Schädlingsbekämpfung.

In den vergangenen Jahren hat Budde nicht nur dieses und ein weiteres Buch, sondern nach eigenen Angaben auch rund 12.000 Haekelschweine über seine Homepage verkauft. Selbst häkelt er diese nicht. Diese Aufgabe übernehme die „Häkeloma“, über die Budde erstmal nur verrät, dass sie „mit 96 Jahren gerade die Blüte ihrer Schaffenskraft erreicht hat“. Da ist sie wieder, die Mauer, hinter der man den Menschen Budde nur erahnen kann.

Wo kommen die Haekelschweinchen her? Buddes Erklärung steht im Widerspruch zu diesem Video.

Stellt man ihm per Mail einige Fragen wird der Schöpfer des Haekelschweins dann doch überraschend greifbar: Er fotografiere gern, erzählt er, „aber ich bearbeite die Bilder anschließend mit dem Computer und stelle sie ins Netz.“ Er liest, aber ob die Buchstaben auf Papier, seinem e-Book-Reader oder dem MacBook stehen, ist ihm gleich. Und selbst beim Radfahren hört er ab und zu Podcasts. „Die Abgrenzung zwischen meiner online- und offline-Freizeit wird immer unschärfer“, gesteht er.

Vielleicht tut man Budde doch Unrecht, wenn man behauptet, er gebe nur wenig Wichtiges von sich preis. Ungefragt erzählt er am Ende der Email-Korrespondenz erneut von der Häkeloma: Zum Geburtstag habe er ihr ein Fotobuch mit Haekelschweinfotos aus aller Welt geschenkt. „Es gibt wohl nicht viele Omas, deren Handarbeiten so weit gereist sind“, erklärt er, und man meint den Stolz aus diesem Satz herauszulesen. Budde gibt nicht alles von sich preis und ein Porträtfoto mag er auch nicht herausrücken. Doch durch Herrn haekelschwein schimmert ein reales Leben durch.

8 Gedanken zu “Ein Tier mit Fangemeinschaft: Doch wer ist der Mensch hinter @haekelschwein?

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  7. Warum interessiert eigentlich „der Mensch hinter“? Wir haben den Herrn @haekelschwein und der ist genau so wie er sein soll und will, und wie wir ihn mögen. Langt doch.

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