Anonymer Witzebastler – @alleskarl und die Suche nach Wortspielen

Der neue Jahrgang der Kölner Journalistenschule porträtiert kuriose, lustige und interessante Personen aus der deutschen Twitter-Sphäre. In der zehnten Folge schreibt Henning Jauernig heute über Käptn Karl alias @alleskarl.

Am 30. Oktober passiert es: @alleskarl taucht unter. Normalerweise schreibt „Käptn Karl“, wie er sich selbst nennt, etwa zehn Tweets am Tag – jetzt ist er zwei Wochen offline. Eine ziemlich lange Zeit im Internet. Vor allem bei Twitter, dem schnellsten Netzwerk von allen. Kleine Sorgen sollen sich seine Follower machen, so seine letzte Nachricht. Etwa drei Wochen dauert es, dann endlich sendet er die erleichternde Botschaft: Es geht ihm gut, und 3.000 Follower können aufatmen.

Bloß: Warum eigentlich? Was mögen seine Fans so an Karl?

Womöglich freuen sie sich, weil sie endlich wieder mehrere witzige Sprüche am Tag lesen können. Kleine, nette Wortspiele, die man meistens auf Anhieb versteht. Er verdreht nur einige Buchstaben, bei denen sich aber immer kuriose Zweideutigkeiten ergeben. So wie bei den „kleinen Sorgen“ eben.

Karl mag es, mit Wörtern zu spielen. Immer schon. Bevor er sich bei Twitter anmeldete, schickte er einem gutem Freund mehrere SMS am Tag – vollgestopft mit Wortkombinationen. Im Juni vergangenen Jahres entdeckte er Twitter, und nun bleibt das Handy seines Freundes stumm.

Denn Karl ist viel zu sehr damit beschäftigt, alles, was er im Alltag liest, auf seine Wortspielfähigkeit zu überprüfen – „mit allen Algorithmen, die man dafür abgespeichert hat“. Klingt kompliziert, ist es auch. Witze erfinden ist ein hartes Geschäft. Bei Twitter erst recht. Es ist ein Wettkampf um die besten Tweets, die möglichst vielen gefallen, viele Klicks bekommen und häufig weitergeleitet werden. Dieser Wettkampf spornt ihn an. Dabei darf er nicht immer die gleichen Wortmuster verwenden. Nur wer seine Einzigartigkeit bewahrt, ist in der Twittersphäre erfolgreich. Und die Konkurrenz ist groß. „Es gibt noch viel genialere Witzebastler“, sagt er selbst.

Doch dieser Wettbewerb macht für ihn nicht den ganzen Reiz von Twitter aus. Freude, Respekt, ja ein Lächeln von seinen Followern geschenkt zu bekommen sei ihm viel Wichtiger. Der direkte Kontakt zu seinen Followern tut ihm gut. Vielleicht auch deshalb, weil Karl im realen Leben eher zurückhaltend ist und schnell nervös wird. Er vergleicht sich mit dem tollpatschigen Monster Grobi aus der Sesamstraße, das Karl als sein Profibild gewählt hat. Grobi möchte ständig jedem helfen. Doch es scheitert, weil ihn die Wesen aus seinem Umfeld verunsichern. „Grobi war und wird immer mein Held sein“, sagt Karl.

Inzwischen traut er sich, auch ernste Tweets zu versenden, die Einblick in seine Persönlichkeit gewähren. Doch solche Tweets kann er nur schreiben, wenn er weiterhin sein reales Leben aus Twitter fern hält. Er ist um die 30, doch das war es schon an persönlichen Informationen. Weder ein Bild noch seinen echten Namen gibt Karl im Netz preis. Die Menschen in seinem engsten Umfeld, selbst seine eigene Freundin, wissen nichts von seiner Existenz bei Twitter. Denn er befürchtet, dass er sich dann für seine Tweets rechtfertigen müsste. Und dann ginge ihm verloren, was er am meisten an Twitter schätzt: kreative Freiheit.

14 Gedanken zu “Anonymer Witzebastler – @alleskarl und die Suche nach Wortspielen

  1. Pingback: danielrettig
  2. Pingback: 140z.de
  3. Pingback: jens tönnesmann
  4. Pingback: Käptn Karl
  5. Pingback: J.
  6. Pingback: Henning Berg
  7. Pingback: lu
  8. Pingback: Cinema_Noir
  9. Pingback: Henning Berg
  10. Pingback: Patrick Schwarz
  11. Pingback: Listiger Fuchs
  12. Pingback: Daubit
  13. Pingback: Flake

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *